»Die Ringe des Saturn« in Köln. Foto: Stephen Cummiskey

»Draußen vor der Tür« in Bochum. Foto: Arno Declair

»Tief in einen dunklen Wald« in Bonn. Foto: Thilo Beu

»La Traviata« in Essen. Foto: Jörg Landsberg

PREMIERE!

Neue Stücke an Bühnen in Bochum, Bonn, Essen und Köln

 

AB DURCH DIE HÖLLE

Borcherts »Draußen vor der Tür« in Bochum

Es gibt nur einen Ausweg. Er führt in die Tiefe, durch eine Luke im Erdboden, als ginge es in die Kanalisation, die wir nicht Hölle nennen wollen. Weil es auch so recht keinen Himmel und schon gar keinen Gott gibt. Der ist, bei Raiko Küster, ein Beckett-Rest, verlottert, schäbig, im Bademantel und mit Zottelhaar unter der Mütze: ein Fall für die Geriatrie. Und seine Bibel, aus der er die Genesis vorträgt, eine staubige Schwarte. Beckmann, der Kriegsheimkehrer in Gestalt seines anderen, aktivischen Ichs, wird noch die Asche einer Zigarette (es wird in den knapp zwei Stunden viel geraucht) auf der Heiligen Schrift abschnippen und auf das Buch spucken. David Bösch lässt keinen Zweifel, was es auf sich hat mit Wolfgang Borcherts »Draußen vor der Tür«, und erklärt in perfekt herausgeputztem Schmutz und Elend aller kulturell überlieferten Sinnproduktion den Krieg. Gott und das Übrige werden verklappt. Doch mit seinem traurigen Kinderblick, den neo-expressionistischen Bildelementen, mit falschem Beinstumpf, Totenkopfmaske, La Paloma und dem Trio eines Buddy-Movie samt Nikotinkippen hält er sich auch das – durchaus imponierend angeeignete, bildmächtig wüst aufgerüstete – Drama vom Leibe.  

In Büchners »Woyzeck« heißt es, dass der Mond »ein Stück faul Holz, die Sonn ein verwelkt Sonneblum und die Erde ein umgestürzter Hafen« sei. Auf der Bühne der Bochumer Kammerspiele (Dirk Thiele) ist die Elbe eine Pfütze und die heimatliche Stadt, die Beckmann durchquert, ein zellenartiger Bunker mit einem Fleck Dreck. Florian Lange als Beckmann, dieses »reparierte nasse graue Gespenst«, dem Eltern, Heim, Frau und Kind, jede Hoffnung, jedes Ideal genommen werden, hat in seiner schweren Gestalt die Körperwut und -wahrheit eines Götz George. Sein deutlich aufgewerteter Widerpart – Alter Ego und Mephisto in einem deutschen Nachkriegs-Fight Club – legt bei Nicola Mastroberardino eine luziferische One-Man-Revue hin. Er entertaint den rabiaten Söldner mit Killerinstinkt, den zynischen Kotzbrocken, durchgeknallten Egoshooter, alerten Windbeutel und Psychokasper, der sich diverse Stück-Rollen überstreift und eine fixe Nummer draus macht. Nur das Mädchen in rührender Einfalt (fehlte noch, dass Kristina-Maria Peters hinkeln würde) bringt ein wenig Licht ins Dunkel. Auch sie steigt aus dem Kanal. Aber zündet eine Wunderkerze an und winkt mit ihrer Hand einen letzten Gruß, bevor sie wieder in die Unterwelt abtaucht. Bösch, in dessen Aufführungen es auf der Gefühlsebene gern leuchtet, säuselt und naiv lispelt, lässt zwar keinen Zweifel am ernsthaften Impetus der Beckmann-Ballade, aber ebenso wenig daran, dass er Theater spielt. Es hakt im Getriebe. Selbst der Eiserne Vorhang verweigert sich Gottes Befehl. Die Bühnen-Maschinerie gehorcht nur dem Regisseur. | AWI

 

 

ZEITSCHWUND

Katie Mitchell inszeniert Sebalds   »Die Ringe des Saturn« in Köln 

Die Wände der Halle Kalk, nackt, mürbe und porös, tragen die Wundmale des Verfalls. Hier findet die Regisseurin Katie Mitchell den Echoraum für ihre theatrale Annäherung an den deutschen, in England heimisch gewordenen Schriftsteller W.G. Sebald. »Eine englische Wallfahrt« nannte der seinen 1995 erschienenen Reisebericht »Die Ringe des Saturn«. Was das wundersame Buch nur unzulänglich charakterisiert. Der Form nach eine Wanderung durch Suffolk, ist es sehr viel mehr: ein an der Wirklichkeit gehärtetes Traumbuch, schweifend, trauernd über Verlorenes und Vernichtetes. Das Theater Mitchells ist eine Totaloperation an der klassischen Idee von Einheit und geschlossener Form. Die ausgestellte Technik und Logistik mit Kamera und Projektionen, die im Saal verteilten Stationen mit Instrumenten, Laptops und Mischpulten führen den Abstand zwischen der Einfachheit der Handwerksmittel und der Raffinesse der kompositorischen Effekte vor. Überraschenderweise dient so gerade die seelenlose Apparatur dazu, Bewusstseinszustände zu erhellen.

Die Schauspieler tragen Textpassagen Sebalds vor, während sie sich parallel als Geräuschemacher betätigen. Emsig wird getrappelt, gerüttelt und geschüttelt, geraschelt und geschrubbt; es murmelt, klappert, flattert und planscht: eine Partitur aus Stimmen, Klängen und Bildern. Selbst die Gegenstände scheinen zu atmen und zu fühlen. Für Sebalds Literatur eine ideale Methode. 1944 im Allgäu geboren, lebte er seit 1970 in Norwich und starb 2001 bei einem Autounfall. Sein schmerzhaft feines Empfinden für das, was im Verschwinden begriffen ist, erspürt »das langsame Sichhineindrehen der Welt in die Dunkelheit«. Seine präzise Sprache lässt Welle um Welle von Unglück heranbranden. Mitchell, ihr Ensemble und Team haben die Auswahl aus den zehn Teilen des Buches klug getroffen. Sebalds Kunst, die feierlich ist, dünnhäutig und wie schwerelos, wird nicht Gewalt angetan. Aufgerufen werden in einer zur Vergangenheit hin offenen Zeitschleuse Katastrophen und Kalamitäten, Krankheit und Sterben, Raubbau an der Natur und die Verwüstungen durch Zivilisation. Sebald besaß ein Faible fürs Exzentrische, das sich selbst aus der Norm kippt. Er versammelt eigenartige Lebensläufe und Todesfälle, deren Protagonisten sich unmerklich die Hände zu reichen scheinen. Dabei ist in Sebalds essayistisch verästeltem Stil eine Geschichte von der nächsten nur einen Gedankenstrich lang entfernt. Auf Mitchells Bühne liegt der Darsteller des Erzählers, dessen betrübtes Gesicht uns in Großaufnahmen vor Augen tritt, im Spital von Norwich und erinnert sich der Begegnung mit Menschen und Orten während seines Fußmarschs.

Da trifft der Untergeher Sebald einen Gärtner als Zeugen des Luftkriegs. Er beobachtet das Fischsterben an den Küsten der Nordsee. Besucht den als Kind aus Nazi-Deutschland mit seiner jüdischen Familie emigrierten Übersetzer, Freund und Kollegen Michael Hamburger. Bestaunt das in zwei Jahrzehnten konstruierte Modell des biblischen Tempels in Jerusalem. In den poetischen Streifzügen tauchen reale Bilder wie eine Fata Morgana auf: etwa der einst prächtige Landsitz Somerleyton oder die im Niedergang begriffene Stadt Lowestoft. Denkmale des Vergänglichen: versunkene Orte, die nur noch von der Sprache konserviert sind. Mitchells Inszenierung und Installation ruft eine unangestrengt schlichte Stimmung auf, sowohl in den fotografischen Impressionen schwarz-weißer Stillleben wie im beklemmenden, traurig stillen Ablauf. Es ist, als würde man zusehen, wie die Zeit schwindet. | AWI

 

DIE BÖSE UND DAS BIEST

LaButes »Tief in einem dunklen Wald« in Bonn 

Der amerikanische Dramatiker Neil LaBute ist ein Meister gutgeölter Stücke, deren Mechanismus blitzend und verlässlich (und vorhersehbar) das Personal abwärts befördert, immer abwärts. Nach Ibsen’schem Muster wird eine Lebenslüge nach der andern demontiert, bis alle in der Grube sind, all diese Mittelstandsamerikaner. Das Schauspiel Bonn mag LaBute und LaBute zumindest die Bonner Schauspielerin Birte Schrein, für die er sogar mal ein Stück schrieb. So kommt die Deutsche Erstaufführung von LaButes »Tief in einem dunklen Wald« natürlich in Bonn heraus, natürlich mit Birte Schrein. Die spielt Betty, die Schwester von Bobby. Betty und ihr Mann haben ein Häuschen tief in der Natur. Um es neu zu vermieten, müssen die Hinterlassenschaften des Vormieters fortgeschafft werden; Bobby kommt, Betty zu helfen. Sofort beginnt uralter geschwisterlicher Machtkampf: Der »dunkle Wald« meint auch das Dickicht familiärer Verstrickung. Unter Bobbys Vorwurf, ein unmoralisches Leben zu führen, schrumpft Betty, Anglistik-Professorin, zur ewigen kleinen Schwester. Bläht sich der Bruder, ein schlichter Schreiner, zum Patriarchen auf. Zum Inquisitor: Hat sie nicht immer mit allem, was Hosen anhatte, rumgehurt? Was ist mit diesem Waldhaus los? Wer der Mann, der hier gewohnt hat? Wo ist er hin? Was hatte er mit Betty?

Wie der höchst übergewichtige Schauspieler Günter Alt der ungleich zarteren Birte Schrein auf den Leib rückt, wie er mit den schmalschlitzigen Blicken eines Keilers Wahrheit um Wahrheit aus ihr herausbohrt, das ist faszinierend unheimlich zu sehen und gibt dem Stück eine gefährliche Geschwindigkeit. Dass diese nur in eine Richtung zielt, ist nicht der Inszenierung Michael Lippolds anzulasten, die Tempo macht und genau verzahnt (allerdings auch wenig Platz für Zwischentöne lässt), sondern dem Stück selbst: Es will jede Wahrheit als Lüge dekuvrieren, bis es tiefer nicht geht. Das Waldhaus? Bettys Liebesnest, der Ehemann ahnungslos. Der Vormieter? Bettys Lover, der auch nicht der erste war. Und dieser junge Mann? Ist auch nicht fort, sondern tot. Zuletzt: Nicht nur tot, sondern von Betty überfahren, weil er sie zurückgesetzt hatte.

Wer will, kann in »Tief in einem dunklen Wald« auch die tiefe Spaltung Amerikas in »republikanisch« und »demokratisch« erkennen: Bobby wertebewusst aber moralisierend und selbstgerecht; Betty libertär aber bindungslos und im Zweifel egoistisch. Dass beide am Schluss wieder zusammenfinden und -halten, ist das Pathos des Zukunftsvertrauens, das noch in jedem Hollywood-Film am Ende steht. | UDE

 


STÜRMISCHE BÜRGERSTUBE

Wagners »Fliegender Holländer« in Köln 

»Der Fliegende Holländer« ist die letzte Neuproduktion, die im Kölner Opernhaus am Offenbachplatz über die Bühne geht, bevor der Riphahn-Bau saniert und bis 2015 nicht bespielt wird. Dietrich Hilsdorf, der lange mit Wagner fremdelte und dem Überwältigungskünstler eher zögerlich begegnet, bricht hier nun den Bann und zeigt sich auf der Höhe seiner Kunst.

Dieter Richters gekachelter Bühnenraum fungiert als Dalands Küche, deren Bewohner Lars Woldt ölig primitiv darstellt, und ist zugleich eine Spinnerei mit wundersamer Fantasie-Maschine, die auf die industrielle Revolution verweist. Auch die Kostüme weisen in die Entstehungszeit des Werks. Die bürgerlich beengte Innenwelt kann sich plötzlich zu gähnenden Nacht- und Sturmszenarien weiten, um wieder zurück zu schnurren ins scheinbar Geordnete.

Bremens GMD Markus Poschner peitscht die Ouvertüre zum Sturm auf; an der Spitze des auf internationalem Niveau agierenden Solisten-Ensembles glänzt Samuel Youn in der Titelrolle mit heldischer Durchschlagskraft und nuanciert gestaltend.

Hilsdorf liest den »Holländer« als romantische Oper, noch ganz in der Tradition von Lortzings Spieloper verhaftet und mit starken Bezügen zu Webers »Freischütz«. Er begreift ihn nicht rückwärts vom »Parsifal« her, sondern von seiner ästhetischen Herkunft und lässt daher auch nicht den vom Komponisten erst später ergänzten Erlösungs-Schluss spielen. Er zeigt das trostlose Ende der Urfassung: Senta (Erika Sunnegard) erschießt sich selbst mit Eriks (Thomas Piffka) Gewehr. Dem »Freischütz« entliehen ist die stumme Rolle des Samiel, die als doppelgesichtige Frau auftritt: zunächst mit Marien-Schleier, dann als Urbild der Hure. Mit feinen Strichen wird eine frühkapitalistische Gesellschaft gezeichnet, die bereits Anzeichen von Verrohung trägt. | REM

 


AUF DEM ZAUBERBERG

Verdis »Traviata« am Essener Aalto 

Als Giuseppe Verdi mit seiner Vertonung von Alexandre Dumas’ Roman über die »Kameliendame« einen zeitgenössischen Stoff wählte, beschritt er damit bewusst Neuland und sucht ein realistisches Theater: Keine fabelhaften Könige oder antiken Helden, sondern gegenwärtige Figuren standen im Libretto. Die Titelfigur ist eine »Traviata« – vom Weg abgekommen. Die schwindsüchtige Edel-Kurtisane besaß in der Pariser Demi-Monde von 1850 mit Marie Duplessis ihr wahrhaftiges Vorbild.

Johannes Leiacker hat den Saal eines feudalen Lungensanatoriums mit Ausblick in eine Hochgebirgslandschaft auf die Bühne gestellt. In einem der Krankenhausbetten des »Zauberbergs« liegt die Titelheldin und betrachtet sich im Spiegel. Regisseur Josef Ernst Köpplinger verlegt die Geschichte in das Paris der späten 1920er Jahre und lässt die Handlung in der Rückschau ablaufen. Die Klink wird während der vier Akte nie verlassen. Mit flitternden Charleston-Kostümen sorgen Choristen und Statisten für die Party-Kulisse der Ballszenen, im Kontrast dazu steht das intime Kammerspiel, das sich in den räumlichen Weiten etwas verliert.

Die ansonsten eher unauffällige Aufführung lässt der Musik den Vortritt. Um die ist es in Essen wie üblich bestens bestellt: Stefan Soltesz lässt keine falschen Sentimentalitäten zu und sorgt für höchste Transparenz und Präzision. Die armenische Sopranistin Liana Aleksanyan beeindruckt mit ruhig strömenden Legato, leuchtender Pianokultur und einem dunkel grundierten Stimmklang, der der häufig zu leicht besetzten Paraderolle der Violetta ideal bekommt. Felipe Rojas Velozo ist ein lyrisch weich timbrierter Alfredo, der vor allem in introvertierten Momenten überzeugt. Imposant, obwohl viel zu jung für den unbarmherzigen Vater Germont glänzt Aris Argiris mit nobel geführtem, enorm sicherem Bariton. Es ist eine Produktion, die in Essen zum Saisonrenner werden dürfte. | REM

 

Bühne
06 / 2012

PREMIERE!


kultur.west Gezwitscher