Auch Grün: Christian Friedel als Nathanael in »Der Sandmann«. Foto: Lucie Jansch

Premiere: »Der Sandmann« in Düsseldorf

Die Augen verdrehen: Robert Wilson inszeniert E.T.A. Hoffmann

REZENSION ANDREAS WILINK

Robert Wilson zieht die Spieluhr auf und führt sein mechanisches Ballett in Rot, Grün, Gelb auf. Künstlichkeit als das höchste der Gefühle – und als tödliches Verhängnis. Der Regisseur des schwarzromantischen »Black Rider« musste irgendwann auf den »Sandmann« stoßen, E.T.A. Hoffmanns Erzählung über die sagenhafte Spukgestalt, die hier nicht braven Kindern den Schlaf schenkt, sondern Menschen die Augen herauspickt. Ein schwarzmagischer Optikus namens Coppelius bzw. Coppola. 

Ein Augenspiel: Es geht darum, jemandem die Augen zu verdrehen, dass man seinen Augen nicht trauen kann, dass Liebe blind macht. Der Augentröster Wilson ließ uns einst auf seinen Bühnen die Augen übergehen. Ihm vorzuwerfen, sein Handwerk seelenlos zu betreiben, verfängt erst recht nicht bei einem Stoff, der von einem Automatengeschöpf (Yi-An Chen) handelt und vom Opfer des Trugs, dem unseligen Nathanael. Der Rotschopf hat bei dem hochenergetischen Christian Friedel (mit beachtlicher Stimme) etwas von einem ungezogenen Struwwelpeter-Bengel und markiert das Drama des begabten ADHS-Kindes. Der kleine Junge erleidet ein Trauma, als sein Vater stirbt, während zwischen zwei Gedankenstrichen freudianisch über das Heimliche und Unheimliche doziert wird. Er verfällt als Student dem perfekt künstlichen Wesen, der Puppe Olimpia, verliert den Verstand und verdreht final die Augen. Waren es wirklich äußere dunkle Mächte oder nicht doch die »Phantome des Ichs«, die ihn heimsuchen? 

Die Figuren, deren Gesichter, Gesten und Grimassen unter weißer Schminke in grellen Schrecksekunden einfrieren, tänzeln, hopsen außer Rand und Band, trippeln über die Hall-Effekt erzeugende Bühne, schrauben sich in die ironische Arabeske mit Soubretten-Trillern wie Nathanaels Mama (Rosa Enskat) oder mit Pathos-Schmäh (Friedel). Und dann ist da noch die eklektisch aufgeladene Musik. Wenn nicht Anna Calvis samtig voluminöse Pop-Balladen gesungen werden, brummt, klirrt, faucht und schrammelt es, flötet und bläst mokant, knallt wie in der Alchimistenstube oder donnert sich auf zur surrealen Kakophonie. Gewiss ist die Inszenierung mit ihren 24 Szenen exakter, raffinierter, mitunter intelligenter als sonst das Genre Revue, Vaudeville, Musical. Das ABC der Zeichen repräsentiert bei Wilson die Emotion, Gefühl hebt sich auf in der Geometrie. Aber: Die Form wird formelhaft. Es bleibt Manier.

Bühne
06 / 2017

Premiere: »Der Sandmann« in Düsseldorf

Von: Andreas Wilink


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