Premieren Bühne

Härtefall-Regelungen. Eine Theaterreise zu  Peter Hacks, Jean-Paul Sartre, in die amerikanische Familien-Prärie  und zu Bachs etwas anderer Johannes-Passion

//   Schwarz hat viele Farben. Es kann Luxus versprechen, stilvoll die Elite uniformieren, kann armselig wirken und grau wie das Gewand der Not. Schwarz ist die Theaterfarbe – in allen Schattierungen. Auch als Schwarzmalen, Schwarzsehen und Anschwärzen, wofür in unterschiedlicher Weise Kulturpolitik, Theatermacher, die Kritik, die kommunale Kassenlage, die große Finanzkrise und die Weltlage überhaupt zuständig sind.

In Wuppertal wird das Schauspielhaus nicht mehr saniert, somdern vermutlich 2012 geschlossen. Ob nur das Elberfelder Haus oder die ganze Sparte, darüber wird noch getagt,  gerechnet und gestritten. Zwei Millionen weniger Etat (nach einer Stufenkürzung in drei Jahren dann 8,9 Millionen Euro städtische Zuschüsse) dürften das Aus bedeuten.

Zusammengedrängt aufs hintere Foyer, wo es kalt ist und zugig, hofft man sehnlichst, hinter den Vorhang zu dürfen, der das Provisorium einer Spielstätte abschließt und mollig dicht hält. Im Innern ist es so stickig, wie einstmals die vor sich hin bullernden Wärmestuben im Ostblock. Den Schauspielern, obwohl jugendlich frisch und luftig bekleidet, treibt es den Schweiß aus den Poren. Eine Uraufführung beschert den Bühnen Aufmerksamkeit, die Wuppertal abseits von Tanztheater und einer gelegentlichen Musiktheater-Raffinesse sonst kaum kennt, zumal die Etat-Strangulierungen schon jetzt fast in die Bewegungslosigkeit führen.

Peter Hacks, der in Wuppertal Abitur gemacht hat und zum Nationalpreisträger dritter und erster Klasse der DDR befördert wurde, hat so viele Stücke geschrieben, dass »Jona« leicht übersehen werden konnte. Auf 1986 datiert, steht es an der Grenze zum Spätwerk des 2003 gestorbenen Autors. Hacks hat Ulbricht verteidigt, Biermann »verraten«, sich von Brecht gelöst und Euripides und Shakespeares bewundert, hatte für Aristophanes einiges übrig und ebenso wohl für den moussierenden Jacques Offenbach.


Wuppertal, Babylon

Seine Parabel-Komödie gehört ins Reich der Operette, wo Orpheus in der Unterwelt und die schöne Helena ihr Wesen treiben. »Jona« wird vom Wal an Land gespuckt, an die Küste von Ninive, dessen Reich Assur in Koalition mit Babel gegen den Nachbarn Ararat etwas im Schilde führt. Der Prophet des alten moralischen Jehova, von Königin Semiramis flugs zum Hofrat befördert wie an einem kleindeutschen Fürstentum, schaut als Zeuge der Verderbtheit auf dieses andere Sodom und Gomorrha. Und erkennt den »reinen Durchschnitt« der Welt, wie sie nun mal ist – in Ost und West, in Liebe und Politik. Mildernde Umstände also für Zänkerei, Staats-Intrige, Treuebrüche, Gattenmord, Kuppelei, Lüge, Korruption und Bankrott.  

Mit sprunghaftem Elan, der im rührend unzureichenden Verhältnis zur Ausdrucksfähigkeit und Sinnvermittlung steht, stampfen und strampeln fünf Interpreten (des Abschluss-Jahrgangs der Schauspielschule Bochum / Folkwang unter Regie von Marc Pommerening) unverdrossen durch Hacks’ Wortgebäude mit seiner klassizistischen Stuckatur. Turnen über rohe Holzpodeste, um eine Marivaux’sche Unbeständigkeit auszubalancieren. Holzen durch den edlen Blankvers-Forst, gezüchtet zu Ironie-Wuchs wie in Thomas Manns »Joseph«. Dass eine Erstklässler-Schiefertafel und ein Rechenschieber zu den wenigen Requisiten gehören, sagt etwas aus über die geistige Haltung der Aufführung. Um den Mythos und realen Sozialismus ins Humoreske umzufunktionieren, braucht es mehr.


Ein Familienschlachtfest

Die Familie trägt Schwarz. Doch dazwischen blitzt es marsrot. Ein Todesfall mit Folgen. Dad Beverly Weston hat sich ertränkt. Der Poet und heilige Trinker, der mit seinen ersten Worten T.S. Eliot zitiert und dessen geistvoll versoffener Sarkasmus im Stück schnell verstummt, hinterlässt eine Witwe, drei (wenn man das je behaupten kann) erwachsene Töchter, eine indianische Hausangestellte, viele Bücher und eine schmerzliche Lücke. Das Begräbnis ist ein guter Tag für Wahrheiten und Weisheiten letzter Hand. Zehn Personen setzen sich zum Leichenschmaus und fleddern sich gegenseitig. Nichts erfolgssicherer auf dem Theater als ein Familienschlachtfest.

Tracy Letts stellt »Eine Familie« im August in Osage County, dem Prärie-Land des Mittleren Westens, vor. In satter Hollywood- und Broadway-Manier legt sie offen: alte Wunden, frische Verletzungen, Ehekrisen, Geschlechtsscharmützel, Generationskonflikte etc. Das ganze Repertoire der Psycho-Sentimentalitäten, gemäß Canettis Einsicht, dass »Familie so etwas wie Todsünde« sei. Aber eine, mit der sich himmlisch spielen lässt. Was man in Bochum – unter Markus Dietz’ sich unspektakulär in Dienst stellender Regie – auch trefflich tut. Als Mutation der amerikanischen

Martha-Urmutter grollt und lallt die famose Mechthild Großmann und gruppiert als tablettensüchtiges, von Krebs zerfressenes, ramponiert vitales Wrack Violet Weston ihre Dynasty um sich. Lady sings the Blues, wobei die Demontage im Tiefsten immer noch das Hohelied der Familie anstimmt. Das Schauspielhaus ist das bessere Fernsehen, ein Pulitzer-Preis (für Tracy Letts) mehr wert als der Grimme-Preis. Ein bunter Abend für die ganze Familie, in Liebe und Hass vereint. Keine Experimente (außer ein paar gängigen Video-Projektionen). So boomt das Theater.

 Rot und Schwarz. Schwarz gegen Rot. Hatte Moskau ihm den Kopf verdreht, hat er sich auf Suche nach dem dritten Weg in der Richtung geirrt oder ist er bloß in die falsche literarische Gattung gelaufen? 1955 verfasste Jean-Paul Sartre seinen »Nekrassow« als Posse gegen das korrupte kapitalistische System in der Klimakrise des Kalten Krieges. Während die Anti-Kommunisten – Pariser Presse, Polizei und Politik – Heuchler, frivole Geschäftemacher und Manipulier-Masse sind, der Betrüger der Wahrhaftige und die Idee der Freiheit ein großer Bluff ist, überholte die Realität schnell die dramatische Farce. Der Ungarn-Aufstand 1956, im Jahr der geplanten (west-)deutschen Erstaufführung, hatte den Spaß daran verdorben. Auch Sartre protestierte gegen das Vorgehen der UdSSR im Block-Bruderland. »Nekrassow« kam dann an der Volksbühne in Ost-Berlin heraus. Und teilte das Schicksal von Billy Wilders Coca-Cola-und Kommunismus-Komödie »Eins, Zwei, Drei«, gedreht kurz vor Bau der Berliner Mauer 1961.


Piff Paff Puff

Sartres Vaudeville, besäße es Esprit, weniger Worte und wäre nicht so mühevoll spaßig, hätte wie Wilders Doppelschlag gegen Ost und West wirken können. Damals, als der Westen im Paradies des Proletariats am liebsten ein Potemkinsches Dorf erblickte und das Elend des Volks – ohne Lachen, ohne Licht, ohne Schuhe, ohne Brot – in schwarz-weißer Kontrastschärfe zur freien Welt sehen wollte.

Ein Komplott. Ein Scoop. Georges de Valéra, der Künstler-Hochstapler, ist flüchtig. Palotin, Chefredakteur des »Soir à Paris«, der unter Druck seines Verlagsherrn, der Auflage und des rechten offiziellen Regierungskurses steht, benutzt Valéra als Quotenmacher und Attraktion der bourgeoisen Salons. Man gibt ihn als russischen Innenminister Nekrassow aus, der scheinbar in die Freiheit verschwunden ist. Valéra macht Sensation, indem er das wahre Gesicht der Genossen mit phantastischen Kreml-Greueln enthüllt. Inklusive einer geheimen Liste, die die Namen potenzieller Todeskandidaten enthält, die bei Einmarsch der Roten Armee nach Frankreich liquidiert werden sollen.

Vielleicht ginge es ja noch, würde ein Regisseur Monsieur Palotins Journalisten-Credo beherzigen: »Rhythmus, Tempo« und so den Abend zum Tanzen bringen. Im Schauspiel Dortmund aber schleppt er sich während drei Stunden zäh dahin. Zwar kreisen auf Ramallah Aubrechts Bühne drei Dutzend Türen, die die Auftritte und Abgänge bestimmt fix verklappen könnten, dass die Wände wackelten, aber das tun die hier nur wegen der instabilen Verhältnisse der Sperrholz-Kulisse. Das Übergeschnappte wirkt mühsam einstudiert und alles andere ebenfalls ziemlich verspannt: angeklebte Bärte, Geschlechter-Travestie, Gummi-Gesichtsmasken und wie nachsynchronisierte Originalstimmen. Die Aufführung gibt sich großspurig und ist doch kleinkariert (zudem darstellerisch recht kümmerlich). Philipp Preuss beschwört zwar im Programmheft die Aktualität der Krise und deren Systemimmanenz, hat seinen Sartre aber von jedem kritischen und politischen Bewusstsein gesäubert, wie es Stalins Zensur kaum besser bewerkstelligt hätte – auch wenn sich am Ende ein bisschen modisch intellektuelle Depression des Regie-Besserwissers zeigt. Dann macht’s noch ein paar Mal Piff Paff. Und es ist verpufft.


Jesus in der Stadt

Jesus steigt herab und fällt unter die Menschen, die warten, hasten, suchen – auf dem Oberhausener Hauptbahnhof, wie er im dortigen Stadttheater nachgebaut wurde. Auf den Fliesen der Unterführung liegt eine Bibel; an eine Stahlstrebe wird ein Heiligenbildchen vom Heiland geklebt. Der Dramatiker Lothar Trolle, der schon früher einen alten Gott in die neue Welt entsandte (»Hermes in der Stadt«), hat sich in Oberhausen umgesehen und entdeckt, was er auch in Wuppertal, Eisenach oder Quickborn finden könnte. Nur, dass die lokal verorteten Namen wie Friedensplatz oder Lothringer Straße dann andere wären. Jesus, herausgeputzt wie fürs Votivtäfelchen, verkündet nicht Frohe Botschaft, sondern Tage des Zorns. Notrufe. Soziale und moralische Verwahrlosung. Härtefälle. Trägheit der Herzen. Mein Gott, warum haben wir dich verlassen? Eine Magdalena balanciert nahe am Suizid, eine andere repetiert die Aktionspreise vom Supermarkt, ein Obdachloser mit Lidl-Tüte holt die Dornenkrone aus dem Erdloch und sitzt da wie Hamlets Totengräber.

Das Theater kommt den Menschen entgegen, indem es die höheren Weihen niedriger ansetzt und Bachs »Johannes-Passion« überfremdet – oder aber zur Kenntlichkeit entstellt. Teils gesungen, teils musiziert, teils gegrölt, teils umformuliert. Dass nicht die theatralischere (auch längere) Matthäus-Passion gewählt wurde, gibt Regisseur Joan Anton Rechi Gelegenheit für opernhafte Bilder und Oberammergauer Naturalismus, der bis zum bitteren Kreuzweg durchgehalten wird. Denn das Kreuz ist immer real, die Auferstehung metaphorisch. Weshalb hier am Ende auch nicht das Grab, sondern nur das Kreuz leer ist.

Abseits der noch gut gedämmten Bühnen-Bastionen Düsseldorf und Köln jedenfalls spielt stets jemand mit, den keine Inszenierungs-Idee ersinnt und kein Rollenverzeichnis nennt: die Sorge. Viel ist nicht zu machen. Man spürt – ob Komödie, Farce, Boulevarddrama oder Passion – das Haushalten mit dem Wenigen. Vielleicht ist die Antwort auf die Misere die Darstellung der Misere. Oder man lacht sich eins, aus lauter Verzweiflung.     

Bühne
12 / 2009

Premieren Bühne

Von: Andreas Wilink


kultur.west Gezwitscher