Erkaltete Moritat vom Grafen Öderland oder Die Freiheit steckt in der Mülltüte. Foto: Thilo Beu

REBELLION AUF EIS

Max Frischs »Graf Öderland« in Essen

 

TEXT: ULRICH DEUTER

Die enge Jacke der Gesellschaft; wie man sie abstreift; und was darunter ist – diese Frage hat Max Frisch sein Leben lang umgetrieben. Und dies schon früh: In seinem Drama »Graf Öderland«, das 1951 uraufgeführt wurde, erkennt ein Staatsanwalt, also ein typischer Frisch-Bürger, in einem typischen europäischen Land eines Nachts, dass er Sympathie für den Mord hegt, den ein Bankangestellter offenbar grundlos mit der Axt an jemand begangen hat. In der Bluttat scheint das Leben selbst gegen seine Erstarrung in Gesetzen, Konventionen, Arbeitszwang und Freudlosigkeit aufzubegehren. Der Staatsanwalt quittiert den Dienst, geht in die Wälder und wird zum Grafen Öderland, einer dunklen Rachegestalt aus einem Kinderlied. Bald haben sich Tausende im Zeichen der Axt zu einer Revolte zusammengeschlossen, die weder politisch ist noch historische Reminiszenzen zeigt, auch in ihrer Entwicklung und Form zeichenhaft bleibt: »Moritat« nannte Frisch sein Stück; in jeder Gesellschaft schlummert der Aufstand, lautet die Botschaft, in jedem Menschen lauert ein Rebell.

Auch die Inszenierung Konstanze Lauterbachs am Grillo-Theater vermeidet jede Aktualisierung, die nahe gelegen hätte. Schon das Bühnenbild von Kathrin Frosch zeigt einen leeren Eisraum, der die Kälte generell aller gesellschaftlichen Verhältnisse symbolisiert. In einem solchen Abstraktum haben es Figuren allerdings schwer, Menschen zu werden; der Staatsanwalt, der zum Aufrührer, zuletzt zum neuen Herrscher wird, bleibt eine Marionette des Geschichtsmechanismus (weshalb die Regie ihn, überplakativ, an einem Faden aufhängt und zuletzt im Mantel der Macht festnagelt). Angesichts der erneuten Erkenntnis, dass die Freiheit, um zu überleben, die Macht ergreifen muss, worauf sie keine Freiheit mehr ist, verzweifelt der gute Mann. Nun hätte er gern alles nur geträumt – jedenfalls in der dritten Stückfassung von 1961, die hier gespielt wird; Frisch hatte Mühe mit einem überzeugenden Ende.

Jan Pröhl als Staatsanwalt/Öderland müht sich, dem Geschichtskonflikt Körper und seelische Tiefe zu verleihen; mit mäßigem Erfolg. Berührend schön einmal der Eistanz der Rebellen; alles in allem aber wirkt der Essener »Öderland« wie ein spätes Echo aus jener Zeit, als das Theater noch die großen Fragen stellte. 

 

Bühne
03 / 2012

REBELLION AUF EIS

Von: ULRICH DEUTER


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