Es wird einem nicht zu bunt: Da muss Herbert Fritsch nicht lange Ausschau halten, um Witz und Komik zu finden. (Foto: Matthias Horn)

Ruhrfestspiele: Mit Stimmbruch in die Versenkung

Herbert Fritsch und Wolfram Koch rufen die »Apokalypse« des Johannes auf. Ein Probenbesuch.

TEXT ANDREAS WILINK

»Wer Ohren hat, der höre!« Heißt es herrisch fordernd. Ein Abgrund sei dieser Text, »über den wir balancieren wollen, mit der Gefahr des Absturzes«, sagt Herbert Fritsch am Morgen des ersten Probentages in der Berliner Volksbühne, seiner Noch-Heimat, bevor er sich vom Castorf-Nachfolger Chris Dercon und Kultursenator Tim Renner ab dem Jahr 2017 hinausexpediert und künstlerisch exiliert fühlt. 

Er meint die »Apokalypse« des Johannes, Aus- und Aufrufung der Schrecken und des Gerichts angesichts von menschlicher Trägheit, Lauheit, Unzucht und Götzendiensten, mit dem Öffnen der Sieben Siegel, der Verderbnis der Plagen, die Feuer- und Bluthagel, Blut-Meer, Sternen-Sturz, Verfinsterung, Erdbeben bringen, dem Erscheinen des Engels des Abgrunds (Abaddon) und des Antichrists und der schlussendlichen Errichtung des bräutlichen Neuen Jerusalems. 

Fritsch selbst, der damit seit Jahren erstmals auf die Bühne zurückkehrt, sowie Wolfram Koch spielen und sprechen die visionäre Mahnung: Für ein Duett hat sich eine ganz schön große Runde versammelt, etwa 20 Leute, um das Konzept kennenzulernen, darunter Musiker Ingo Günther und Chefdenker Carl Hegemann, selbst Prophet der letzten Tage und mit dem nötigen intellektuellen Rüstzeug ausgestattet. 

Doch zunächst hat Fritsch das Wort, als Schauspieler seit 1993 ein luziferischer Geist der Castorf-Volksbühne und seit sechs, sieben Jahren – von Oberhausen über Köln bis Berlin, Hamburg, München, Wien und Zürich – krasser Regie-Umwerter in der Kunst der Komödie, formaler Kunststücke, körperlicher Kapriolen und musikalischer Ursonaten. Er habe, erzählt der Katholik Fritsch, vor langem die Apokalypse – »diese Propaganda der Zu-Kurz-Gekommenen und Rache-Fantasie« – in einer Kirche in Frankfurt vorgetragen, der Pfarrer sei not amused gewesen, habe ihm zwar nicht die Sakramente, wohl jedoch die Gage verweigert. 

Hegemann hakt ein und trumpft auf mit Zitaten von D. H. Lawrence über den Antagonismus zweier Weltbilder: eines organisch durchglühten Kosmos, der in der Apokalypse Gestalt gewinnt etwa in der Betrachtung der Gestirne nicht als tote Materie, sondern als vital empfundene Kontaktstellen für den Menschen. Dieses dialogische Vertraut-Sein mit der Natur ist uns, ganz fixiert auf unser Innen, abhanden gekommen. Aber »der Kosmos ist nicht tot, vielleicht sind wir  tot« (Lawrence). 

Ein weiterer Aspekt in der Beschäftigung mit dem biblischen Stoff sei die gegenwärtige Lust am Untergang, der gierige Kitzel, ihn am liebsten noch als mediale Live-Schaltung erleben zu wollen. In der Negation, so Hegemann, dabei Boris Groys paraphrasierend, lasse sich apokalyptisches Denken und Verhalten im regressiven, destruktiven Fanatismus des IS oder auch eines Donald Trump auffinden. Dabei seien Künstler immer die wahren Apokalyptiker und Untergangs-Spezialisten gewesen, nicht passivisch duldend, sondern aktiv antreibend, freilich im Kunstraum. Jemand wie Richard Wagner im »Holländer«, im »Tannhäuser« oder in der »Götterdämmerung«. 

Dann holt Hegemann einen voluminösen Buchband hervor: »Das Weltende in Kürze« von Hans Gygax, der u.a. nachweisen will, dass auf Dürers Apokalypse-Holzschnitt-Zyklus von 1498 sich im Gewand der Großen Hure Babylon der Stadtplan Manhattans mit East und Hudson River und auch die Zwillingstürme aufgeprägt hätten. Was für eine Tollheit! Wie von Jules Verne, Däniken oder Umberto Eco erdacht.  

Allein, Politik interessiert Herbert Fritsch nicht – auf der Bühne. Ein Pamphlet ist bei ihm, auch wenn der Text die Moralkeule schwingt, ausgeschlossen. Ebenso ironisches Wegducken und Abwehren der Wucht dieses gut 20 Seiten langen Textes, der hier in der altdeutschen, urtümlichen Übersetzung des Martin Luther über uns kommen wird: kernig. Ohne zu fackeln. Thomas Mann wusste, weshalb er seinen zur Hölle fahrenden »Doktor Faustus« Adrian Leverkühn, den Komponisten einer »Apocalypsis con figuris«, Luther-Deutsch sprechen lässt. Der Reformator stand auf Duzfuß mit Herrn Urian. Es kann einem ganz anders werden bei den horriblen Worten, Zeichen und Chiffren. Sie seien »wie eine magische Zauberformel, sich in die Gedärme bohrend«, so Fritsch, der den Text vergleicht mit dem absolut Bösen von Shakespeares »Macbeth«. 

Wolfram Koch nimmt es gewohnt leicht. Niemand muss bei ihm Sorge haben – er kann einfach alles. Und bringt es, bevorzugt mit Anekdoten aus dem Sportgeschehen oder kuriosen Alltagsbegegnungen, auf den Punkt, auch wenn der sich in der Apokalypse zur unendlichen Linie verlängert. Er ist dabei berückend freundlich, immerdar gut gelaunt und von nie versiegender Erfindungskraft. 

Die Gruppe steht vor dem Modell des Bühnenbilds, das im Ruhrfestspielhaus technisch bedingt im Format schrumpfen muss: Eine riesige hochglänzend giftgelbe Treppe und umgekehrte Jakobsleiter mit Transzendenz-Stufen schwebt langsam herab und wird passgenau in ein mehrere Meter tiefes Viereck am schwarzen Boden absinken. Schwarz-Gelb – »eine schreckliche Kombination, bei der man weiß, da stimmt was nicht«, sagt die Kostümbildnerin Victoria Behr, die für Fritsch schon viele Knalleffekte setzte und nun ein wespenstechendes Gefahr-Signal aussendet – ist auch das Kostüm für Koch, das ihn als abgehalfterten Showmaster und Conférencier ausweist. Ein gottesfürchtiger Joker in Gotham City, was auch nur ein anderer Name für die Kapitale New York oder das alte Babylon ist. 

Jetzt wird es Zeit, die Theorie beiseite zu legen und den Urtext in Körper und Stimme einwirken zu lassen und dabei jede Ahnung von Religionsseminar oder Literaturkurs zu vermeiden. Hyper-Naiv wie Heiligendarstellungen der mittelalterlichen Meister – so will man das Ungeheure ausmalen. »Aus dem Bauch heraus«, sagt Fritsch. Schon wölbt Koch seine sonst nicht vorhandene Plauze vor, als wäre er im vierten Monat. Geht schwanger mit dem Text. Es sind Wehen. Koch kommt in die Phase des Gebärens, krümmt sich, entwickelt Stress-Symptome. Ruft physiologisch den Notstand aus. 

Fritsch hält es nicht auf dem Stuhl. Bringt sich selbst in Zustände und fordert sie zugleich aus Koch heraus. Zwei Spiegelbilder – das nämliche spitze, spürnasig feine, vorwitzige, witterungsintensive Profil. Zwei Penck-Strichmännchen, energetisch, einander ebenbürtig in der Abmischung von Instinkt und Intelligenz. Sie geraten in Rhythmik-Ekstasen des »gespuckten Textes«, schmecken den »Wermut«, verkosten lautmalend jeden der einzelnen Buchstaben, die aufspringen, explodieren, knallen. Koch lässt Neurosen sprießen, kratzt sich als Neurastheniker, krampft und versteift sich (»Wir lieben ja Krampf, lockere Menschen sind furchtbar«, wirft Fritsch ein), lässt die Stimme heiser wegrutschen und den Kehlkopf hopsen, kiekst, schnappt, japst, fiept, schnarrt und meckert.   

Bedauerlich, dass kein Publikum diese Genese während der Phase des »Herumzerrens am Text« erlebt – den enorm produktiven Vorgang des Erfindens, Anzettelns, Spinnens, Befeuerns, Verwerfens, der bei zwei Extrem-Schauspielern wie Fritsch und Koch einen Glückstaumel auslöst. Die ehernen Begriffe des Bibeltextes fallen aus dem Zusammenhang des hermeneutischen Zirkels, sammeln sich zur rasenden Litanei oder verwandeln sich zu Einzelwesen – Geschossen, Knallkörpern, Sprengsätzen, Peitschenschlägen, Liebkosungen, Alarmsirenen. Für den Beobachter wird es zur theologischen Beiwohnung, Heimsuchung und Versuchung, bei dem sich die Himmel öffnen. Dabei ist es zum Brüllen komisch, gemäß Fritschs Credo: »Thema der Komik ist der verzweifelte Mensch«. Wahrlich eine Offenbarung!

Premiere bei den Ruhrfestspielen: 9. Juni 2016, Vorstellung auch am 10. Juni: Festspielhaus.

Bühne
06 / 2016

Ruhrfestspiele: Mit Stimmbruch in die Versenkung


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