Stilecht vor Industriekulisse: Stefanie Carp und Christoph Marthaler. (Foto: Edi Szekely / Ruhrtriennale 2016)

Ruhrtriennale: Stefanie Carp im Interview

5 Fragen an Stefanie Carp, die künftige Intendantin der Ruhrtriennale  

TEXT ANDREAS WILINK

Ein Duo wird ab 2018 drei Saisons lang die Ruhrtriennale leiten: die 1956 in Hamburg geborene, in Berlin lebende, über Alexander Kluge promovierte Dramaturgin Stefanie Carp und der hochmusikalische Schweizer Christoph Marthaler (Jahrgang 1951), eine der prägenden Figuren des europäischen Theaters. Sie sind ein bewährtes Team, haben gemeinsam in Basel, Hamburg, Berlin, Zürich, Wien gewirkt und die Häuser, an denen sie arbeiteten bzw. die sie leiteten, mehrfach zum »Theater des Jahres« gemacht. Man darf sagen, dass der Spielraum enger zu werden scheint, innerhalb dessen man Personen und Konstellationen für ein Festival findet, das von seinem Ursprung und seiner Genese her sehr  komplex, kompliziert, herausfordernd, experimentell angelegt ist. So dass die Wahl des Bewährten sicherer scheint. Als Schauspieldirektorin der Wiener Festwochen hieß eine von Carps Programmschienen »Unruhe der Form«. Die wird man auch im Ruhrgebiet erwarten können. Ohne fürchten zu müssen, dass der kreative Eigensinn im legeren Zweistromland von Rhein und Ruhr schwierige Situationen und Negationen wie in Zürich und Wien entstehen lässt. 

k.west: NRW hatte zwar schon drei Ministerinnen für Kultur, aber noch keine weibliche Intendanz der Ruhrtriennale. Sie werden als sechste Intendantin die erste Frau sein. Aber Sie fühlen sich nicht als Quoten-Größe?

CARP: Darüber denke ich nicht nach. Im Übrigen, wir haben uns gemeinsam beworben, Christoph Marthaler und ich. Wir sind ein Team. Als man uns gefragt hat, wie wir die Rollen verteilen würden, haben wir den Ball zurückgespielt. Wir haben, aus gemeinsamen Zeiten, unsere Arbeitsteilung und interne Abmachung. Christoph wird jedenfalls mehr als nur seine Projekte verantworten. Aber er will nicht mehr Hauptkommunikator für die Politik sein und sich mit Finanzfragen beschäftigen. Diese Erfahrung haben wir in Zürich gemacht. Ich leide weniger unter diesen Anforderungen. Künstler, zumal Ausnahmekünstler wie er, brauchen Zeit für sich selbst. Das Programm entwickeln wir aber gemeinsam.  

k.west: Haben Sie Produktionen aus früheren Ruhrtriennale-Saisons gesehen?

CARP: Viele. Vor allem bei Heiner Goebbels, etwa seine Cage-Oper »Europeras« – für mich Ruhrtriennale at it’s best. Die Produktion hätte ich gern zu den Wiener Festwochen eingeladen, was aus Platz- und Etatgründen nicht ging. Ich habe einiges u.a. von Ivo van Hove, Boris Charmatz, Johan Simons natürlich gesehen. Goebbels hat für mein Empfinden die Latte des Festivals  noch mal anders gehängt bzw. installiert. Vorher erschien es mir nicht ganz so konzise. Wer selbst Festival-Programme gestaltet, bekommt ein Gespür dafür.  Insofern finde ich auch den Drei-Jahres-Rhythmus gut, vielleicht hat man dann auch konzeptuell sein Pulver verschossen. 

k.west: Frau Carp, haben Sie gelegentlich gedacht, wenn Sie ihren Bruder Peter in Oberhausen besuchten, hier lässt sich was machen, in dieser Landschaft, diesen Hallen? Wie stark soll der Dialog oder Disput mit dem Erbe der Industriekultur sein?

CARP: Es gibt die Konflikt- und Schmerzlinien. Man kann auch teils depressiv werden, bei gleichzeitigem Interesse für das, was da ist. Diese deutliche Realität. Mit einem tragischen Aspekt durch das Ende einer Arbeitskultur. Man taucht in ein Soziotop ein. Ich mag die Menschen hier. Wir hatten, nach dem Weggang von Zürich, kurz die Idee, uns im Team, also Marthaler, Stefan Pucher und ich, für das Schauspielhaus Bochum zu bewerben. Ich bin öfter zu Ciulli nach Mülheim gefahren und, als ich in Düsseldorf engagiert war, überhaupt viel in der Gegend herum. Ich habe für meinen Bruder in Oberhausen Frank Goosens Roman »So viel Zeit« für die Bühne adaptiert. Ich erinnere mich gut an die Winkelmann-Filme der 80er. Das Ruhrgebiet war ja schon mal vor der Wiedervereinigung »in«. Ich fand auch Matthias Lilienthals »Theater der Welt« 2002 in der Region und 2010 das von Frie Leysen extrem interessant. 

 k.west: Ist es denn die Möglichkeit, dass Marthaler sich bei der Ruhrtriennale rar gemacht und nur bei Mortier »Die schöne Müllerin« gezeigt hat. Und noch einmal 2007 »Sauser aus Italien« bei Jürgen Flimm. Wie beschreiben Sie Ihre Zusammenarbeit mit ihm?

CARP: Ich bin in seinen Produktionen häufig konzeptuell stark eingebunden. Schreibe viele Texte oder überschreibe vorhandene Stücke, wie jüngst in Hamburg Osbornes »Entertainer« und demnächst Gorkis »Sommergäste«. Wir  halluzinieren und fantasieren gemeinsam, auch mit der Bühnenbildnerin Anna Viebrock. Marthaler ist jemand, der es mit seiner credibility schafft, andere Künstler anzuziehen, andererseits aber ist er jemand mit einer so starken Eigenheit, der nicht unbedingt den Kontakt zu anderen Künstlern sucht. Er hat seinen Kosmos. Aber er schafft ein sehr schönes Klima allein durch sein Dasein, seine Aura. Er ist ein großzügiger Mensch, der auch andere großzügiger macht.

 k.west: Die Ruhrtriennale ist ein offenes Festival der Künste, das sich von der Ur-Idee der »Kreationen« immer weiter in seinen Genres verzweigt und diese verschieden hervorgehoben hat, bei Willy Decker sogar mit Wagners »Tristan«, Heiner Goebbels erwähnten Sie bereits, jetzt bei Johan Simons stark in Bezug auf den Kunstbereich mit Installationen etc. Sie sprechen allgemein vom »Experiment im großen Format«. Welche Grenzen wollen Sie überschreiten?

CARP: Grenzgängerisch meint die Bewegung zwischen den Sparten: keine reine Oper, kein wirkliches Schauspiel, keine einfache Stück-Uraufführung. Es muss eine besondere Form haben – und ein besonderes Format. Das heißt, man muss womöglich auch auf bestimmte Künstler verzichten, selbst wenn man sie schätzt, denen man aber keinen Gefallen täte, sie mit diesen Räumen und Hallen zu konfrontieren.

Bühne
06 / 2016

Ruhrtriennale: Stefanie Carp im Interview


kultur.west Gezwitscher