Polonaise mit Brecht. Foto: David Baltzer

RUTSCH MIR DEN BRECHT RUNTER

 Herbert Fritsch inszeniert in Köln Brechts »Puntila« 

 

TEXT: ANDREAS WILINK

Der Raum macht die Musik. Es neigen sich Palmen, ein Pianist im schwarzen Trikot, verkleidet als halbmännliche Josephine Baker, trägt einen Gürtel aus Bananen. Und der berühmte Foxtrott-Shimmy »Ausgerechnet Bananen«, den schon Billy Wilder »Eins, Zwei, Drei« zum kleindeutschen Grenzverkehr antrieb, wird angestimmt. Die Bühne im Kölner Schauspielhaus hat Janina Audick zur weißseiden gesteppten Varietétheater-Attrappe mit gekurvtem Bug, Reling, Treppe und Rutschbahn aufgemöbelt.

Brecht gebrochen: Herbert Fritsch inszeniert »Herr Puntila und sein Knecht Matti«, das burleske, hochprozentige, im finnischen Gefühl gegorene und von Chaplin angeregte Volks- und Lehrstück über den reichen Großbauern, der bei klarem Kopf vernunftbegabt und berechnender kapitaler Bock ist, besoffen aber wahrer Mensch und Kumpel, der seinen traktierten Chauffeur dann plump vertraulich herzlich gern hat und zum Schwiegersohn und Ehemann seiner Eva machen will, den die Kirche nicht schert, der mit den Roten gut Freund ist, sich Bräute ins Haus holt und allerlei Allotria treibt. Bis die Sauna ihn ausnüchtert. Die Verhältnisse wanken, die Welt kriegt einen trüben Blick.

Fritsch, dem ideologische Ausrüstung, politisches Bewusstsein, Klassenkampf, Hochkultur, Kritik und Konzept schnuppe sind, macht sich einen Spaß, der mit fast zweieinhalb Stunden überstrapaziert, aber ansonsten toll munterer Rummel ist. Eine kunterbunte Kinderzimmer-Rebellion gegen sinnlose Nüchternheit mit einem Dutzend begnadet infantiler, kreischender, maskierter, sich mimisch austobender und furios entertainender Darstellungs- und Demonstrationsobjekte. Sie lassen die Muskeln spielen, hebeln die Marktgesetze aus, markieren in sozialer Travestie das proletarische Elend, treiben kapitalen Unfug und zelebrieren bis zum Äußersten und bis in die Applausordnung den Triumph des Schauspielers über Text und Bedeutung.

Puntila ist bei Charly Hübner ein mächtig schwitzender Pfundskerl, Tanzbär, dicker Max, dick-doofer Olli, schwäbelnder Operettenbuffo mit Stupsnase und treuherzigen Äuglein, aus denen manchmal der Göring stiert. Eine halbe Portion, ein Heringsbändiger dagegen der Matti des brillanten Unikums Michael Wittenborn: schnarrend leiernde Leidensfigur und steif gestelltes Gespenst der Freiheit, ins Schalkhafte gewendeter Stummfilm-Untoter mit aufblitzender Intelligenz und knochentrockener Aufrührer-Ironie. Um das dialektisch verbundene Paar herum trippeln, hampeln, hoppeln, stelzen und rammeln: Solisten und Choristen, Männer im Fummel, Frauen, Diven und Zwischenwesen. Eine artistisch-panische Slapstick-Sause zwischen Gaudi, Gospel und Golem, Ufa-Stil und 50er-Jahre-Schlagerfilm, Ballett und Ballaballa, Charleys Tante, Graf Bobby und La Cage aux Folles, Revue und Revolte.

 

Bühne
03 / 2012

RUTSCH MIR DEN BRECHT RUNTER

Von: ANDREAS WILINK


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