Jana Schulz und André Kaczmarczyk als Mutter und Sohn. Foto: Sandra Then

»Momentum« in Düsseldorf

Der Soul des Politischen: In Düsseldorf wird »Momentum« von Lot Vekemans uraufgeführt. Andreas Wilink hat das Stück besprochen.

Der Korridor der Macht hat dunkle Winkel. Der düsterste ist ein lebhaft heller Fleck in Lot Vekemans’ Politdrama »Momentum« über Lust und Unlust, über die Dialektik, die Droge, das Odium politisch demokratischer Herrschaft. Noch aus dem Scheitern zieht das System sein Kalkül. In der von Roger Vontobel inszenierten Düsseldorfer Uraufführung durchquert ein beleuchteter Steg eine bestuhlte Lounge. 

Meinrad, der amtsmüde, labile, depressive Regierungschef (Christian Erdmann), und seine Frau Ebba, die diese Karriere gestützt, eigene Ambitionen in deren Dienst gestellt hat und die sich ebenso mit Tabletten stabil hält, werden am Ende womöglich die Rollen tauschen. Es bleibt offen. Und hat auch nur nebenbei mit einem Plädoyer für Frauenpower zu tun. Das ist alles nicht so interessant (erweitert um einen Spindoctor und einen Hofpoeten), macht aber viele Worte, die den Text nicht eben gebrauchsfähig erscheinen lassen. 

Darunter jedoch liegt eine zweite Erzählung: die von Ebba als Mutter und ihrer Wandlung von der beherrscht kühlen, rhetorischen Strategin zur Dark Lady zur körperlich weich werdenden Pietà und zur unaggressiv souveränen Herausforderin des Mannes. Jana Schulz zeigt den Sprung im Panzerglas, bis es splittert und birst. Ebba hatte Jahre zuvor eine Fehlgeburt. Dieses wesenlose Kind erscheint ihr nun leibhaftig. Dieser Möglichkeitsmensch, den Ebba Felix nennen wollte und nennen wird, ist beständig anwesend als spöttischer, gelangweilter, unduldsamer Beobachter, Coach und Spiegel der Anderen. Halbstarker in Schwarz, Artist im Irrealis der Existenz, Fleisch gewordenes Trauma, nervöser Kindskopf, der aufspringt wie ein Klappmesser, die Mechanik der Macht aushebelt und die Monster des Verdrängten loslässt – so gibt André Kaczmarczyk ihm Soul. 

Jana Schulz und er als ihr schmiegsam provozierender Schatten kämpfen ein Duell aus und finden im Duett zu einer Innigkeit und Intimität, die »Momentum« wohl eher abzutrotzen gewesen ist. Vekemans’ Drama führt mit ihrer Symbiose in einen Transitraum zwischen Welt und Tod und in ein wie von Strindberg schattiertes Nachtstück.

Aufführungen im Düsseldorfer Schauspielhaus-Central: 19. und 30. Oktober, 11., 16., 23.und 28. November 

Bühne
10 / 2018

»Momentum« in Düsseldorf

Von: Andreas Wilink


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