Foto: Klaus Lefebvre

TATORT. SPIELORT

Karin Henkel mit Hauptmanns »Die Ratten«  in Köln

 

TEXT: ANDREAS WILINK

Der Fundus lebt. Das Theater bedient sich aus ihm. Masken, um sich die Wirklichkeit vom Leibe zu halten, die zu Zeiten auf der Bühne Naturalismus hieß – mit  Gerhart Hauptmann als großem Neinsager im Kaiserreich. Hinweg mit allem Realismus. Und wenn Berliner Milieu, dann sprachlich so breit betont, dass es wieder künstlich wirkt. Ein Laufsteg auf der leeren schwarzen Bühne (Jens Kilian) in der Expo-Halle, deren Lamellenwände mit Klappen und Sichtschlitzen Durchblick und Ausfluchte gestatten, demonstriert und demontiert die Trennung von Schaubühne und Publikum, von Gefühlsproduktion und emotionaler Emphase. Karin Henkel spielt die beiden Ebenen der »Ratten« im Miteinander gegeneinander aus, holt die eine in die andere, deutet die eine aus der anderen, maskiert die eine durch die andere zu artifiziellem Expressionismus. Die Separierung zwischen Unten und Oben – dem proletarisch Volkstümlichen auf der Etage der Familien John und Knobbe und dem Klassisch-Idealen auf dem Dachboden mit Hassenreuters Fundus –, die die »Berliner Tragikomödie« von 1911 darstellt, um sie als gescheitert vorzuführen, hebt sich hier auf.

Alles ist Requisit und Zitat: Kostüme, Gesten, Sätze, die Figuren selbst. Die Piperkarcka der Lena Schwarz – wie ein Gottfried-Benn-Vers aus Wahn und Wunden – tremoliert die polnische Partitur. Bruno, ihr Mörder, bringt eine halbe Portion Shakespeare-Schurke zur Darstellung. Jan-Peter Kampwirth (als Bruno kein Mordskerl, sondern bloß ein Mordbube und labiler Schmalhans) spielt zugleich Kandidat Spitta, dessen Schwäche Theater heißt. Als Experte des Alltags reklamiert er höhnisch »wahre Gefühle und echten Schmerz«, während Harro Hssenreuter den reinen Kunstraum verteidigt. Lispelnd agitiert Spitta gegen »die Kunstkacke«. Bei Kampwirths spottlustigem Ingrimm ist diese Witzfigur ein gar nicht nur dummer Kerl. In Hassenreuter (Yorck Dippe) aber schlägt das eine Herz der Aufführung, die sonst leicht aus dem Takt gerät und aus ihren Prothesen und Attrappen keinen tüchtigen Organismus baut. Ihr Kunstherz. Er amüsiert uns, weil er beharrlich auf dem Boden der Theater-Tatsachen bleibt; ein Ignorant und Halbwahnsinniger, für den alles nur Auftritt, Text, Pausen-Zäsur bedeutet. Sein Ausweg liegt im Kunstfertigen – das Lebensdrama als Spielmaterial.

Das spielt sich darunter ab, wo Frau John Piperkarckas ungewolltes Kind als ihr eigen ausgibt und es ihrem Paul unterschiebt. Das andere Herz der Aufführung ist die Jette John der Lina Beckmann. Das Mutterherz. In ihrer existentiellen Not und Angst muss diese Gequälte grausam und hart sein. »Will nicht, muss, will nicht, muss«, lautet Beckmanns Subtext, den 20 Jahre später ein Anderer ausstoßen wird: auch der ein todbringender Kinderliebhaber – Peter Lorre in Fritz Langs »M«. Mit Beckmann wird der Abend, begleitet von Bernd Grawert als Paul John, der spielt, als hätte er den Woyzeck in den Knochen, zur Passion. Sie erhält von Bruno zum Ende hin eine Pappmaché-Krone aus dem Fundus: eine Königin im unseligen Mutterreich. Wir erleben ihren blutigen Untergang aus dem Parkett, ebenso wie Hassenreuter und die Seinen, die es als Spiel und Fiktion nehmen. »Tatort« Theater.

www.buehnenkoeln.de

 

 

Bühne
11 / 2012

TATORT. SPIELORT

Von: ANDREAS WILINK