»Die Päpstin« Johanna. Foto: Constantin

Und dann macht man das

Die Schauspielerin Johanna Wokalek oder Der schöne Wille zum Gelingen

//  »Ja, das bin ich!«. Die ältere Dame am Nebentisch im Wuppertaler Café Grimm hat vor sich aufgeschlagen den Stern liegen mit einem  Seiten füllenden Foto von Johanna Wokalek als »Päpstin« Johanna von Ingelheim, das im Vergleich mit der Wirklichkeit weniger wegen der Tiara auf dem Haupt des Pontifex irritiert, als durch den fast unsichtbaren Schatten eines Flaums auf der Oberlippe. Mehrmals war der Blick der Sitznachbarin schon dezent herübergewandert, bevor sie ihre Frage an die junge Frau im blauen T-Shirt richtete und positive Antwort erhielt. Noch ein Kompliment folgte, dann musste Johanna Wokalek auch schon gehen. Der Produktionsfahrer wartete, um sie zum Drehort für ihren nächsten Film zu bringen, der unter anderem in Nordrhein-Westfalen entsteht.   

Höher hinaus geht es fast nicht: künstlerisch betrachtet,  unter Aspekten populärer Wahrnehmung – und im privaten Erleben. Während einer Rucksackreise durch Peru, die Johanna Wokalek vor einiger Zeit unternommen hat, wollte sie – sagt sie – »in Machu Picchu ganz oben sein, bevor alle anderen kommen«. Bestimmte Erfahrungen wollen sich nicht teilen lassen. Dort oben, wo die Luft dünn wird, hat die große Marianne Hoppe einmal das Einsame des Berufs verortet, wenn jemand die Menge der anderen hinter sich lässt. Johanna Wokalek ist auf gutem Weg zu diesem Aufstieg.

Ein Glossar: Alfred-Kerr-Preis und NRW-Förderpreis mit 24 für ihre Darstellung von Hauptmanns »Rose Bernd« in Bonn; Shooting Star der Berlinale 2006; ein Dutzend Filme, darunter »Barfuß« neben Til Schweiger; Grimme-Preis und Bayerischer Filmpreis für »Hierankl«; der »Bambi« für ihre überragende darstellerische Leistung als Gudrun Ensslin, deren kraftzehrende Energie und brutalen Willen, deren sprühenden Hass, radikale Entschiedenheit und intellektuelle Unerbittlichkeit sie so überzeugend vermittelte, dass sich die erheblichen Schwächen von Austs, Edels, Eichingers RAF-Thriller »Baader Meinhof Komplex« für sie vergessen ließen; Arbeiten mit Luc Bondy, Dieter Giesing, Peter Zadek und vor allem mit Andrea Breth am Wiener Burgtheater – und nun noch die Papstkrone.

Ob Bühne, Film oder Fernsehen, stets begleitet sie die Anerkennung ihrer eigensinnigen Ausstrahlung, in der sich Reflexe von Sprödigkeit und Sinnlichkeit, Verstand und Beherztheit mischen.

Zuzutrauen ist ihr alles. Vieles hat Johanna Wokalek schon eingelöst, seit die 1975 in Freiburg geborene Mediziner-Tochter den Nachtzug nach Wien – in die Herzkammer des Theaters –  nahm, um am Reinhardt-Seminar vorzusprechen. Sie war losgefahren mit Gepäck für einen längeren Aufenthalt, als gäbe es kein Zurück und keinen Zweifel am Gelingen der Aufnahmeprüfung: »Ich wollte da unbedingt hin. Man muss ja irgendwie anfangen, um das sein zu können, was man will.«  

Das Unbedingte ist eines ihrer hervorstechenden Merkmale. »Ich weiß, was ich will, und damit ist gut.« Sagte ihre schlesische Rose Bernd, die Valentin Jeker in Bonn von naturalistischer Schwere befreit hatte. Auch wenn es nicht gut ausging für die  Kindsmörderin. Klarheit in die Dinge zu kriegen – das scheint in Wokaleks Natur zu liegen. Kurz und bündig. Innere Notwendigkeit verbindet sich mit äußerem Pragmatismus. »Letztlich wurde das so von mir gemacht.« Damit beendet sie weitere müßige Betrachtungen.

Ein Echo darauf findet sich in ihren Darstellungen: eine Unbedingtheit, die sich Bahn bricht, als Lessings Emilia Galotti und Kleists Käthchen, als messerscharfe Kriegerin Ensslin oder als Lene Thurner in dem ebenfalls preisgekrönten Familiendrama »Hierankl«, wenn einer Tochter Gewissheiten und Sicherheiten über die Eltern wegbrechen. Und bald als »Päpstin« Johanna von Ingelheim.

Wokalek kostet es offenbar keine Anstrengung, Jungfräuliches und Anmutiges gleichermaßen wie Eigensinn und Absolutheit zu verkörpern. Glaubensbekenntnis der Jugend, verlängert in ihre mädchenhafte Erscheinung. Auf rührende Weise dreht und windet sie unterm Caféhaustisch mit ihren Fingern ein Papierchen, wie wenn früher ein Fräulein aus gutem Haus ihr parfümiertes Taschentüchlein knetete, bis es ganz feucht war. Eine nervöse Unruhe liegt in der Geste, die durch ihr ungeschminkt offenes Gesicht indes Lügen gestraft wird.   

Wie sich für sie eine Rolle entwickelt, wie den Schlüssel dazu finden? Schwer zu sagen. Es habe viel »mit Bildern zu tun, mit Assoziationsflächen, daraus entsteht ein inneres Bild. Und dann macht man das.« Oft helfen sogar simple Auslöser, »Der und der Schuh kann es sein, der eine Figur trägt.« Aber: »Im letzten Moment ist es nicht zu fassen, und auch richtig, dass es nicht zu fassen ist – für die notwendige Losgelassenheit.« Was Wokalek aber bewundert, besonders am Theater, dass man »über Sprache und die Verdichtung von Sprache zu einer Emotion kommt«.

Für die Gestaltung ihrer Rollen braucht sie nicht das große Format, sie meidet pompöse Auftritte. Sie spielt mit minimalen Mitteln, derer man sich sehr sicher muss, um nicht der Versuchung zu erliegen, eins drauf zu geben. Da habe die Meisterschülerin von Klaus Maria Brandauer, der diese Beschränkung selbst durchaus nicht immer beherzigt, Entscheidendes gelernt: »Das Wesentliche ist der Gedanke. Worte, die ich mir nicht selbst ausgedacht habe, zu meinen zu machen. Als wären sie in mir entstanden. Es gibt dann nur diese Welt.« Wenn Johanna Wokalek spielt, ist es, als könne man ihr beim Denken zuschauen. Überlegte Emphase.

Sie ist klug. Vor zehn Jahren hat Johanna Wokalek in einem Interview gesagt, da war sie gerade von Theater heute zur besten Nachwuchsschauspielerin gewählt worden und nach ihrem Erst-Engagement bei Manfred Beilharz in Bonn kurz vor ihrem zweiten Aufbruch nach Wien, wo sie seither an der Burg engagiert ist und im 8. Bezirk der Josefstadt lebt: »Ich habe nichts gelernt, das ich anwenden könnte. Ich nehme mich und wende mich an«. Was für ein Satz! Fast ein naturwissenschaftliches Axiom. Analytisch, perfekt in der Selbstbeherrschung – und dazu das Kornblumenblau von Wokaleks Augen, die sie zum idealen Joop-»Wunderkind« machen würden. Dazu passt ein anderes Statement von ihr, das die vollkommene Einheit von Darstellerin und Dargestelltem formuliert, die Identifikation mit der Figur darlegt: »Ich bin dann die Rolle.«

Johanna Wokalek besitzt Kühle und unergründliche Beherrschtheit einer Deneuve, unter deren Oberfläche sich andere Leidenschaften vermuten lassen. Aber wo wäre ihr Buñuel oder Truffaut? Man kann froh sein, dass ihre Filmografie mit dem Debüt in Max Färberböcks lesbischer true love »Aimeé und Jaguar« begann, wo sie als wunderbare Garçonne Ilse neben Maria Schrader und Juliane Köhler spielt. Aber es gab eben auch Fernsehware wie den Dreiteiler »Die Kirschenkönigin« von Rainer Kaufmann. Jedenfalls dürfte Johanna Wokalek die Erfahrung nicht fremd sein, als Darstellerin wett zumachen und zu überbieten, was bei einem Projekt Drehbuch und Regie zu wünschen übrig lassen.

Es ist nicht Luxusdenken, sondern Ethik des Arbeitens, wenn Wokalek nach mehr Gelassenheit und »Momenten des Ruhen-Lassens« verlangt – beim Drehbuch-Verfassen, beim Drehen selbst und bei der Mon-tage eines Films. »Es braucht doch Pausen. Alles muss immer so schnell sein. Das tut nicht gut. Ich verstehe das nicht.« So wie man das Hören dosieren müsse, um nach einer gewissen Zeit überhaupt noch differenzierte Töne und Klangfarben wahrzunehmen, müsse sich auch der Blick regenerieren.

Sie selbst jedenfalls hat solche Phasen nötig – Bedürfnis nach einem »leeren Alltag«, in dem Sinne und Wahrnehmung nicht gleich wieder direkt und  zielgerichtet mit dem Sammeln von Eindrücken und deren Verwertung beschäftigt seien. »Ich genieße es, nicht genau zu wissen, was ich als nächstes mache. Ich werde gern überrascht.« Es mag verwundern, wenn sie meint, sich »eigentlich gar nicht gut einschätzen« zu können. Zumindest muss sie eine instinktive Sicherheit haben, das richtige zu tun.

Zurzeit steht sie, unter anderem eben in Wuppertal, für das sich in die Zukunft verlängernde bürgerliche Melodram »Die kommenden Tage« vor der Kamera; Partner sind die beiden allerüblichsten und -beliebtesten: August Diehl und Daniel Brühl. Regisseur ist Lars Kraume, wie Wokalek selbst Grimme-Preisträger, prämiert für das herausragende TV-Schul-Drama »Guten Morgen, Herr Grothe«. Immerhin.

In Wokaleks hellem Kopf haben die Vermurkst- und Verquerheiten der Branche keinen Platz. Promi-Faktor und Eitelkeit spielen überhaupt keine Rolle. »Dieser Bereich nimmt ein Ausmaß an, an leerer Luft, den ich überhaupt nicht begreife. Es geht doch darum, dass man etwas leistet. Davon kann sich ja jeder ein Bild machen. Das reicht.«

Man stelle sich vor, Johanna Wokalek hätte die Chance zu einem Film, wie sie Nicole Kidman, die einem als Referenz-Größe gleichfalls in den Sinn kommt, im Dutzend gedreht hat, Filme wie Jane Campions »Portrait of a Lady«, »The Others« und natürlich Kubricks »Eyes Wide Shut«. Aber wir sind am Medienstandort Deutschland. Hier verfilmt Sönke Wortmann unter dem Patronat von Bernd Eichinger den 1996 erschienenen Bestseller »Die Päpstin« der Donna Woolfolk Cross, eine emanzipatorisch frei gestaltete Version der Legende aus dem 9. Jahrhundert, die mit historischen Fakten recht unbekümmert umspringt.   

Die Regie-Übernahme durch den »Wunder von Bern«-Regisseur, der den nicht freiwillig verzichtenden Volker Schlöndorff  ersetzte, war dabei überraschender, als der Wechsel von Franka Potente zu Johanna Wokalek, die nicht nur deshalb für die Rolle prädestiniert, gewissermaßen geweiht ist, weil sie den Vornamen mit der Titelfigur teilt: Johanna alias Johannes Anglicus. Eine unheilige Johanna, von Mutter Kirche verleugnet; ein weiblicher Bruder Martin, Rebell wider das Kanonische. Der Film (Kinostart: 22. Oktober) scheint stilistisch eine Art »Der Name der Rose« zu sein, gefüllt mit den wirksamen dramatischen Elementen Ranküne, Liebe und Krieg und der Selbstbehauptung eines Ichs gegen Hierarchien, Traditionen und Institutionen.

Johannas Satz »Ich bin frei und unabhängig im Handeln und Denken« lässt sich der Interpretin ebenso in den Mund legen, die »das innere Wertesystem« der mittelalterlichen Heldin gegen die Normen der Zeit betont. Das begabte Mädchen, das sich Griechisch und Latein aneignet, die Bibel und Homer liest, entscheidet sich nach der Ausbildung an der Domschule, ihre Identität abzulegen und fortan in männlicher Rolle zu leben; sie wirkt als Arzt im Benediktinerkloster zu Fulda, gelangt auf dem Pilgerweg nach Rom, macht Karriere als päpstlicher Leibarzt, besteigt nach der Ermordung des Stellvertreter Christi den Stuhl Petri – und wird schwanger. In dem Konflikt zwischen männlicher Karriere und weiblicher Bestimmung sieht Wokalek eine »moderne Zerrissenheit«.

Johanna von Ingelheim wählt an einer Wegmarke eine bestimmte Richtung. »Manchmal«, sagt Johanna Wokalek, »träumt man sich an einen Punkt, von dem aus man alles anders entschieden hätte, von dem aus das Leben einen andere Ausrichtung genommen hätte.« Dass der Gedanke, etwas zu verpassen, vielleicht sogar das Wesentliche, ihr nicht fremd sei, scheint überraschend bei soviel Gelingen. Wokaleks Ich-Findung, wirkt, von außen betrachtet, über jeden Zweifel erhaben.  //


10 / 2009

Und dann macht man das

Von: Andreas Wilink


kultur.west Gezwitscher