Lust und Frust im Haus der Sünde: zwei Rheintöchter, Wellgunde (Maria Kataeva) und Woglinde (Anke Krabbe) mit Alberich (Michael Kraus). Foto: Hans-Jörg Michel

»Wagner macht es sich ein bisschen zu einfach.«

Dietrich W. Hilsdorf inszeniert an der Deutschen Oper am Rhein den »Ring« neu.

INTERVIEW REGINE MÜLLER

k.west: Vier Abende, eine mythisch aufgeladene Handlung,
16 Stunden Musik. Wie geht man das an, sucht man nach dem einen großen Hebel?
HILSDORF: Wir haben das nach Kräften versucht, Literatur gewälzt, Konzepte verglichen. Aber der Hebel war nicht zu finden. Dann habe ich meine vielen Material-Kisten wieder eingepackt, und wir haben beschlossen, dass wir uns die Einzelstücke vornehmen. Wir wissen noch gar nicht, was danach kommt. So haben wir das erst mal klein gemacht, in überschaubare Portionen geteilt. Für »Walküre« und »Siegfried« hatten wir schon Bauproben, aber für »Götterdämmerung« wissen wir noch nicht, was passiert.

k.west: Wenn es kein Meta-Konzept gibt, was ist dann der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte?
HILSDORF: Wotan ist die wichtigste Figur, die hat Wagner wirklich interessiert.

kwest: Sie haben Wagner misstraut, auch wegen des allwissenden Orchesters.
HILSDORF: In der Arbeit habe ich immer Energie aus der Reibung zwischen dem Urtext und der Oper gezogen. Das geht bei Wagner nicht, der reibt sich nicht an sich selbst, sondern er ist ja der eine Gott. Ich gestehe, ich finde diese Musik oft banal, auch die Technik der Leitmotive. Wagner macht es sich ein bisschen zu einfach.

k.west: Wenn Sie nicht wissen, was als nächstes kommt, wie darf man sich dann den Prozess der Regiearbeit konkret vorstellen?
HILSDORF: Im Moment ist die Rheinoper ein Institut zur Erforschung des »Ring«. »Rheingold« ist ein Ensemblestück, es sind 14 Sänger auf der Bühne. Viele haben mit Wagner reiche Erfahrung, deshalb sage ich, ich weiß es schon mal gar nicht. Wir gucken zusammen in den Text, in die Noten, erzählen uns gegenseitig die Geschichte. Ich lasse mich dabei leiten von der Erkenntnis: Der Feind des Mythos ist die Recherche. Wir müssen ja nicht machen, was Wagner wollte, müssen dem Stück nicht hinterherlaufen, sondern wollen es in die Zange nehmen, damit es still hält und nicht so zappelt. Und dann fragen wir: Was bist Du überhaupt? 

k.west: Steht dann die Mythen-Dekonstruktion im Mittelpunkt? 
HILSDORF: Wir gehen ganz handwerklich vor. Mein Credo ist: Gegenstand der Untersuchung ist der Mensch.

k.west: Wie kommen Sie als Literatur-affiner Regisseur mit
Wagners Libretto zurecht?
HILSDORF: Es ist eher ein Lese-Text, kein Theatertext. Wagner hat mit Sprache und mit Möglichkeiten, Deutsch zu sprechen, experimentiert. Etwas wie das »Wagalaweia« der Rheintöchter haben wir als Reibelaute beim lustvollen Küssen assoziiert. Bei uns spielt der Anfang im Haus der Sünde, anspielend auf den gleichnamigen Film.

k.west: Wo sind Bühnenbild und Kostüme angesiedelt?
HILSDORF: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, etwa zu der Zeit, in der Wagner den »Ring« komponiert hat. Patrice Chéreau thematisierte in seiner legendären Bayreuth-Inszenierung Industrialisierung und Kapitalismus, das bildet den Hintergrund. Aber auch die Zeit der Deutschen Reichsgründung. Damals brauchte man einen Gründungsmythos, überall wurden Denkmäler aufgestellt, Hermann der Cherusker, das Deutsche Eck … Wir arbeiten aber auch mit Gegengiften – mit Zola, Börne, Heine. 

k.west: Weil Wagner toxisch ist?
HILSDORF: Allerdings. Die Musik ist wie ein Rauschgift! Ich habe mich dagegen gewehrt mit Künstlern, die zur gleichen Zeit geschrieben und über das Deutsche, auch in Frankreich nachgedacht haben, um mich abzusichern gegen dieses Gift. Wir haben uns vier Zola-Romane vorgenommen, »Nana«, »Germinal«, »Das Geld« und »Die Bestie Mensch«. Zola hat das Gegenteil von Wagner versucht – Untergangsgeschichten nicht mythologisch überhöht, sondern realistisch beschrieben.

k.west: Wagner also durch die Zola-Brille?
HILSDORF: So kann man sagen. Und mit Max Ernst und dessen neu collagierten Zeichnungen aus dem 19. Jahrhundert. Da sieht man Seltsames: geflutete Schlafzimmer, Frauen im Bett, Männer hinter Gittern, die zugucken. Das hat uns inspiriert. Auch hinsichtlich der Collagetechnik, die Wagner selbst nutzt. Ansonsten gilt, der »Ring« ist wie jedes Kunstwerk ein Rätsel. Wenn man es löst, ist es kein Kunstwerk mehr.

Bühne
07 / 2017

»Wagner macht es sich ein bisschen zu einfach.«

Von: Regine Müller


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