»Madame Plaza« von Bouchra Ouizguen. Foto: Hibou Photography

»WIR KOMMEN NICHT VOM MARS«

»Theater der Welt« gastiert im Juli 2010 im Ruhrgebiet. Die Kuratorin Frie Leysen spricht über ihr Programm, den Blicks aufs Fremde, die Metropole Ruhr und den »Elektroschock« ihrer 18 Festival-Tage. 

INTERVIEW: ANDREJ KLAHN UND ANDREAS WILINK

K.WEST: Auf Ihrem Logo und in Schlagworten dazu vertauschen sich als Grafik-Konzept fast unmerklich jeweils zwei Buchstaben: aus »WELT« wird etwa »WLET«. Soll heißen: Das Festival fordert zum »Perspektivwechsel« heraus. Welchen Sichtwechsel meinen Sie?

LEYSEN: Wir verstehen »Theater der Welt« sozusagen literarisch. Proust hat gesagt: »Ich möchte die Welt durch die Augen eines anderen sehen.« So soll auch das Festival sein, nur dass sich dem Zuschauer die Welt durch ganz viele Augen erschließt. Statt einer Aneinanderreihung schöner Vorstellungen interessiert mich die Frage: Wie sehen internationale junge Künstler, die in einem urbanen Kontext leben, ihre Gesellschaft? Welche künstlerischen Formate und welche Sprache finden sie, um diese Vision auszudrücken. Wenn es gelingt, diese Betrachtung in Theater zu überführen, steht ein Mikrokosmos für den Makrokosmos.

K.WEST: Können Sie ein Beispiel geben?

LEYSEN: Wenn Pichet Klunchun mit »Nijinsky Siam« heute einen  thailändischen Khon-Tanz zeitgenössisch interpretiert, nimmt er die Tradition in die zeitgenössische Kunst mit. Das geschieht in Europa kaum. Bei uns findet sich die Vergangenheit im Museum, nicht in der zeitgenössischen Kunst. Nijinsky war übrigens sehr beeinflusst vom klassischen Thai-Tanz, als er 1912 den »Nachmittag eines Fauns« mit den Ballets Russes machte. Zwei Wochen vor der Premiere hatte er eine Thai-Tanz-Vorstellung gesehen und sie sehr genau studiert. Nun wiederum hat Pichet Klunchun Fotos von der Nijinsky-Choreografie neben die des Thai-Tanzes gelegt und das Bewegungsvokabular verglichen. Das wäre so eine Art von Begegnung und Perspektivwechsel.

K.WEST: Sie sprechen in Ihrem Programmbuch von der Utopie einer neuen Stadt, die in Essen und Mülheim entstehen soll. Wie sähe diese neue Stadt aus?

LEYSEN: Wir versuchen eine Art Clash der Visionen. Wir Europäer sind daran gewöhnt, eine immer unübersichtlicher werdende Welt von unserem Standpunkt aus wahrzunehmen. Um mit dieser Komplexität umzugehen, vereinfachen wir. Wir produzieren Klischees. Das ist gefährlich, denn mit Klischees lassen sich Probleme nicht lösen. Wenn ich eine chinesische Produktion anschaue, verstehe ich nicht mal die Hälfte. Aber diese Beschränkung zu akzeptieren, überhaupt zu realisieren, ist wichtig. Missverständnisse sind unvermeidbar. Genau darüber gilt es miteinander in Dialog zu treten. Die Utopie ist das Gespräch, der Austausch für Künstler und Publikum – frei von sozialem, ästhetischem oder ökonomischem Druck.

K.WEST: Viele der Inszenierungen entstehen hier vor Ort. Inwieweit ist »Theater der Welt« als Projekt des ITI (Internationales Theater Institut) auch Förderinstrument und Produktionshilfe?

LEYSEN: Das Festival hat für die Künstler eine Verantwortung. Es muss neue Arbeiten möglich machen. Sonst wäre es nur eine Best-of-Show.

K.WEST: Es ist eher das Gegenteil. Man findet nur wenige bekannte, etablierte Namen im Programm.

LEYSEN: Die Großen von heute kennen wir, die Großen von morgen nicht. Wenn wir den Nachwuchs nicht fördern, wird es morgen auch keine Großen mehr geben. Wir wollen nicht nur nehmen, sondern auch geben. Das Festival muss ein Motor sein.

K.WEST: Sie wehren sich gegen Vereinnahmung der Künstler für Trends und Tendenzen. Dennoch: Was zeichnet das Theater aus, das Sie interessiert?

LEYSEN: Die Künstler sollten unabhängig denken und auf eine bestimmte, dringliche Art auf die Welt schauen – und sie sollten ihren Blick auf die Gegenwart mit dem Publikum teilen wollen. Das hat etwas mit Großzügigkeit zu tun. Zudem sollten sie nicht nur kritisch mit ihrer Umgebung umgehen, sondern auch mit ihrer Kunst.

K.WEST: Wenn man sich durchs Programm liest, kommt man zu dem Ergebnis, dass das »Theater der Welt« nicht aus klassischen Stadttheater-Situationen  besteht, wo man bequem vom Parkett aus dramatischer Weltliteratur beiwohnt …

LEYSEN: Ich habe absolut kein Problem mit Stadttheatern. Doch wenn ich ein Festival kuratiere, schaue ich zunächst, was es in der Gegend gibt. Ich möchte nicht einladen, was ohnehin schon zur Genüge existiert. Hier habe ich den Befund, dass gattungsüberschreitende Arbeiten sich noch nicht stark durchgesetzt haben. Wenn wir aber über zeitgenössische Kunst sprechen, reden wir aber genau über Mischformen. Warum will jeder Regisseur heute Oper machen? Weil Oper das Gesamtkunstwerk par excellence ist. Das »Theater der Welt« ist eine Antenne, ein Thermometer, das die künstlerische Temperatur der Welt misst.

K.WEST: Welchen Einfluss haben Sie als Kuratorin auf die für das Festival entstehenden Produktionen genommen?

LEYSEN: Wir sind kein Festival der Auftragsarbeiten. Ich würde nie einen Künstler bitten: Inszeniere mir Molière. Wir wählen die Künstler aus, die dann selbst entscheiden, was sie machen. Eine Ausnahme ist der mexikanische Regisseur Claudio Valdés Kuri, der mit der Barockoper »Montezuma« das Festival eröffnet. Ich hatte ihn gefragt, ob er Lust hätte, eine Oper zu machen. Er hat sich daraufhin ein paar Werke angehört und sich selbst für die von Carl Heinrich Graun entschieden.

K.WEST: Es gibt eine Referenz an Tschechow und Gogol,  eine Beschäftigung mit Musil, eine mit Odysseus und mit Jesus. Das ist es fast auch schon an vertrauten Stoffen, Figuren, Motiven. Alles andere ist fremd. Fürchten Sie nicht, dass die Zuschauer in den Völkerwanderungs-Bewegungen des Programms auf der Strecke bleiben?

LEYSEN: Nein, eigentlich nicht. »Theater der Welt« ist eine Einladung, in die Welt und in der Zeit zu reisen. Dafür wünschen wir uns ein neugieriges und abenteuerlustiges Publikum. Das Festival findet nur alle drei Jahre statt – es wird einige Jahre dauern, bis es wieder in diese Gegend kommt. Es ist auch eine Chance, ein komplementäres Programm zu dem zu präsentieren, was der Region schon vertraut ist. Meiner Ansicht nach zirkuliert internationale zeitgenössische Kunst noch zu wenig in Deutschland. Die Ausnahme sollte zur Regel werden.  

K.WEST: Einige der ausgewählten Produktionen scheinen ein Endzeitszenario zu eröffnen und apokalyptische Situationen zu entwerfen. Findet »Theater der Welt« vor dem Hintergrund eines politischen und wirtschaftlichen Epochenwechsels statt?

LEYSEN: Wenn man Künstler weltweit zusammenbringt, die sich mit Entwicklungen in ihren Ländern auseinandersetzen, kommt kein Comedy-Festival dabei heraus. Wenn wir über die Welt heute nachdenken, stimmt das nur selten froh. Das heißt aber nicht, dass es nicht Schönheit, Poesie und Humor gibt. Wir veranstalten kein Zerstreuungsprogramm, sondern ein Fest.

K.WEST: Das deutschsprachige Theater unternimmt in den letzten Jahren mit Vorliebe Untersuchungen der Wirklichkeit, geht auf die Straße, vollzieht soziale Interventionen, engagiert sich »Experten des Alltags«. Das Theater der Welt, das Sie zeigen, scheint die nicht nötig zu haben. Ist die Realität dort konkreter und relevanter?

LEYSEN: Die meisten Künstler des Festivals sind selber Experten des Alltags. Wir sind in Europa sehr verwöhnt. Wir haben professionelle Schauspieler. Anders in Japan oder Argentinien. Die »professionellen« Schauspieler in Buenos Aires haben tagsüber einen Job, spielen abends eine Vorstellung und proben nachts für die nächste Produktion. Da schwindet der Unterschied von professionell oder nicht-professionell. Aber das, was wir Laiendarsteller oder Experten des Alltags nennen, ist ein interessantes Symptom. Denn damit stellt sich die Frage: Was ist Theater heute und wie glaubwürdig? Keiner glaubt, dass ein Hamlet-Darsteller wirklich Hamlet ist. Wenn ein Schauspieler das tut, hat er ein Problem.

K.WEST: Dass das »Theater der Welt« bei seinem 12. Durchlauf im Ruhrgebiet ankommt, in Mülheim und Essen (wo es 1991 schon einmal gastierte), hat vermutlich das Thema vorgegeben: Stadt und Industrialisierung sowie deren Abbau- und Umwandlungs-Prozess?

LEYSEN: »Theater der Welt« findet im Rahmen der Kulturhauptstadt statt. Die Gegend feiert sich selbst. Das ist gut. Aber es ist auch gut, dass »Theater der Welt« versucht, einen anderen Horizont hineinzuholen. Hinter den Grenzen des Ruhrgebiets gibt es andere, härtere Realitäten. Andere Kulturen, andere Sprachen, andere Sensibilitäten – das ins Bewusstsein zu rufen, finde ich im Kontext von Ruhr.2010 wichtig. Darin müssen wir radikal sein.

K.WEST: Haben Sie den Eindruck, in einer Me-tropole Theater zu machen?

LEYSEN: Das Ruhrgebiet ist keine Metropole. Es soll auch keine sein.

K.WEST: Damit liegen Sie konträr zu offiziellen Linie.

LEYSEN: Tut mir leid. Aber wenn wir über Me-tropolen sprechen, dann meine ich Shanghai oder New York. Aber ist der Begriff »Metropole« ein Kriterium für etwas? Die Region hat andere Besonderheiten: dichte kulturelle Landschaft, den strukturellen Wandel, schöne Natur und die unterschiedlichen Nationalitäten ihrer Einwohner.

K.WEST: Wie genau haben Sie sich hier im Revier umgeschaut?

LEYSEN: Ich wohne hier zwei Jahre lang. Ich habe lange gebraucht, um das Ruhrgebiet zu verstehen. Es ist nicht einfach mit einem Projekt, das nur zweieinhalb Wochen dauert. Man hat wenig Zeit, um eine Beziehung zum Publikum aufzubauen. Wir haben deshalb entschieden, dass sich »Theater der Welt« mit den Problemen der Region nicht zwingend auseinandersetzen muss. Obwohl das auch geschieht. Künstler wie Anna Rispoli oder Kris Verdonck, Hans Peter Litscher und die Gruppe Berlin  lassen sich vom Ruhrgebiet inspirieren. Ich bin gespannt auf diesen Blick von außen.

»Theater der Welt« bietet eine wilde Mischung und in seinen mehr als 30 Produktionen u. a.: die Heilige Barbara – Schutzpatronin der Bergleute, einen thailändischen Tänzer, die sich mit Nijinsky beschäftigt, eine Gang im Township von Pretoria, den Aztekengott Montezuma, die Kreuzzüge als Puppenspiel, Tschechows »Kirschgarten« als litauisches Freilichttheater, Fragmente einer walisischen Kindheit, einen österreichischen Choreografen als Alpinisten in der Essener City, eine sechseinhalbstündige schlaflose Nacht mit Traumgestalten aus Argentinien, ein profanes Schloss der Träume aus Japan, eine Recherche über verkappten Wohlstandsmüll zwischen Ostasien und den USA, Kindheitserinnerungen aus Rotchina und Musils »Mann ohne Eigenschaften«. Das Festival will uns die Augen öffnen. K.WEST hat schon mal hingeschaut und einige Augenblicke gesammelt.  

HÄUTUNGEN

Aus Mexiko: Grauns Heldenoper »Montezuma«

Auf der Website des Teatro de Ciertos Habitantes taucht das Panorama eines gewalti-gen Naturschutzgebietes auf: Der Corredor Biológico Chichinautzin liegt im mexikanischen Bundesstaat Morelos. Auch die Gruppe um Claudio Valdés Kuri ist ein solch schützenswertes Biotop. Kuri, Schauspieler, Bassist, Bühnenbildner, Filmemacher, Mitbegründer des Ensembles für Alte Musik Ars Nova und Initiator des seit 1997 bestehenden Teatro de Ciertos Habitantes, ist mit seinen Produktionen international unterwegs. Im doppelten Sinn: Eingeladen zu Festivals in Asien, Europa, Lateinamerika und den USA, arbeiten die Aufführungen mit einer Über-blendungstechnik: die Zeiten quert, kulturelle Traditionen häutet, historisches Material schichtet, transparent macht und assimiliert. Sie lauschen der inneren Stimme Jeanne d’Arcs ein neues Echo ab; lassen Anouilhs »Becket oder die Ehre Gottes« auf einer Freitreppe als schwarzweißes Ritterspiel aus dem Geist des Kinopuristen Robert Bresson ablaufen; erzählen die Geschichte der Kastraten-Sänger als prächtig barockes Passionsspiel; bringen »The Grey Automobile« in Fahrt, in dem sie den gleichnamigen Stummfilm von 1919 über eine Gangsterbande in Mexico City mit einem japanischen Benshi-Sprecher  zum Crossover koppeln. Da darf man auf die Umdeutung der 1755 an der Berliner Staatsoper Unter den Linden uraufgeführten »Montezuma«-Oper von Carl Heinrich Graun neugierig sein. Das von Friedrich dem Großen verdichtete Libretto über die Eroberung Mexikos durch den Spanier Cortés und dessen Verrat am aztekischen Gottkönig wird zur Reflexion über die Geburt einer Nation. | AWI

Musikalische Leitung: Gabriel Garrido; 30. Juni, 1. und 3. Juli, Stadthalle, Mülheim.

ANATOMIE DER MENSCHLICHEN KREATIVITÄT

Aus Südafrika: William Kentridges Monteverdi-»Odysseus«

Das »sterblich Ding«, das im allegorischen Prolog als abhängig von höheren Mächten beklagt wird, ist eine hölzerne Puppe. Umstanden von den Sängern, liegt sie mit Christus-Antlitz unter gestreiften Laken: ein müder Held, der in seiner Bettstatt von Ithaka träumt. Claudio Monteverdis »Il ritorno d’Ulisse in patria« von 1630 beruht auf dem 13. bis 23. Gesang des Homer. William Kentridge inszeniert die frühe Oper halbszenisch mit Handpuppen und den für den südafrikanischen Künstler typischen schwarzweißen Zeichnungen, die projiziert und zu einer Art Bühnenbild-Prospekt aufgezogen werden. Wie im Silhouetten-Theater irrt der Segler des Odysseus übers Meer, es türmen sich Wolken und Gebirge, wo die Olympier Schicksal spielen, laufen Impressionen eines modernen Roadmovies ab über die Einsamkeit von Straßen und Städten. Der antike bzw. barocke Troja-Rückkehrer ist bei Kentridge ein moderner Mensch. So sehr die Marionetten naiv und emotionslos scheinen, so analytisch vielschichtig öffnet sich der Animations-Bild-raum, durchleuchtet wie ein Ultraschall die Seelenwege und liefert die Anatomie mensch-licher Kreativität – und Destruktivität, wenn Odysseus schließlich die Freier erschießt und purpurne Flüsse und Lavaströme ein Zerstörungswerk dokumentieren. | AWI

Musikalische Leitung: Philippe Pierlot mit dem Ensemble Ricercar Consort; 10. und 11. Juli, Stadthalle, Mülheim.

BIG MOTHER IS WATCHING YOU

Aus Russland: Dmitry Krymovs »Opus No. 7«

Ist es Mütterchen Russland? Oder ein Popanz staatlicher Gewalt, der da als riesenhafte Puppe auf die Bühne bugsiert wird, im altmodisch schwarzen Kleid Platz nimmt und genau aufpasst? Manege frei für ein exzentrisch zirzensisches Theater: Eine junge Frau erklimmt ein roh gezimmertes Holzgerüst in Form eines Flügels, bemalt sich wild mit roter Farbe und wirbelt zu Schostakowitschs berühm-tem Walzer ein Foto des Komponisten durch den Raum, das sich mit anderen Bildnissen zum Porträt des Künstlers unter der Sowjet-Diktatur fügt. Die ausladende Matrone lässt die unbotmäßige Bagage nach ihrem Revol-ver tanzen. Ein Dressurakt. Schostakowitsch wird gezwungen, willfährig am brennenden Instrument vor einer Büste Beethovens zu sitzen. Er, der einmal sagte: »Das Warten auf die Exekution ist eines der Themen, die mich mein Leben lang marterten«, wird nach Lenin und Stalin dann quasi zum offiziellen Staats-künstler. Starke, einfache symbolhafte Bilder prägen auch den komplementären Aufführungs-Teil von Dmitry Krymovs Theaterlabor, der sich dem  osteuropäischen Holocaust widmet. Vor einer papierenen Klagemauer voll-zieht sich ein anderes Kaddisch – Requiem für die ermordeten Juden. Ebenfalls plakativ überhöht und einprägsam, wenn leere Kleiderhüllen aus der Wand zu wachsen und doch von Armen bewegt sowie dokumentarische Fotos orthodoxer Juden plötzlich beseelt zu sein scheinen, flammt Geschichtsstoff opernhaft auf und glüht aus. | AWI

15. bis 17. Juli, Essen, Zollverein, Salzlager.

LEIBESVISITATION

Aus Marokko: »Madame Plaza«

Eine schläfrige Stimmung liegt über der Szene. Auf drei geblümten Liegen räkeln sich vier Frauen, eher erschöpft als lasziv, mehr zur Entspannung als in Erwartung, als fänden sie aus Träumen schwerlich zum Tag und so geduldig, wie wenn sie auf Zeugen ihrer Existenz warte-ten. Aitas heißen in Marokko Frauen, die Europa als Kurtisanen kannte, die Japan Geishas nennt und deren uneindeutiger Status zwischen Prestige und Stigmatisierung schwankt: einerseits begehrt, andererseits verachtet; kultiviert und überlegen, doch für den Mann verfügbar. Das Quartett (darunter Regisseurin Bouchra Ouizguen) mit den massigen, stämmigen Körpern, die einem Botero gefallen würden, übt sich während der rituellen, meditativen Choreografie, an der jede Faser, jeder Muskel und jede Hirnwindung beteiligt zu sein schei-nen, in Selbstbewusstsein. Die Leibesvisitation dient der sozialen Verortung, wobei Chiffren der Verführung und das erotische Vokabular weiblicher Gesten umgedeutet und zum emanzipatorischen Bekenntnisakt werden. | AWI

5. bis 7. Juli, Theater an der Ruhr, Mülheim.

IM ANGESICHT DES HERRN

Aus Italien: Romeo Castelluccis »Begegnung mit Jesus«

Bilder, so hat Romeo Castellucci einmal gesagt, seien wie ein Fluss. Sie entsprängen irgendwo und würden auch irgendwo einmünden. Doch wüsste man nie, wo genau das ist. Deshalb müsse man sich mitreißen lassen von ihrer Kraft und Dynamik. Mit seiner Socìetas Raffaello Sanzio, die Castellucci 1981 zusammen mit seiner Frau Claudia und Chiara Guidi in Cesena gegründet hat, zählt der 1960 geborene studierte Maler und Bühnenbildner heute zu den bedeutendsten Regisseuren seines Landes und zugleich zu den wenigen exponierten, international erfolgreichen Vertretern der italie-nischen Theater-Avantgarde. 2005 leitete er die Theaterbiennale in Venedig, 2008 war er als »Artiste Associé« mitverantwortlich für das Festival d’Avignon. Die archaisch-suggestiven, häufig überaus bedrohlich wirkenden Gesamtkunstwerke der Gruppe kommen mit wenig Sprache aus. Irritierend und einschüchternd, adaptieren die Castelluccis gern Mythen und Märchen, schaffen Räume von skulpturaler Kraft und verstörender Schönheit und schre-cken dabei auch vor kräftig aufgetragenem Pathos nicht zurück. Als Welturaufführung zeigt Castellucci »On The Concept Of Face, Regarding The Son Of God, Vol. I«, erster Teil einer »J« betitelten »Begegnung mit Jesus in seiner vollständigen Abwesenheit«. Auch wenn das Programmbuch sich als Foto ein »Schwarzes Quadrat« bei Malewitsch entleiht, muss nicht befürchtet werden, dass es bei Castellucci wenig zu sehen gibt. | ANK

15. bis 17. Juli, Essen, Zollverein, Halle 5.

WAS ÜBRIG BLEIBT

Aus Singapur: Ho Tzu Nyens »Invisible Room«

Hohe Abstraktionskraft in Verbindung mit verschwenderischer Sinnlichkeit bringt der 1976 in Singapur geborene Ho Tzu Nyen auf Bühne und Leinwände. Sein erster größerer Film, »Here«, lief im letzten Jahr in der Nebenreihe »Quinzaine des Réalisateurs« in Cannes, sein Kurzfilm »Earth« ebenfalls 2009 in Venedig. Hervorgegangen ist »Earth« aus einer ursprünglich für die Bühne konzi-pierten Arbeit: »Invisible Room«, ein »End-zeitszenario-Konzert«. Dafür hat die Elektroband »The Obersvatory« einen prächtig düsteren Sound zusammengefrickelt – mit unüberhörbaren Anleihen bei Portishead. Beweglich und grenzüberschreitend arbeitet sich Ho Tzu Nyen durch Genres und Traditionen, seine filmischen Inszenierungen gefrieren dabei nicht selten zu tableaux vivants. So auch in »Invisible Room«, in dem er Elektroschrott und anderen Zivilisationsmüll zu einer apokalyptischen Landschaft verdichtet, um darauf menschliche Körper auszulegen und sie zärtlich mit der Kamera abzufahren. Minimale Bewegungen, maximal melancholische Musik.

1., 3. & 4. Juli, Autonomes Zentrum, Mülheim    

INFO

Frie Leysen, 60, Kunsthistorikerin; die Belgierin hat in den 80er Jahren das Kunstzentrum De Singel in Antwerpen etabliert; 1994 gründete sie in Brüssel das multidisziplinäre Kunstenfestivaldesarts; im arabischen Raum kuratierte sie das Festival Meeting Points 5 mit Theater, Tanz, Bildender Kunst, Film, Video und Musik; als erste internationale Programmdirektorin leitet sie das »Theater der Welt«

30. Juni bis 17. Juli 2010, Mülheim an der Ruhr und Essen; www.theaterderwelt.de 

Bühne
06 / 2010

»WIR KOMMEN NICHT VOM MARS«


kultur.west Gezwitscher