Tonnen-Installation vor dem Museum für Angewandte Kunst Köln zu einer Ausstellung über deutsche Klischees. Foto: K.WEST

DAS DING – DESIGN IM ALLTAG

Die Mülltonne

 

TEXT: VOLKER K. BELGHAUS

Zugegeben – Mülltonnen sind aus ästhetischen Gründen nicht jedermanns Sache. Schon Gustaf Gründgens soll sich ihretwegen geweigert haben, Beckett ins Programm zu nehmen: Ihm »käme keine Mülltonne auf die Bühne!« Das Abfallbehältnis hat keinen guten Stand und fristet seine Existenz oft auf zügigen Hinterhöfen oder versteckt in Waschbetonboxen, um einmal in der Woche an das Licht der Öffentlichkeit gezerrt zu werden. Auch am Straßenrand begeistern sie nicht gerade durch formale Anmut – die Kunststoff-Mülltonnen unserer Tage versuchen gar nicht erst, das Straßenbild zu bereichern, sie sind reine Zweckobjekte und so gebaut, dass sie mit ihrer Kantengebung perfekt in die Hebevorrichtungen der Müllautos passen.

Aufgrund ihrer Größe her sind sie eher unelegant zu bewegen, im Gegensatz zu den alten Ring-Mülltonnen aus Metall, die vor der Kunststoff-Variante zum Einsatz kamen und mit dem aufgeklebten Imperativ »Keine heiße Asche einfüllen« das drohende Bild von brennenden Mülltonnen in einer bundesrepublikanischen Bronx heraufbeschworen. Diese runden Tonnen wurden mit einer speziellen Drehbewegung über den Asphalt manövriert, was bei geübten Müllmännern zu Choreografien führte, die sich heute gut auf der Bühne des Lärm-Musicals »Stomp« machen würden – dort werden traditionell amerikanische Mülltonnen aus Metall zum Scheppern gebracht. Auch »Oscar« wohnte damals in der »Sesamstraße« in so einem blechernen Ding, aus der heraus er nicht nur die Welt außerhalb beargwöhnte und begriesgrämte, sondern auch singend Abseitiges kundtat: »Ja, ich mag Müll. Alles was schmutzig ist, stinkig oder dreckig.« Wenigstens einer.

Auch die Farbgebung der Kunststoff-Tonnen ist etwas weit hergeholt. Anthrazitfarbenes Einheitsgrau: Restmüll, was vom Trennen übrig blieb. Braun: Biomüll, in all seiner Komposthaftigkeit. Gelb: Verpackungen des »Grünen Punkts«, aber warum dann gelbe Tonnen? Blau: Altpapier. Nun ja. Genormt ist dieses Farbsystem nicht, in Hongkong kommt Verpackungsmüll aus Kunststoff in die braune Tonne und in Indonesien ist für Plastik- und Glasflaschen eine rote Tonne vorgesehen.

Die unzureichende Nicht-Gestaltung der Mülltonne ruft nicht nur Hobby-Designer auf den Plan, die ihr Exemplar mit Hausnummern und Malereien in bunter Kindergartenoptik verschlimmbessern; auch findige Firmen bieten Abhilfe. Textile »Tonnen-Socken« können dem Behältnis übergestreift werden und »Tonnen-Cover« aus einer bedruckbaren Textilkunststofffolie verzieren das Sammel-Gefäß mit Blumenfotos, Naturaufnahmen und privaten Schnappschüssen. Ob Kitsch aber Tristesse ersetzen muss, bleibt fraglich.

Wahrscheinlich kann man als Designer am »Mülleimer für die staubfreie Entleerung« nach DIN 6628 aus dem Jahr 1959 nur scheitern. Seither sind über 23 DIN-Normen hinzugekommen, die festlegen, wie eine Mülltonne beschaffen sein muss. Allein die Gestalter von grafischen Computer-Desktops haben da mehr Spielraum, seit in den 80er Jahren jemand auf die Idee kam, das Stückchen Speicher, auf den die Dokumente kurz vor dem endgültigen Löschen verschoben werden, mit einen Papierkorb zu visualisieren. Skeuomorphismus heißt das in der Fachsprache, wenn sich das Software-Design an Dingen der realen Welt orientiert. Jenes Symbol hat sich durchgesetzt, wenn auch in verschiedenen Ausprägungen: Während Windows diverse Papierkörbe ausprobierte – bei Windows XP war es sogar ein windschnittiges Designerstück –gab es bei Apple auch mal die amerikanische »Oscar«-Tonne mit und ohne Deckel. »DIN 6628« suchte man bisher vergebens.  

 

Design
09 / 2014

DAS DING – DESIGN IM ALLTAG

Von: VOLKER K. BELGHAUS


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