DER SPIRALWARENAUTOMAT

Das Ding - Design im Alltag

TEXT: VOLKER K. BELGHAUS

Das schummrig beleuchtete Tastenfeld könnte aus einem historischen James-Bond-Film stammen; dazu da, ein ganzes Atomwaffenarsenal zu aktivieren. Das Metallprofil, mit dem die Münzen ins Innere geschoben werden, ist zerkratzt und ruckelig. Die silbrig glänzenden Spiralen, die in Zeitlupe kleine Chipstüten nach vorne bewegen, tun das provozierend schwerfällig. Die meisten der Spiralwarenautomaten, die man auf Bahnsteigen und in U-Bahnhöfen findet, scheinen aus der Zeit ge-fallen – alt gewordene Maschinen aus einer großen Snack-Vergangenheit. Der Name der weitverbreiteten Automaten – »Selecta« – ist zwar passend gewählt, könnte aber auch eine Haushaltswarenmesse aus den 80er Jahren sein.

Moderne Touchscreens sucht man vergebens – wahrscheinlich, weil die Mechanik weniger störanfällig ist – dafür droht ein Schild an der Scheibe potentiellen Schokoriegelräubern, dass dieser Automat videoüberwacht werde. Man sucht und erwartet standesgemäß eine klobige VHS- oder Betamax-Kamera, findet aber nichts dergleichen. Arbeiten sie vielleicht doch schon mit einer winzig kleinen Knopfkamera, die als Gummibärchentüte getarnt ist, welche in einem Spiralfach steckt, das sich (Achtung, Verschwörung!) nie ansteuern lässt, weil es keine Nummer dazu gibt, wie ein eigentlich nichtexistentes Wolkenkratzerstockwerk in einem Murakami-Roman? Oder ist das nur Technologie-Prahlerei, und den Job übernehmen sowieso die allgegenwärtigen Kameras auf den Bahnhöfen?

Wie auch immer – Randale und Beschädigungen an den Automaten verhindern sie jedenfalls nicht. Die provozieren die Maschinen durch die Spiraltechnik selber. Gerade die jugendlich-halbstarken, nächtlichen Reisenden, denen es nach salzig-süßem Snackwerk gelüstet, reagieren patzig auf die Spiraltechnik. Das Geld ist eingeworfen; die Spirale beginnt, die Ware nach vorn zu transportieren, doch anstatt ordnungsgemäß Richtung Entnahmeklappe zu fallen, verklemmt sich die Tüte auf den letzten Millimetern und bleibt hängen. In diesen Fällen kann man neben wüsten Beschimpfungen auch körperliche Gewalt wie mutwilliges Treten oder Dagegenwerfen beobachten, damit sich die bezahlte Ware durch die Erschütterung endlich lösen möge.

Trotz dieser Hassliebe sind die Spiralwarenautomaten weit verbreitet, gerade an Bahnhöfen sind sie die letzte Rettung, wenn selbst die uniformen Norm-Food-Filialisten endlich ihre »Erlebnis-Vitrinen« geschlossen haben. Die Automaten haben als »Vending-Machines« ihren Ursprung in den USA und bieten rund um die Uhr eine interessante Sortimentmischung – neben Chips, Süßigkeiten, Schokoriegeln, kleinen Kuchen und Softdrinks gibt es auch Dinge des täglichen Bedarfs; wie bei Amazon perfekt auf die potentielle Kundschaft abgestimmt. Kunden, die die Kondome kauften, kauften auch den Schwangerschaftstest.

Wer Glück hat, kann geistige Nahrung zwischen den Spiralen finden, wie die schmalen Lesehefte des Berliner Indie-Verlages »SuKuLTuR«. Im reclamgelben A6-Format bieten sie schnelle Lektüre, u.a. von Jörg Albrecht, Sascha Lobo oder Tanja Dückers. Wobei Marc Degens’ »Wut tut gut« wieder ganz hübsch zum verkanteten Schokoriegel passt. Momentan findet man die Automaten mit Literaturfach leider nur in Berlin und auf Sylt. Bahnfahrer aus NRW können sich ersatzweise die Inhaltsstoffliste auf einer Tüte Kartoffelchips durchlesen, so kommt man auch locker über die Fahrzeit. Nur eins sollte man laut alarmistischer Automatenaufschrift unterlassen, weil einem sonst wahrscheinlich der Himmel auf den Kopf fällt: »Bitte keine leeren Fächer auswählen!«

Design
02 / 2015

DER SPIRALWARENAUTOMAT

Von: Volker K. Belghaus


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