DIE WETTERKARTE

Das Ding - Design im Alltag

TEXT: VOLKER K. BELGHAUS

Vor einigen Jahrzehnten gab es im Fernsehen noch Meteorologen und keine »Wetter-Experten«. Gestandene, vor Seriosität strotzende Erklärer wie Dieter Walch, Dr. Karla Wege oder Uwe Wesp, wie festgewachsen vor der Wetterwand des ZDF, der ausgestreckte Arm reichte gerade mal bis zur niederländischen Küste. Statt sinnlosen Herumlaufens im 3D-Studio eine einzige Kameraeinstellung – Faktenvermittlung statt Infotainment. In den frühen Jahren zeichneten die Meteorologen die Wettersymbole wie Sonnen, Wolken und Isobarenlinien mit Kreide direkt auf die Deutschlandkarte im Studio. Um bei der Vorhersage nicht die Karte mit einem Schwamm weg-wischen zu müssen, behalf sich das ZDF mit einer Wand aus drei prisma-förmigen Elementen, die auf Knopfdruck bewegt wurden und so drei verschiedene, vorbereitete Karten zeigen konnten. Aus den Kreidesymbolen wurden irgendwann Magnetfolien, aber Uwe Wesp bleibt mit seiner übergroßen, verkabelten Fernbedienung stilistisch wegweisend für das bundesdeutsche Wetterkartentum. War eine neue Karte nötig, drückte er möglichst unauffällig auf den lichtschaltergroßen Knopf, auf dass sich die Prismen leicht rumpelnd weiterdrehten. Die fortschreitende Fernsehtechnik machte die Fernbedienung irgendwann überflüssig, bald standen die Meteorologen vor einer Bluebox, in die die passenden Grafiken eingestanzt wurden.

Bei der ARD gab es als Vorläufer der bekannten, menschenleeren Wetterkarte mit Off-Stimme eine Wettersendung, in der ab 1952 beamtenhafte Herrschaften vom Hamburger Seewetteramt mit einem Kohlestift schwungvoll Temperaturen und Hochdruckgebiete auf Deutschland und Europa kritzelten. Um die Sendung aufzupeppen, bekamen die grauen Herren ab 1953 Unterstützung von »Pit Petersens Püppchen«, die das Wetter in kleinen Spielszenen heiter bis bieder präsentierten. Mit dem Puppentheater war 1960 endgültig Schluss; der Hessische Rundfunk übernahm und etablierte mit damals knallmoderner Zeichentricktechnik die bekannte Tagesschau-Wetterkarte. Natürlich weinten Zuschauer und das Fernsehfeuilleton Gong dem Gewohnten öffentlich hinterher und zeigten sich überfordert von dem »Wirrwarr von Linien, Kurven und sonstigen monoton wiederkehrenden Zeichen, gekrönt von elektronischer Musik«. Kritik kam auch vom damaligen Präsidenten des Bundes der Vertriebenen, der sich über »ein verstümmeltes Deutschland« aufregte; die Karte ginge »nur« bis zur Oder-Neiße-Linie. Dem Zuschauer würden so »die deutschen Städte Breslau und Königsberg unterschlagen«. Er giftete vergebens.

Hinter der Wetterkarte steckte indes harte Arbeit – das Design der Symbole stammte von der jungen Grafikerin Elfriede Zechner, die mit einem Team aus Grafikern und Trick-Kameraleuten rund 4000 Einzelbilder und 35 Meter Film für jeweils eine Wettervorhersage zusammensetzen musste, was täglich drei Stunden dauerte. Ein Sprecher trug sachlich den kommenden »Tiefdruckeinfluss von der Biscaya« vor, am Ende drehte sich eine animierte Windrose, und ein Morseton, ein früher Vorläufer des Telekom-Düdeledüts, leitete die Zuschauer akustisch zum Abendprogramm über. Die Tonfolge »− − · −   · −   − − « entsprach der Q-Gruppe »QAM«, was verkürzt für »Wetterbericht« steht. Die Morsetöne fielen irgendwann den grafischen und technischen Renovierungsarbeiten zum Opfer; heute erstellen Computerprogramme die Karten fast automatisch. In ARD und ZDF verzichtet man immer noch auf Sperenzchen wie 3D-Flüge über pixelige Google Maps-Karten, und Jörg Kachelmann und seine Kollegen benötigen für ihre Youtube-Wetterclips lediglich ein Klemmbrett mit fotokopierter Deutschlandkarte und einen Edding – back to the Roots im Wölkchendesign.

 

Design
08 / 2015

DIE WETTERKARTE

Von: Volker K. Belghaus


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