Badezimmer

Ready? Made!

Besen, Besen, seid’s gewesen: David Olschewski baut aus Alltagsgegenständen kuriose Möbel – oder Kunst.

TEXT: VOLKER K. BELGHAUS

Eine Badewanne ist eine Badewanne ist ein Sessel. Könnte aber auch etwas völlig anderes sein in der Gedankenwelt von David Olschewski. Da muss man erstmal drauf kommen: Eine Badewanne mit zwei Schnitten zersägen, Stuhlbeine drunter schrauben und das Ergebnis zur Sitzgruppe erklären. Und dann noch eine flache Duschtasse als Tisch mit dazustellen. »Ich will den Betrachter bewusst irritieren und aus dem Alltag reißen« sagt David Olschewski, der seinen Ideenreichtum ein wenig selbstironisch auf die künstlerische Förderung während seiner Waldorfschulzeit zurückführt. Aber keine Angst, der Mann läuft nicht mit Hammer und Meißel durch die Welt, um überall die rechten Winkel abzuschlagen.

Er macht – ja was eigentlich? Möbel? Oder doch Kunst? »Ich würde es ›Design Art‹ nennen, eine Mischung aus beidem. Immerhin sind meine Produkte Gebrauchsgegenstände, also ganz klar Design. Aber ich lass mich da in keine Schublade stecken.« Andererseits verkauft Olschewski seine Werke über Galerien in Basel, Sylt und – Peking. Und wenn man ihm hinterhergoogelt, stößt man immer wieder auf die Begrifflichkeit des »Readymade«. Große Namen wie Marcel Duchamp oder Meret Oppenheim also, die das »Vorgefundene« musealisierten. Aber anders als das Pissoir »Fountain« oder Oppenheims »Frühstück im Pelz«, dem haarig ummantelten Frühstücksservice, hat Olschewski einen anderen Anspruch an seine Arbeiten: Sie dürfen nicht zu aufgesetzt wirken und sollten nicht zu viel in ihrer Funktion verändert werden. Mit Oppenheims Teetasse lässt sich hinterher allenfalls noch kuscheln, und was Olschewski haarscharf mit Duchamp verbinden könnte, ist die Tatsache, dass ihm die Idee zu seiner »Badezimmer«-Sitzgruppe auf der Toilette kam.

Das »Badezimmer« war dann auch seine Diplomarbeit an der »ecosign«, einer Kölner Privathochschule für Gestaltung. Als er dort im Jahr 2000 sein Studium begann, war Olschewski mehr an Kommunikationsdesign denn an Produktdesign interessiert, was sich aber im Laufe der Zeit änderte, so dass er sich auf Möbel spezialisierte. Bezeichnend  an seinem Diplom – und untypisch für sein Fach – ist auch das Verfassen des Theorieteils vor dem praktischen Teil. Vorheriges Denken hilft halt immer, auch wenn Olschewski nicht mehr genau sagen kann, welche Idee ihn da jeweils geritten hat. Wie kommt man darauf, einen Hocker zu bauen, dessen Sitzfläche aus zwei umgedrehten Straßenbesen besteht? »Keine Ahnung, irgendwann war die Inspiration halt da.«  

»Broomstool« heißt dieser borstige Besenhocker und das Teil ist, wenn man sich einmal eingesessen hat, tatsächlich bequem. Olschewski hat dafür extra härtere Borsten ausgewählt, die sich dem Gesäß des Besitzers anpassen, bei Belastung nicht direkt umknicken und für den nötigen Widerstand sorgen – »man sitzt nicht, man schwimmt eher!« Gutes Stichwort für ein weiteres Möbelstück – den »Schwimmflügelhocker«. Hier werden acht aufgeblasene Schwimmflügel zur Sitzfläche, gestützt von einer transparenten Unterkonstruktion aus Acryl. Halten die orangefarbenen Planschhilfen das aus? »Aber sicher, wobei ich nicht ausschließen kann, dass die Flügel nach ein paar Jahren Luft verlieren könnten und ausgetauscht werden müssen.«

Ziemlich unverwüstlich hingegen ist Olschewskis »Stiller Gefährte«; mit ihm funktionierte er eine umgedrehte rote Schaufel zum Kleiderständer um. Kein Baumarkt-Schick, sondern eine dieser Ideen, von denen man sich fragt, warum man nicht selber darauf gekommen ist. Dem bekannten »Stummen Diener« nachempfunden, kann man hier seine Jacke halbwegs knitterfrei über die Schaufelfläche hängen. Den Begriff »Stummer Diener« mag Olschewski nicht, denn »ein Kleiderständer sollte ein Freund sein und kein Diener«. Wie jetzt? »Und ein Freund sollte nicht stumm sein, höchstens mal still. Vielleicht kann er ja reden!« Sätze wie diese zeigen Olschewskis Hang zur, teils ironischen, Neuinterpretation und zum Perspektivwechsel und erinnern dabei an Erich Kästner, der im Vorwort zu »Emil und die Detektive« seinen Lesern empfahl, sich rücklings auf den Boden zu legen, weil man so festzustellen könne, »dass die Tischbeine Waden haben.« Ein weiterer Garderobenständer trägt den rätselhaften Namen »14.7.« und besteht aus drei Heugabeln, die scheinbar aneinandergelehnt im Raum stehen und auf deren nach oben gerichteten Zinken sich allerlei Kleidung hängen lässt. Das Prinzip ist soweit verstanden, aber warum »14.7.«? Mamas Geburtstag? »Nein, das nicht. Das ist das Datum, an dem während der Französischen Revolution die Bastille gestürmt wurde«, sagt Olschewski lächelnd. »Das ist meine romantische Vorstellung der Revolution, schließlich hatten die Bauern keine Gewehre, sondern kämpften mit Werkzeugen wie eben diesen Heugabeln.«

Aber nicht alles hat bei Olschewski gleich einen kuriosen Hintergrund. Die Lampe »Peglight« besteht aus scheinbar aufeinander getürmten, in Wahrheit geklebten Wäscheklammern und macht Licht. Basta. Ist aber in seiner skulpturalen Form dann doch was Besonderes – so was kriegt man eben nicht beim blau-gelben Schweden auf der grünen Wiese. Und dann wäre da eine weitere Lampe mit Namen »Lighttable«, die den Eindruck bestärken könnte, dass Olschewski keine Lust mehr hat, im Baumarkt auf Einkaufstour zu gehen. Gut, die Konstruktion mit den aneinander gelehnten Stäben zitiert die Heugabeln von »14.7.«, aber sonst? Absolut klassisches Industriedesign, sehr edel, eine Mischung aus Lampen-Dreigestirn und Tisch; wie geschaffen, um die Lofts der Republik zu erobern. Ist das die neue Richtung, weg von den »Readymade«-Möbeln? »Nein«, beschwichtigt Olschewski, »das ist ein weiterer Teil meiner Arbeit, ansonsten will ich aber meinen Stil beibehalten.« Er hat in der letzten Zeit einige Ideen angehäuft, die er »endlich mal fertig machen« will. Es wird beispielsweise Variationen des »Stillen Gefährten« und »14.7.« geben, so soll der »Gefährte« zu drei Schaufeln erweitert werden. Über Details schweigt sich Olschewski aber noch aus. Wahrscheinlich wird man diese Arbeiten bald in einer Galerie irgendwo auf der Welt finden, und wie bei den meisten seiner Produkte werden sie auf 100 Exemplare limitiert sein – Mangel kann das Interesse fördern. Da ist sie wieder, die Nähe zur Kunst, womit man wieder fast am Anfang steht. Der Möbeldesigner Olschewski, dem das Schubladendenken zuwider ist und der sich spielerisch zwischen den Weltanschauungen bewegt, kann indes beruhigt einen Satz von Marcel Duchamp nachlesen: »Das Kuriose am Readymade ist, dass ich bisher nicht imstande war, dafür eine Definition oder Erklärung zu finden, die mich völlig zufriedenstellt.« 

www.davidolschewski.de

Design
10 / 2009

Ready? Made!

Von: VOLKER K. BELGHAUS


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