»Hirngespinster«: Vater und Sohn (Tobias Moretti, Jonas Nay). Foto: movienet

ABGEDICHTET

»Hirngespinster« von Christian Bach

 

TEXT: ANDREAS WILINK

»Um dem Wahnsinn zu entkommen, muss man ihm vorauseilen«, resümiert Simon als Prolog dieses lang nachhallenden Films, der in seinen Dialogen wie mit seinem schauspielerischen Ensemble Feinarbeit leistet. Die vierköpfige Familie lebt in einer siebziger Jahre Beton-Bungalow-Burg, die der Vater von Hans Dallinger gebaut hat. Vielleicht hat die Anmutung von Abschottung auf  den Sohn, der ebenfalls Architekt wurde und früh ein Star der Szene, eingewirkt. Negativ. Aber das bleibt spekulativ. Hans hat eine Psychose. Seine schizophrenen Schübe und paranoiden Attacken lassen ihn überall Gefahr wittern, bedrohliche Strahlungen und Manipulationen. Er reißt die Satellitenschüssel der Nachbarn vom Dach und hackt mit der Axt auf die Kühlerhaube des Wagens der Fernsehtechniker ein. Aber die Zwangseinweisung in die Psychiatrie ist nicht von Dauer, Behandlung und Medikamentierung  bedürfen der Mithilfe und Einsicht des Patienten. Ansonsten sind Arzt und Umgebung hilf- und machtlos. Für die Familie ein Horror. Der Druck auf den Alltag und die Belastung für die Ehefrau, die kleine Tochter und die Hauptfigur, den 22-jährigen Simon (längst schon keine Entdeckung mehr: Jonas Nay), der seine eigenen Bedürfnisse hintanstellt, weil er meint, das »Irrenhaus« nicht verlassen zu dürfen und sich deshalb für kein Studium entscheidet und seine neue Freundin Verena auf Distanz hält, wird von Regisseur und Autor Christian Bach sehr sensibel inszeniert und perspektivisch aufgelöst. Zudem fürchtet Simon selbst die Krankheit, die bei seinem Vater mit Mitte Zwanzig bemerkbar wurde – als die wahre Erbsünde. Der lauernde Verdacht und das Misstrauen, das Hans (großartig in seiner verquälten und qualvollen Selbstgewissheit: Tobias Moretti) körperlich spürt und ihn auch veranlasst, das Haus innen mit Goldfolie  abzudichten, legt sich wie ein Dichtungsring um die Gemeinschaft. Der Verdunklungsgefahr zu entgehen, bedeutet letztlich den Ausschluss des Kranken oder die Opferung des eigenen Lebens. Simon kommt davon.     

Start: 9. Oktober 2014. Die Premiere mit den Hauptdarstellern findet am 6. Oktober um 20 Uhr in der Lichtburg/Essen statt.

 

Film
10 / 2014

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Von: ANDREAS WILINK


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