Regisseur Akin solidarisiert sich mit den Bewohnern von Çamburnu. Foto: Bünyamin Seyrekbasan / Corazón International

Die umstrittene Müllkippe, Foto: Hervé Dieu / Corazón International

Traditioneller Teeanbau in Çamburnu, Foto: Hervé Dieu / Corazón International

DIE POESIE DES MÜLLS

Mit 39 Jahren zählt Fatih Akin zu den höchstdekorierten Regisseuren des Landes. Nun hat er den Bochumer Peter-Weiss-Preis verliehen bekommen – nach dem deutschen und europäischen Filmpreis, dem Goldenen Bären und anderen Auszeichnungen. Mit K.WEST sprach Akin über sein Verhältnis zum Namensgeber, seinen neuen Dokumentarfilm »Müll im Garten Eden«, türkische EU-Ambitionen und schlechte Actionfilme.

 

INTERVIEW: INGO JUKNAT

Gut möglich, dass Fatih Akin früher Interviews in Altonaer Eckkneipen gegeben hat. Die Zeiten sind inzwischen vorbei. Seinen neuen Film bespricht er im Hamburger »Park Hyatt«-Hotel, fünf Sterne, historisches Gebäude, beste Innenstadtlage. Akin betritt die Interview-Suite auf Socken und hockt sich im Schneidersitz auf seinen Platz vor der Minibar. Aus seinem T-Shirt guckt ein langärmliges Hemd hervor. Den geerdeten Kiez-Akin nimmt man ihm immer noch ab, auch wenn er inzwischen ein internationaler Star ist, der Auszeichnungen sammelt wie andere Bierdeckel. Gerade ist der Peter-Weiss-Preis der Stadt Bochum hinzugekommen. Er wird seit 1990 verliehen, zu den Gewinnern zählen so unterschiedliche Künstler wie George Tabori, Elfriede Jelinek und Rosemarie Trockel. Regisseure waren bisher rar, Akin ist erst der dritte nach Marcel Ophüls (1992) und Harun Farocki (2002). Der aktuelle Preisträger trete für »interkulturelle Toleranz« ein, heißt es in der Begründung der Jury, er führe »die sezierende Technik des Schriftstellers und Filmemachers Peter Weiss fort«. Die Verbindung zum komplexen, sperrigen Werk des Peter Weiss (»Marat/Sade«, »Die Ästhetik des Widerstands«) wirkt ein wenig konstruiert, das sieht Akin selbst so.

K.WEST: Wie gut kannten Sie die Arbeiten von Peter Weiss?

AKIN: Gar nicht. Wegen des Preises lese ich »Die Ästhetik des Widerstands«. Ich habe mir vorgenommen, das bis zur Verleihung zu schaffen. Aber das Buch ist so ein Schinken (deutet die Breite mit den Händen an). Haben Sie’s gelesen? Da sind Sätze drin, die reichen über drei Seiten.

K.WEST: Dann ist Ihre Rede wahrscheinlich noch im Entwurfsstadium.

AKIN: Ja. Ich befasse mich gerade mit der Haltung von Peter Weiss. Das Schöne daran ist, dass man sich weiterbildet und herausfindet: Wer war das, wofür stand er?

K.WEST: Können Sie die Verbindung zwischen Ihrer Arbeit und der von Peter Weiss nachvollziehen?

AKIN: Nicht ganz. Ich habe das Gefühl, das war ein hochintellektueller, in seinem Ausdruck sehr komplexer, Künstler. (Pause.) Und ich komm‘ aus Hamburg-Altona! (Lacht.) Aber die Jury muss sich schon etwas dabei gedacht haben.

Akins neuestes Werk ist ein Dokumentarfilm mit dem Titel »Müll im Garten Eden«. Fünf Jahre hat er daran gearbeitet. Der Film handelt von der Errichtung einer Mülldeponie im Schwarzmeerdorf Çamburnu. Seit Jahrhunderten wird dort Tee angebaut, verändert hat sich wenig. Das heißt, bis zur Errichtung der Müllhalde. Akins Verbindung zu Çamburnu ist persönlich. Seine Großeltern stammen aus dem Dorf. Es sei sein zweiter Heimatfilm, sagt der Regisseur. In »Soul Kitchen« ging es um die Verteidigung seines Hamburger Kiezes vor dem Zugriff von Spekulanten, »Müll im Garten Eden« dokumentiert den Widerstand eines türkischen Dorfes gegen Bürokratie und Umweltverschmutzung.

K.WEST: Haben Sie geahnt, dass Sie dieses Projekt jahrelang auf Trab halten würde?

AKIN: Nein. Ich wusste auch lange nicht, was das überhaupt für ein Film sein soll. Wird das so eine Michael-Moore-Nummer? Führe ich selbst durch den Film? Nach einer Weile habe ich begriffen – das ist wie bei Asterix: Ein Dorf kämpft gegen die Römer. Da gibt’s den Fischer, den Typen, der die Hinkelsteine trägt, usw. Trotzdem war es nicht einfach, einen roten Faden zu finden.

K.WEST: Inwiefern?

AKIN: Die Herausforderung bestand darin, einen Film über Müll zu machen. Müll ist der Kot der Gesellschaft. Deshalb habe ich am Anfang der Dreharbeiten zu meinem Kameramann gesagt: Wir müssen darin eine Poesie finden. Wir müssen einen poetischen Film über Müll drehen, ohne ihn zu beschönigen. Das ging in diesem Fall besser, als man denkt – mit dem Schwarzen Meer im Hintergrund, den Bäumen, den alten Gräbern und Teepflanzen.

K.WEST: Hatten Sie eine klare Vorstellung davon, wie Sie den Film erzählen wollen?

AKIN: Ich hatte erst überlegt, einen Spielfilm aus dem Thema zu machen, in der Tradition von »Silkwood« oder »China Syndrome«. Aber was wäre die Handlung gewesen? Der Deutschtürke, der in sein Dorf kommt, sich an seinen Großvater erinnert und sich in eine Dorfwitwe verliebt, die Bücher von Tschechow und Zola liest? Und dann ist daneben eine Mülldeponie? Das würde am Ende nur ablenken von dem eigentlichen Thema. Dann wäre man mehr bei Orhan Pamuk als beim Müll gewesen.

K.WEST: Ist »Müll im Garten Eden« – bei aller Poesie – ein politischer Film? Er zeichnet ja ein ziemlich negatives Bild der Erdogan-Jahre.

AKIN: Natürlich hat der Film eine Haltung. Ich bin eindeutig auf der Seite des Dorfes. Aber ich versuche, Polemik zu vermeiden und lasse auch die Gegenseite zu Wort kommen – die Umweltbeauftragten, Ingenieure usw. Und siehe da, die legen sich alle selber ein Ei. Man muss denen gar nichts in den Mund legen oder Michael-Moore-mäßig Sätze abschneiden.

K.WEST: Hat es Sie nicht gewundert, dass die Verantwortlichen alle so offen sprechen? Da gibt es einen Protagonisten, der behauptet, die ins Grundwasser sickernde Brühe sei »organischer Dünger«.

AKIN: Es hat mich nicht gewundert, weil diese Leute überzeugt sind von dem, was sie sagen und tun. Das sind keine Lügner, die wie Pinocchio herumlaufen und wissen, dass sie lügen.

K.WEST: »Müll im Garten Eden« zeigt Behördenwillkür, ein löchriges Rechtssystem und Pfusch an Bauten, die lebenswichtige Ökosysteme schützen sollen. Könnten Sie Menschen verstehen, die sich nach diesem Film eher nicht wünschen, dass die Türkei in den nächsten 20 Jahren in der EU landet?

AKIN: Ich glaube, dass inzwischen niemand mehr will, dass die Türkei in die EU kommt. Nicht mal die Türken selbst. Das Thema ist ad acta gelegt, nach der Pleite von Griechenland, Spanien & Co. Die Türkei hat sich inzwischen umorientiert und sagt: Dann holen wir uns das Geld eben aus Saudi-Arabien oder Libyen. Von dort, wo das Öl ist. Dennoch darf der Dialog mit der EU nicht abbrechen. Das wäre viel destruktiver als ein gescheiterter Aufnahmeprozess. Wichtig wäre, dass man sich die Werte der EU – Demokratie, Menschenrechte, Pressefreiheit – aneignet. Dafür muss man nicht unbedingt Mitglied sein.

K.WEST: Wie ist der Film bisher aufgenommen worden?

AKIN: Bei der Filmpremiere in Cannes wurde das Thema nicht als typisch türkisches Problem gesehen. Es war eher eine allgemeine Auseinandersetzung mit dem Müll – weltweit. Im Grunde sind die Mechanismen, die der Film aufzeigt – dieses ›es ist alles nicht so schlimm‹ – dieselben wie in Fukushima oder Gorleben.

K.WEST: Sie haben in den letzten Jahren ernste Filme gedreht, Komödien, Dokumentationen. Gibt es Genres, die Sie gerne mal ausprobieren würden, wenn die Rahmenbedingungen stimmen? Hollywood-Action? Science Fiction?

AKIN: Ich drehe ja gerade einen Western. Das Tolle an Genrefilmen ist, dass man sich die Vorbilder anschauen kann, wenn man nicht mehr weiterweiß. Dann gucken Sie sich einen Western an und merken: Ah, so geht das! Ich würde auch gerne einen Horrorfilm machen. Oder – noch besser – einen über Jugendliche. »Tschick« von Wolfgang Herrndorf würde ich wahnsinnig gerne verfilmen, weil ich Coming-of-Age-Filme wie »Stand by Me« oder »The Outsiders« mag. Die gibt es ja kaum noch. Diese Form wird heute nur noch von »American Pie« & Co. besetzt. Da geht’s bloß noch ums Wichsen, Kacken und ich weiß nicht, was. Die Poesie des Heranwachsens kommt gar nicht mehr vor. Aber Actionfilme… ich glaube nicht. Die werden einfach immer mieser und mieser.

K.WEST: Könnte ja auch Grund sein, erst recht einen zu drehen. Um zu zeigen: Es geht auch anders.

AKIN: Ich fürchte, die Sehgewohnheiten sind inzwischen so eingefahren, dass man sie bedienen muss. Heute reicht es ja nicht, dass ein Auto explodiert. Das muss gleichzeitig durch ein Zeitloch fliegen (lacht). Ich befürchte auch, wenn man’s anders macht, kommt das so hippiemäßig rüber, wie Schnee von gestern. Selbst den Film »Drive« fand ich total überschätzt. Diese exzessive Cronenberg-Gewalt – was erzählt die mir denn? Und dann von so einem Milchbubi mit Skorpion-Jacke – das glaub ich nicht für zehn Pfennig! Dann schon eher »Driver« von Walter Hill mit Ryan O’Neal und Isabelle Adjani. Das ist fast ein Meisterwerk. Die Gewalt ist weniger explizit aber viel gruseliger, weil die Typen brutaler sind.

 

»Müll im Garten Eden«, ab 6. Dezember 2012 im Kino, www.muellimgarteneden.de

 

Film
12 / 2012

DIE POESIE DES MÜLLS

Von: INGO JUKNAT


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