Es klärt sich auf

Zehn Filme aus NRW im Wettbewerb der Oberhausener Kurzfilmtage

Text: Andreas Wilink

//   Da bleibt einem die Spucke weg. Da fehlen selbst Jens Riewa die Worte. Die Nachrichten verschlagen uns den Atem. Katastrophen, Krisen, Konferenzen. Die Welt in 15 Minuten der »Tagesschau«, deren Sprecher immer noch wie das offizielle Mitteilungs-Organ am Pult stehen und nicht wie beim ZDF links und rechts flankierende Maßnahmen brauchen. »Luft« heißt der experimentelle Einminüter von Natalie Stürz, bei dem keine Zeit zum Luftholen bleibt und sich in rascher Schnittfolge das globale Geschehen zum Stummfilm verwandelt.

Es ist dies, wenn man will, der einzige Kommentar zur  aktuellen Lage. Eine Minute von 142 Minuten. Zehn Filme (ausgewählt aus 225 Einreichungen) versammelt das NRW-Programm der  diesjährigen Oberhausener Kurzfilmtage. Wo wir gerade bei den Zahlen sind: Die Fiktion ist dreimal vertreten, die Dokumentation und das Experiment jeweils zweimal in reiner Ausprägung und dreimal gemischt. Fünf Beiträge kommen von der weltweit gefeierten Kunsthochschule für Medien, Köln (KHM), zwei stammen von der FH Dortmund, dreimal wurde frei produziert. Weil das aber nur Statistik ist und wenig besagt, sei hinzugefügt, dass sich der am 2. und 3. Mai auf dem Festival präsentierende Jahrgang 2008/09 durch hohe Professionalität, perfektes Handwerk, erzählerisches Können und künstlerisches Format auszeichnet.

Und durch Originalität: Wenn Rainer Knepperges / Kathrin Leuthe in witzigen 120 Sekunden als Artenschützer des Anorganischen »Vielfalt erforschen« und dekorative Betonobjekte – Zier-Schnecken und -Schildkröten oder mit Graffiti besprühte Mauern – zu Rang und zum Gegenstand ihrer architektonisch-anthropologischen Betrachtung erheben.  

Oder wenn Simon Rittmeier, auch als sein eigener Kameramann, der in einem Schwarzweiß fotografiert, als hätte er es bei dem großen Henri Alekan gelernt, auf Kuba »A Taste of Honey« erschmeckt. Sein bewegtes Stillleben ist eine schmerzensschöne Momentaufnahme am 50. Jahrestag der Revolution, in der Menschen zwischen dem Geschrei von Möwen und ratternden Ventilatoren in Erwartung zu leben scheinen, die Enttäuschung offenbart.

Das Gegenmodell dazu findet Hannes Lang in »Leavenworth, WA«. Die Ortschaft im US-Staat Washington liegt in den Bergen. Fertighäuser reihen sich, jedes mit dem gleichen Stückchen Vorgarten-Rasen. Aber die amerikanische Lebensart wurde ins Abseits gedrängt. Leavenworth ist bayerisch geworden. Um drohender Verödung zu entgehen, hat sich das Städtchen zum bewohnten Disney-Land maskiert, mit Trachtengruppen, bemalten Fassaden, Herrgottswinkel, Kuckucksuhren im Andenken-Shop. Heimatgefühl aus der Retorte. Der Alpenfolk lockt Touristen und behauptet »kosmopolitische Atmosphäre«, während die gelangweilte Jugend nur eine »Kultur des Konsums« wahrnimmt, die sich ins Dirndl gezwängt und den Gamsbart aufgesteckt hat.  

Den Lehrer Matthias Müller und dessen raffinierte Poesiealben, Home Stories, Phantom-Spiegelungen und Memorabilien sieht man augenblicklich mit: Eli Cortinas Hidalgo erweist sich als gelehrige, doch eigenständige Schülerin. Passend zu ihrem eleganten Namen erweist sie in »Dial M for Mother« anspielungsreich einer der besten Schauspielerinnen die Ehre, der auch schon Pedro Almodóvar Tribut zollte: Gena Rowlands. Die Hommage im Schnittmuster einer Found-Footage montiert die blonde Cassavetes-Muse als Frau unter Einfluss in wechselnden – labilen oder toughen – Rollen, die sich zwischen dem theatralischen Faltenwurf eines roten Vorhangs zum Miniatur-Melodram ergänzen.

Dortmund bringt uns den Alltag nahe. »Zukunft braucht Bewegung« – mit dem Slogan werben auf ihrer Website die Dortmunder Stadtwerke für sich. »DSW« nennt Dominik Leube seine Exkursion in die Unterwelt der Verkehrbetriebe, wo die Schicht der Putzkolonne die Waggons der U-Bahnen reinigt und das tägliche harte Brot verdient wird: »Essen, Schlafen, Aufstehen, Arbeiten« heißt der Rhythmus, der mit dem Ein- und Auslaufen der Züge irgendwie zu kommunizieren scheint. Dieser Dialog bekräftigt sich noch bei einer weiteren Reise durch die Nacht: »Zwischenzeit« (Matthias Wermke / Mischa Leinkauf) begleitet eine Lore-Fahrt übers Berliner Schienennetz, wobei sich die Oberflächen der Realität fast grafisch-abstrakt auflösen und Tunnel wie in einem Psychothriller die Einfahrt ins Unbewusste markieren, bis das Bild immer kleiner wird und sich die Blende schließt.

Bleiben drei kurze Spielfilme, schöne und stille, geheimnisvolle  Geschichten: zwei linear erzählte, eine vielfach gebrochene. Andrzej Krol, der »Birthday« in Lodz feiert, hebt die Ordnung der Chronologie auf, sammelt Wahrnehmungsfetzen, Erlebnis-Spuren, subjektive Fragmente, wie sie wohl vor dem inneren Auge ablaufen und den objektiven Betrachter auffordern, sich selbst einen Reim darauf zu machen. Ein Vater erinnert sich daran, wie er seinem fünfjährigen Jungen ein Fahrrad bringen will, aber die Geburtstagsgabe nicht ankommt, der Betrunkene auf der Straße und in der Gosse landet, nachdem die Mutter ihm den Zutritt verweigert hat. Das Leben ist kein Hollywood-Movie mit Anfang und hübschem Ende, Pointen und dramatischen Knoten, die sich harmonisch auflösen. Wahrheit liegt zwischen den glatten Bildern.

Vielleicht in einem Aquarell, dessen Rot verläuft und vom Papier tropft. Das Rot koloriert das Haar einer Frau, deren Porträt ein älterer Mann immer wieder zu malen unternimmt. Er wohnt auf einem Gehöft zwischen Hamburg und Berlin und teilt es mit seiner alten dementen Mutter. Eine Tages bleibt eine junge Frau über Nacht, die als Anhalterin unterwegs ist und keinen Anschluss mehr bekam. Sie heißt Xenia. Sie erhält ein Fremdenzimmer, sie essen gemeinsam zu Abend bei Kerzenschein, am Morgen legt er ihr zum Abschied einen selbst geschmiedeten Reif in den Koffer. Sie könne auch bleiben, sagt er zum Abschied zu ihr, die in der Kürze der Zeit eine »Vertraute Fremde« (Rosa Hannah Ziegler) wurde, die Erinnerungen auslöst, die ihm sonst nur der Traum bringt.

Noch eine Beziehung, die wenig Worte macht, weil man Sprechen nicht gelernt oder es verlernt hat. Eine Widerbegegnung, die Argwohn, Misstrauen, Unsicherheit und Ablehnung in die Mienen legt. Trotz bestimmt das Verhalten. Ein Vater holt seinen Sohn am Bus ab. Lan-ge her, dass er  Frau und Kind verließ – »abgehauen, als es ihm zuviel wurde«, wie der Vorwurf lautet. Nun hat er eine neue Frau und ist wieder Vater geworden. Aber der ältere weiß vom kleinen  Bruder Elias nichts, auch nicht von der anderen Frau. Das Haus liegt abseits auf einer Schweizer Alm. Dunst drückt auf die Landschaft. Da klärt sich nichts. Annäherungsversuche scheitern, Provokation und Kränkung auf beiden Seiten: »Polar« (Michael Koch). Es drängt zur Eskalation. Der eine kriegt den anderen zu pa-cken. Ob das Eis schmilzt, der Polarkreis überwunden wurde? Am Ende schwebt eine Kuh am Seil eines Hubschraubers am Himmel. Die Luft ist jetzt klar.   //

55. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen. Retrospektiven, Wettbewerbe, Musikvideos. 30. April bis 5. Mai 2009. www.kurzfilmtage.de

Film
05 / 2009

Es klärt sich auf


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