Alexander Fehling. Foto: Siebbi

GERADE HALTEN

Unbedingt: Der Schauspieler Alexander Fehling

 

TEXT: ANDREAS WILINK

Es schlug sein Herz. Geschwind. Zu Pferde!... Das war zwar nicht der Anfang. Doch der wahre Beginn der rasanten Karriere von Alexander Fehling. Ein Loslaufen nach einem von der Filmbranche gewissermaßen erzwungenem Stillstand, obgleich der Start doch schon erfolgt war. Willkommen als »Goethe!«. Philipp Stölzls Geniekult-Kino von 2010 über den Jurastudenten, Referendar in Wetzlar und Dichter des »Werther« kombinierte Baz Luhrmann-Pop-Art irgendwie mit Bully Herbigs albernem Lustspiel-Charme. Aber Taumel und Krisen, Hochgefühl und Ungestüm, die Emphase beim Nacktbaden im Weiher und ein Sich-Wälzen im Laub, die voll durchblutete Erschütterung, Gefährdung und Selbstrettung – diese geformte Energie soll Alexander Fehling erst mal jemand nachmachen.

Aber Jugend als Programm ist Alexander Fehling nicht genug. Fast immer ist er besser als die Regie seiner Filme. Das gilt für Heinrich Breloers versteifte »Buddenbrooks« (mit Fehling als Morten Schwarzkopf), für den sich an seiner Ambition verhebenden Stasi-Verrats-Thriller »Wir wollten aufs Meer« von Toke C. Hebbeln bis aktuell zu dem Justizdrama »Im Labyrinth des Schweigens« (siehe in dieser K.WEST-Ausgabe Seite 34).

Eine Ausnahme war Robert Thalheim, in dessen leiser, kluger Geschichts- und Gegenwartserforschung »Am Ende kommen Touristen« (2007) Fehling als Zivi Sven in Auschwitz (sein Darsteller hatte selbst Zivildienst in der Psychiatrie geleistet) sein Debüt hatte. Da war er 26. Trotz begeisterter Reaktionen folgte zunächst nichts, trotz beeindruckender Leistung kein ernst zu nehmendes Angebot. Worum es ihm aber geht: »Scheitern, Konflikte, Ehrlichkeit – wenn ein Film all das nicht hat, ist das ein Verrat am Leben. Das interessiert mich nicht.«

ALTMODISCHES ICH-GEFÜHL

Kein Verrat am Leben. Schon gar nicht an seinem eigenen. Mit Auskünften über sich ist Fehling sparsam, als habe er ein altmodisches Ich-Gefühl, das es zu hüten gilt. Den Preis des Ruhms zu zahlen, dem Erfüllungsdruck nachzugeben, behagt ihm nicht. Nicht kokett mit sich und nicht zum Gefallen-Wollen aufgelegt.

Gegen die Berufskrankheit des Schauspielers, sich auch abseits von Bühne oder Set, bei Partys, auf Premierenempfängen, für PR-Events zur Schau zu stellen, scheint er sich immunisiert zu haben. Was mit dem innersten Impuls, intelligent gehandhabt, nicht in Widerspruch geraten muss: »Jeder sucht das, wo er sich am sichersten und wohlsten fühlt. Ich denke schon, dass ich mich auf eine bestimmte Weise zeigen möchte, und ich will darauf eine Reaktion kriegen.«

Er will es nicht gemütlich haben in seiner Karriere und es sich bequem machen in Rollen, statt sich den Ungewissheiten fremder und befremdlicher Charaktere zu überlassen. Er wolle, hat er in einem Interview gesagt, »schon auch die Komfortzone mal verlassen«. Ein antibürgerlicher Zug. Wobei eine Spur Askese, Verzicht, Strenge und Kontrolliertheit, die seinen Zügen eingeschrieben ist, eine andere, bessere Tradition geistig bürgerlicher Lebensform auszudrücken scheint. Ein angenehmer Ausdruck von Antiquiertheit, die auch in seinem Spiel Raum hat, weshalb der Rückschluss zum Früher erlaubt sei.

MIT ERNST BEI DER SACHE

Das Problem herausragender Begabung in flacher Landschaft teilt Fehling mit den deutschen Stars der fünfziger Jahre, mit Horst Buchholz und Hardy Krüger. Man kann bei Fehling noch weiter zurückgehen in der Filmgeschichte. In das Grüblerische und Eigensinnige mischt sich bei ihm das Blitzblanke, das an den feschen Hans Albers und das Mannsbild Curd Jürgens erinnert. Edel, forsch, beherzt und mit Ernst bei der Sache. Auch sein Andreas Baader bei Andres Veiel (»Wer wenn nicht wir«) besaß weniger demagogisch-charismatische und machohafte Attitüden, sondern eine viril-entschlossene, gefasste Konsequenz

Geboren 1981 in Berlin-Ost – die Eltern Journalisten bei der Jungen Welt –, aufgewachsen in Karlshorst, Lichtenberg, Marzahn, Pankow, ist er Absolvent der Ernst-Busch-Schule, dem größten Talent-Pool der vereinigten Republik, an die er nicht beim ersten Bewerbungs-Versuch angenommen worden war. Aber noch während des Studiums, 2006, wurde er von der Berliner Akademie der Künste mit dem Förderpreis ausgezeichnet. Ein Jahr später beim Filmfest München ebenfalls. Die Berlinale erklärte ihn dann zu einem ihrer European Shooting Stars.

Angefangen hatte es auch märchenhaft. Am schwarzen Brett in einem Kulturladen fand er mit Zwölf seine erste Bühnenrolle in einer Laiengruppe: den Esel im Grimms-Märchen von den »Bremer Stadtmusikanten«. Gespielt wurde vor allem in Kindergärten.

Fehling sieht aus wie der Sohn aus gutem Hause. Höflich, wohlerzogen. Um das Bonmot von Fritz Kortner zu wiederholen: Er ist blond und macht kein Aufhebens davon. Er hält sich gerade, auch im übertragenen Sinn. Substanz, Rücksicht, Vorsicht, auch Idealismus sind ihm ins Gesicht geschnitten: Was für ein Marquis Posa oder Don Carlos, Prinz von Homburg, Graf Wetter vom Strahl sind uns da entgangen (nach Devid Striesow, der das ganze Repertoire hinter sich gebracht hat). Verloren an die Kamera!

UNBEDINGT, NICHT UNBEDACHT

Immerhin einen Schiller gab es mit ihm. Als Max Piccolomini nahm er an Peter Steins »Wallenstein«-Feldzug am Berliner Ensemble teil. In der FAZ hieß es: Fehling sei »nicht der peinlich berührte Schillersche Pathos-Jüngling, der Verse spricht, die sich kein junger Mann mehr traut zu sprechen, sondern der … sich in Schillers Leidenspoesie der unbedingten Liebe, die in der Welt keinen Platz und außer der Welt nur den Liebestod als Trost hat, hingleiten lässt wie in eine perfekt sitzende Gefühlshaut, in der er sich absolut und ungeniert wohl zu fühlen scheint.«

Unbedingt, aber nicht unbedacht. Fehling beherrscht und zügelt die Emotion. Pathos wäre ihm vermutlich ein wenig peinlich. Aber man sieht es in ihm arbeiten: »Das Hormon, das durch dich durchfließt, und das Wort, das du raushaust, die haben etwas gemeinsam.«

Fehlings klassisch gutes Aussehen, das Regelmäßige, Männliche, Makellose – er nennt die Frage danach »vermintes Gebiet« – trennt ihn von seinen ein paar Jahren älteren Kollegen, dem verschmitzt-anarchischen August Diehl und dem für gewöhnlich mit etwas fadem WG-Geruch behafteten Daniel Brühl. Es geht etwas vor hinter dieser Stirn, die Klaus Mann vermutlich »rein« genannt haben würde. Vielleicht ist er privat anders (man hört, er spiele gern Fußball); in seinen Figuren wirkt er jedenfalls nicht so, als gehöre er zur Generation Fun. Man meint, Fehling im Spiel beim Verfertigen von Gedanken zuzusehen.

 

 

Film
11 / 2014

GERADE HALTEN

Von: ANDREAS WILINK


Was? Wann? Wo?Alle wichtigen Kultur-Termine in NRW auf einen Blick: