Jeanne Moreau und Laine Mägi auf dem Pariser Boulevard. Foto: Arsenal

HINTER GESCHLOSSENER TÜR

»Eine Dame in Paris«: Jeanne Moreau gibt sich die Ehre und ruft die Vergangenheit auf.

 

TEXT: ANDREAS WILINK

In einer Adaption von Choderlos de Laclos’ »Les Liaisons dangereuses« von 1960, gedreht von Roger Vadim, spielen Gérard Philipe und Jeanne Moreau die beiden hoch kultivierten Ancien Régime-Bestien Valmont und Merteuil: als Ehepaar.  Lieben bedeutet für sie, sich zu amüsieren und die Gefühle anderer zu entzünden,  auszubluten und zu zerstören. Ist es zu weit hergeholt, dieses halbes Jahrhundert Kinogeschichte zurückzuschauen, wenn man der Moreau nun wiederbegegnet in einer, wie man sagt, Altersrolle, die die bürgerlich maßvolle Version der Marquise darstellt? Wie bei der mondänen Aristokratin haben wir es mit einer  unabhängigen, machtbewussten, bürgerliche Moralvorstellungen verachtenden und missach-tenden Person zu tun.

Eine alte Frau stirbt, irgendwo in Estland. Ihre Tochter Anne (Laine Mägi), die sie lange versorgt hatte, steht allein da. Sie ist seit langem geschieden, ihre beiden Kinder sind erwachsen und außer Haus. Die gelernte Altenpflegerin bekommt das Angebot, die gleiche Aufgabe bei einer »Dame in Paris« zu übernehmen. Sie kann Französisch, aber war nie dort. So nimmt sie an. Ein Mann, Stéphane (Patrick Pineau), den sie für den Sohn von Madame hält, holt sie am Flughafen an und bringt sie in die elegante, mit Antiquitäten und schönen Bildern eingerichtete Wohnung. Es ist schon spät, die Tür zum Zimmer von Frida Murat bereits geschlossen. Aber Anne erfährt noch, dass sie versucht habe, sich mit Tabletten aus dem Medikamentenschrank zu vergiften – und dass sie schwierig sei. Man wartet auf das erste Zusammentreffen am nächsten Morgen, auch und besonders wegen der Darstellerin der Frida. Es ist die Begegnung mit einer Legende – und genauso inszeniert. In gelber Seide, wohl frisiert und dezent geschminkt ruht in ihrem Bett: Jeanne Moreau, und verzieht ganz leicht mokant diesen immer noch unglaublichen Mund, den Louis Malle, Antonioni Buñuel, Truffaut, Orson Welles, Joseph Losey, Fassbinder, François Ozon und mehr Regisseure in gewiss hundert Filmen ins Bild gesetzt haben.

Herrisch, schroff und ablehnend weist Frida Anne zunächst die Tür, sie lässt sich nichts sagen und von niemandem bestimmen. Die Croissants, die sie morgens zum Tee frühstückt, müssen natürlich aus einer Boulangerie und frisch gebuttert sein, aber woher soll das jemand aus Estland wissen, die auch die oberste Regel nicht kennt: dass man sich in einer fremden Wohnung nicht die Schuhe auszieht, während dies in anderen Ländern ein Gebot der Höflichkeit und Sauberkeit ist? Frida kann ein Biest sein und Anne als »estländische Bäuerin mit Rühr-mich-nicht-an-Miene« bezeichnen, während sie sich strahlend als Gebieterin ihres verbliebenen kleinen Reichs gibt.

Dass Stéphane ihr früherer Liebhaber und ihr einzig verbliebener Freund ist, dem die wohlhabende Dame einst das Café schenkte, das er immer noch betreibt, dass sie ein lockeres(Liebes-)Leben geführt und viele Leute brüskiert hat, erfährt Anne peu à peu. Aber auch, dass Frida nicht nur sarkastisch und negativ ist, sondern Esprit hat, Chic, Charme und ein großes Herz, dass sie sich mehr als andere damit abfinden muss, nicht mehr die Begehrte und Umworbene zu sein,  dass die Welt sich ohne sie dreht.

Nun gut, ein altmodischer Film, der zu einem freundlichen Finale findet, aber dann doch etwas Besonderes ist. Wie Frida am Ende akzeptiert, dass Stéphane und Anne ein Paar sein werden, hat die schmerzlich-duldende Größe der Marschallin im »Rosenkavalier«, die weiß, was Verzicht heißt, aber auch weiß, dass das, was sie mit dem Geliebten verband, die jüngere Nachfolgerin nie haben und erleben wird. Eine Merteuil kann auch der Rache entsagen. Eine Königin dankt ab. Vive la reine!

»Eine Dame in Paris«; Regie: Ilmar Raag; Darsteller: Jeanne Moreau, Laine Mägi, Patrick Pineau; F/Estland/Belgien 2012; 94 Min.; Start: 18. April 2013.

 

Film
04 / 2013

HINTER GESCHLOSSENER TÜR

Von: ANDREAS WILINK


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