Anna Maria (Hofstätter) im Angesicht des Herrn. Foto: Neue Visionen

JA UND AMEN

»Paradies: Glaube« von Ulrich Seidl

 

TEXT: ANDREAS WILINK

Der Film, seine Geschichte, seine Figuren sind einem unangenehm. Nun könnte diese Haltung eine produktive Auseinandersetzung mit dem, was hier verhandelt wird, befördern. Tut es aber nicht. Man wendet sich ab. Was vor allem an der Redundanz und bloß deskriptiven Erzählhaltung liegt, die keinen Erkenntnisgewinn schafft. Vom ersten bis zum letzten Bild gilt: Es ist, wie es ist. Punkt und Amen. Ulrich Seidls semi-dokumentarische Trilogie, bestehend aus Liebe – Glaube – Hoffnung, hat es geschafft, die drei europäischen A-Festivals binnen Jahresfrist zu stürmen. »Paradies: Liebe« wurde 2012 in Cannes gezeigt, »Glaube« folgte in Venedig, soeben hatte »Hoffnung« seine Premiere auf der Berlinale. Der zweite Teil widmet sich einem Leben unter dem Kreuz. Anna Maria (Maria Hofstätter), verwandtschaftlich verbunden mit den Frauen in den beiden anderen Teilen und auf demonstrative Weise provinziell altbacken ausstaffiert, ist eine militante österreichische Katholikin. Unser erster Blick fällt aufs Kruzifix. Unter Jesu Augen wird sie sich selbst geißeln und sich für diese Gnade noch beim Herrn bedanken. Überall in der kargen Wohnung hängen Bildnisse des Heilands und des Papstes; am elektrischen Klavier übt sie geistliche Gesänge; mit einer Gebetsgruppe trifft sie sich zur gemeinsamen Erbauung; eine Wandermuttergottes schleppt sie bis in Hinterhöfe sozialer Randbezirke, um Menschen zu missionieren (die meisten lassen sich kurioserweise den Besuch gefallen). Ihr ganzes Leben ist gebaut auf Ordnung, die sie zwanghaft, lustfeindlich, verkümmert befolgt. Die Schilderung dieses profanen Alltags lädt sich dramaturgisch possenhaft auf, als ihr Ehemann Nabil (Nabil Saleh) wieder auftaucht, ein gläubiger Moslem, der nach einem Autounfall gelähmt im Rollstuhl sitzt und dessen Existenz sie am liebsten verleugnet wie sie dessen sexuelle Wünsche strikt abweist, was den Verschmähten zusehends aggressiver werden lässt. Aus jeder Einstellung atmet Freudlosigkeit und Eindeutigkeit. Die rigoros stupide Naivität der Anna Maria und die kalte Gemeinheit, mit der Seidl auf sie und alle anderen schaut, lässt den Creator mundi nicht besser sein, als es sein banal angelegter Figurenpark in seiner frommen Herzensunlust ist.

»Paradies: Glaube«; Regie: Ulrich Seidl; Darsteller: Maria Höfstätter, Nabil Saleh; Österreich/D/F 2012; 113 Min.; Start: 21. März 2013.    

 

Film
03 / 2013

JA UND AMEN

Von: ANDREAS WILINK


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