»Metropolis«: die Verwandlung der Maria. Foto: Warner

ZEHN STUNDEN SIND KEIN TAG

Film des Monats: Fritz Langs »Metropolis« in der rekonstruierten Fassung

TEXT: ANDREAS WILINK

Der Film fiel bei seiner Uraufführung am 10. Januar 1927 im Berliner Ufa-Palast am Zoo durch: zu lang, zu kompliziert, zu anstrengend.  Und dann auch noch mit sechs Millionen Reichsmark so gigantisch  teuer, dass die Produktionsfirma beinahe ruiniert war. Das 153-minütige Original wurde, verkauft an die US-amerikanische Paramount, von dieser ver-kürzt und verstümmelt. Seither existierte »Metropolis« nur in unvoll-ständigen Kopien und Versionen, die anhand von Drehbuch, Musik-partitur, Zensurkarten und Werkfotos immer wieder neu geschnitten und ergänzt wurden. Dann aber fand sich in Argentinien eine Fassung, die bis in die 60er Jahre in Filmclubs aufgeführt worden war und schließlich Mitte 2008 im Museo del Cine, Buenos Aires, von dessen Leiterin Paula Félix-Didier entdeckt wurde. Damit ließ sich »Metropolis« (mit der ebenfalls wiederhergestellten Original-Musik) bis auf wenige Einstellungen vollständig (und fast um ein Viertel länger als bisher) rekonstruieren; wobei das hinzugefügte Material in schlechterem Zustand ist, weil es einer schrammigen 16-mm-Sicherheitskopie entstammt. Auf der Berlinale 2010 neuerlich »uraufgeführt«, wirkt der alt-neue »Metropolis« packender, komplexer, spannender, auch schlüssiger erzählt.

Eine Schreckensvision: die totalitäre Stadt, geteilt in eine im Luxus schwelgende drohnenhafte Oberstadt und die Unterwelt, wo ein Arbeiter-heer Materie, Energie, Kraft produziert, überwacht vom kapitalistischen Regime des Fredersen und in ausbeuterischen Zeitrhythmus gezwungen. Der Tag kennt nur zehn (Arbeits-)Stunden. In dieser Klassengesellschaft brodelt es. Die Versklavung der Massen führt in einen manipulierten Aufstand, gelenkt von einer künstlichen Femme fatale. Dieses kalt starrende Idol und dämonische Automatengeschöpf ist Double der Maria (Brigitte Helm), einer warmherzigen Mutter der Armen und Unterdrückten. Fre-dersens Sohn Freder befriedet am Ende die sozialen Gegensätze, mündend in das berühmte Schlusswort: »Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein«. 

Fritz Langs Film ist ein Werk der Superlative, ein Monument, von immensem Einfluss nicht nur auf das Science-Fiction-Genre, sondern überhaupt das kulturelle Gedächtnis. Erich Kesselhuts Architektur-Entwürfe einer futuristischen Stadt, die sich an Manhattan orientiert, aber auch Babylon aufruft; die innovative Kamera (Karl Freund, Walter Ruttmann, Günther Rittau), das geometrisch ausgerichtete Design; die symbolische Ikonografie; die formale Konsequenz schaffen eine grandiose Struktur, in der sich die eher problematische Geschichte entwickelt. Moloch Moderne, Forschergenie und -hybris, Terror und Utopie, Urchristentum, mittelalterliches Mysterienspiel, Goethes »Faust« und Frankenstein-Mythos sind nur ein paar Stichworte, die das Drehbuch in spekulativen und kolportagehaften Elementen zusammenzwingt. Die ideologiekritische Auseinandersetzung über »Metropolis« kennt Ablehnung (Siegfried Kracauer sprach von einer »protofaschistischen Allegorie« und analysierte »das Ornament der Masse«), aber auch Bewunderung für die politische Prophetie. Fritz Lang zeigt den Ausnahmezustand, wie zuvor in »Mabuse« und danach in »M«, der bald darauf Deutschland und die halbe Welt regiert.

 

»Metropolis«; Regie: Fritz Lang; Drehbuch: Thea von Harbou;  Darsteller: Alfred Abel, Gustav Fröhlich, Brigitte Helm, Rudolf Klein-Rogge, Fritz Rasp; Deutschland 1927; Start: 12. Mai 2011.

Film
05 / 2011

ZEHN STUNDEN SIND KEIN TAG

Von: ANDREAS WILINK


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