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Abwischen, in weiches Papier wickeln

Ein Besuch im Kölner Erstversorgungszentrum, wo sorgsam gebettet wird, was den Einsturz des Historischen Archivs überlebte

//   Erstversorgung – da hat man Bilder vor Augen von Trümmerfeldern nach Erdbeben, mit Zelten mittendrin, wo für Tage die Verletzten untersucht, mit dem Nötigsten versehen und auf eine spätere Behandlung vorbereitet werden. In Köln hat »Erstversorgung« seit dem 3. März 2009 eine neue Bedeutung. Auch dort gab es eine Katastrophe mit Szenen, die an Erdbeben denken ließen. Verletzte waren allerdings kaum zu behandeln; den beiden Todesopfern war nicht mehr zu helfen. Die Erstversorgung gilt lädiertem Archivgut, und da herrschen andere Maßstäbe als in der Medizin: ›Erst‹ dauert nun schon zwei Monate und wird noch wochenlang weitergehen. Und das »Erstversorgungszentrum« ist nicht am Unglücksort beim eingestürzten Archiv, sondern so weit vom Dom, wie sich das innerhalb der Stadtgrenzen denken lässt.

Die beliebte und belebte Severinstraße, an deren nördlichem Ende das klotzige Archivgebäude stand, hat längst zu einer Normalität zurückgefunden, die so normal schon lange nicht mehr war. Seit 2004 herrscht eine Art Belagerungszustand, weil die Nord-Süd-Strecke der U-Bahn unters Viertel gegraben wird. Dass man sich an Baugruben vorbeizwängt, das gehört zum Alltag wie Containerbüros, Bauzäune, Lastwagen und die dicken blauen Rohre, die aus der Erde ragen und in einigen Metern Höhe über die Straße führen – irgendwohin. Ein wenig bedrohlich sah das immer schon aus, und 2004 ist ja der Kirchturm von St. Johann Baptist durch die Buddelei zum »schiefen Turm von Köln« geworden. Jetzt hängt ein Plakat mit dem Wort »Crux« am Gotteshaus; unter diesem Zeichen wird es zur Jugendkirche umgebaut, aber der Name klingt doch wie ein Hinweis auf jene unheimlich-unterirdische kölnische Crux, der das historische Archiv zum Opfer gefallen ist.

Die Unfallstelle ist im normalen Baustellenchaos fast unauffällig. Die Severinstraße ist zwischen Waidmarkt und Löwengasse abgesperrt. Von keinem Blickwinkel her sieht man viel mehr als hohe Dächer über der Einsturzstelle, die mit ihren Deckenlampen an Open-Air-Bühnenkonstruktionen erinnern. Unter den Dächern tragen Feuerwehrleute die Trümmer des Archivs und der kollabierten Nachbarhäuser ab. Was sie im Schutt finden, wird an Archivare nach oben gereicht und weitergeleitet in das Erstversorgungszentrum am Stadtrand.

Das ist ein angemietetes Lagergebäude hinter einem Einkaufszentrum. Mehr ist nicht zu schildern – der Ort soll geheim und vor Neugierigen geschützt bleiben. Besucher werden mit weißem Einweg-Overall und Atemmaske ausgestattet, wie einige Dutzend Helfer, die sich in der Halle verlieren. Nicht, um Archivgut vor menschlichen Ausdünstungen zu schützen, sondern weil die Luft gesundheitsschädlich staubig ist.

Was in Boxen und Wannen im Erstversorgungszentrum angeliefert wird, ist ganz unterschiedlich geschädigt. Da liegt, zum Beispiel, ein pergamentgebundener Foliant aus dem großen Bestand »Köln contra Köln«. Max Plassmann, diensthabender Archivar, wiegt ihn in der Hand, schlägt ihn auf: unversehrt. Akten von 1659, zu einem Prozess im Rahmen der Jahrhunderte währenden Auseinandersetzungen zwischen der Reichsstadt Köln und den sich keineswegs aufs Geistliche begrenzenden Erzbischöfen. Die solide Bindung, meint der Archivar, habe dem Band sicher geholfen, den Einsturz so gut zu überstehen. Doch könne ein ähnliches Buch nebenan durchaus durch ein Trümmerstück zerquetscht worden sein.

Einen entmutigenden Anblick bietet der Inhalt blauer Plastikwannen, die über eine gesonderte Schutt-Sortierhalle ins Erstversorgungszentrum gelangt sind. Das sieht aus wie Abfall, der beim intensiven Renovieren einer Wohnung entsteht: Staub, Mörtel, Papierfetzen wie von Tapeten. Ist das nicht hoffnungslos? War nicht überhaupt der Anblick des eingestürzten Archivs geeignet, jede Tatkraft zu ersticken? Das hätten natürlich die Kollegen unterschiedlich erlebt, sagt Archivar Plassmann, der seine Stelle erst kurz vor der Katastrophe angetreten hat. Im ersten Moment »dachten wir: Es ist alles verloren.« Aber bald habe jeder entschieden: Ärmel hochkrempeln. »Und wenn wir nichts wiedergefunden hätten, hätten wir doch beginnen müssen, Ersatzdokumentationen zu erarbeiten, etwa mit Verfilmungen.«

In Wahrheit haben sie schon bis jetzt mehr retten können, als sie ursprünglich zu hoffen gewagt hatten – über 60 Prozent. Dazu zählen auch die Wannen voller Schutt. »Das sieht traurig aus«, räumt Max Plassmann ein, »aber manchmal findet man doch ein mittelalterliches Schriftstück.« Es wird alles durchsucht, und von dem Gefundenen wird nichts weggeworfen. Denn erstens: »Wenn man genug Zeit und genug Geld hat, kann man jedes noch so geschredderte Blatt wieder zusammenfügen oder doch inhaltlich rekonstruieren.« Das Berliner Fraunhofer-Institut zum Beispiel habe für die zerschnipselten Stasi-Unterlagen eine Software entwickelt, die auch für das Kölner Material eingesetzt werden könnte.

Zweiter Beweggrund, alles Gefundene aufzuheben: Es gab im Archiv nach eigenem Verständnis nichts Unwichtiges. Schließlich sind auch jüngere Archivstücke, oberflächlich oft banale »Vorgänge« aus der Verwaltungsmaschinerie einer Großstadt, bereits das Ergebnis eines Auswahlprozesses – unter zehn Prozent der städtischen Akten. Von daher sei den Archivaren nun jedes Stück gleich lieb, sagt Plassmann.

Drittens sei es unmöglich, vom Inhalt oder Alter her Prioritäten zu setzen, weil beim Einsturz alles derart durcheinandergewirbelt wurde, dass jegliche Chronologie zerstört und geschlossene Bestände aufgesplittert sind. Das Material kommt aus der Grube wie Kraut und Rüben, und die Archivare haben gar keine Zeit, die Sachen zu sichten und zu bewerten, sagt Max Plassmann. Wohl gebe es immer wieder Momente, da man etwas in der Hand hält und denkt: »Wie schön!« Erfreulich sei natürlich auch, dass große Teile der reichsstädtischen Überlieferung gerettet zu sein scheinen, zwei Drittel der mittelalterlichen Handschriften oder wichtige Nachlässe wie der Konrad Adenauers.

Einziges Kriterium, nach dem ein Fund behandelt wird, ist also sein Zustand. Alles, was sehr feucht und schimmelbedroht ist, wird in Folien gewickelt und sofort zum Archivamt Münster transportiert. Dort werden die Kölner Schätze eingefroren und in einem bewährten Spezialverfahren gefriergetrocknet. Vor allem in den ersten Tagen nach dem Unglück kam aus der obersten, regendurchfeuchteten Trümmerschicht sehr viel Material nach Münster; inzwischen ist der Anteil nasser Fundstücke gesunken. Wenig feuchte Stücke aber können im Erstversorgungszentrum mit Luft getrocknet werden – Gefriertrocknung ist schließlich teuer.

Wichtigstes Arbeitsgerät der Helfer ist eine kleine Handbürste, mit der die Gegenstände abgestaubt werden. Reihenfolge: zufällig. Nach mehreren Schnellheftern mit »Vorgängen« und Eingangsstempeln kommt ein kleines Blatt auf den Tisch, etwa DIN-A-6-Größe. Datiert auf 1499 – eine Rentquittung, vermutet der Archivar. In der Mitte ein münzgroßes Loch – das wäre als Markierung der Ungültigkeit nicht ungewöhnlich. Aber in der Plastikfolie, in der der Zettel gesteckt hat, findet sich ein deckungsgleiches Loch. Also ist auch dieses über 500 Jahre alte Dokument erst im Inferno des Archiveinsturzes von irgendetwas durchbohrt worden.

Beurteilen, sortieren, abwischen, in weiches Papier wickeln, registrieren, verpacken: Obwohl die Erstversorgung in der anonymen Halle unspektakulär ist, wird sie doch tagtäglich von Medienmenschen beäugt. Die Arbeit der Archivare habe nach der Katastrophe viel Aufmerksamkeit und Sympathie gefunden, sagt Max Plassmann. Was ihn und seine Kollegen treibt, ist mit einem Blick über die allenthalben verteilten Fundstücke zu erahnen.

Da der Rücken eines Leitz-Ordners mit der Aufschrift »KINDERGÄRTEN«. Daneben, aufgeschlagen, ein altmodischer Maschinen-Durchschlag zum Thema »Neubau Wallraf-Richartz-Museum«, vom Januar 1978. Mit ganz anderem Schriftbild, von 1990, der Vorgang zu einem neuen Betriebssystem in irgendeiner Verwaltung. Unter prächtigem Briefkopf das Konzessionsgesuch für eine Gaststätte. Dicke Mappen mit »Acta – Rheinische Eisenbahn-Gesellschaft« von 1870. Etwas aus dem Fürsorgeamt neben den »Acta Generalia betreffend den Gemeinderath von Vingst«. Ein »Gestattungsvertrag zwischen der Stadt Köln und der Fa. Esso-AG, Hamburg«. Die aufgeschlagene Personalakte eines Herrn X., einschließlich seines Entnazifizierungs-Fragebogens, auf dem er, um Wiederbeschäftigung oder Versorgung bittend, zittrig notierte: »… da meine Frau und ich in keiner Nazi-Organisation …« Wer nicht blind und taub ist für Geschichtliches, den berührt selbst solch ein winziger papierner Querschnitt durch die jüngere Stadtgeschichte zutiefst.

Was an der Kölner Stadtgrenze erstversorgt ist, wird in Pappkartons verpackt, welche irritierenderweise die Aufschrift »Reisswolf« tragen – Name einer Kölner Firma für Aktensicherung und -vernichtung. In den Reißwolf kommen die geretteten Stücke natürlich nicht. Sie werden auf Archive verteilt, die Raum angeboten haben, möglichst in der Nähe: das Bundesarchiv Koblenz zum Beispiel, die Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn, die Landesarchive Münster und Brauweiler, schließlich das erzbischöfliche Archiv, wo man ungeachtet einstiger Querelen »Köln contra Köln« das Stadtarchiv sehr unterstützt hat, wie Max Plassmann sagt.

Und dann? Wieder ein Unterschied zur Katastrophenmedizin: Was die Erstversorgung verlässt, kommt trotz übler Blessuren keineswegs gleich auf die Intensivstation. Sondern in einen Ruheraum. Denn allein die Bergung werde noch Monate dauern, schätzt Archivar Plassmann. Die Restaurierung und Rekonstruktion der Fundstücke aber werde Jahrzehnte in Anspruch nehmen – je nachdem, wer wie viel Geld investiert in ein Unterfangen, dessen Bedeutung bei den alten Archivalien weit über Köln hinausreicht. Das gleiche gilt für den Neubau des Archivs. Schon jetzt ist der Standort heftig umstritten in der Stadt, nicht zuletzt wegen der Finanzen. Vielleicht kommen Berlin, Düsseldorf und einige Mäzene ja zu dem Schluss, dass diese kulturelle Rettungsaktion denn doch für kölschen Klüngel eine Nummer zu groß sein könnte.    //

Kulturgeschichte
05 / 2009

Abwischen, in weiches Papier wickeln

Von: Martin Kuhna


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