Monumentalgemälde »Liudger predigt das Evangelium an den Ufern der Ems«, Albert Baur d.Ä. (1835-1906), 1901

IM RUHRMUSEUM: AM MORGEN DES ABENDLANDES

Das Ruhrmuseum schaut zurück: auf Spätantike und Frühmittelalter an Rhein und Ruhr.  

TEXT: MARTIN KUHNA

Ruhrgebiet und Mittelalter, das galt einmal als völlig widersinniges Begriffspaar. Heute weiß man, welch prominente Rolle die Region tausend Jahre vor der Industrialisierung spielte.

»Werdendes Ruhrgebiet«: Man kann, ja soll sich wundern angesichts des Titels. Das tiefsinnig raunende »werdend« will nicht recht passen zu einem Haus, das vor Jahren den hübschen Namen »Ruhrlandmuseum« abgestreift hat, weil er 1934 mit durchaus geschichtsklitternder, völkisch-mystifizierender Absicht eingeführt worden war. Und was da im ersten Jahrtausend nach Christus wurde (oder gar »ward«), war selbstverständlich nicht die erst seit dem späten 19. Jahrhundert als Ruhrgebiet firmierende Industrieregion, sondern eine ganz anders geprägte, überhaupt nicht als Einheit definierte Landschaft. Die Ausstellungsmacher des Ruhrmuseums auf Zollverein haben da ein wenig mit Begriffen gespielt.

Der hohe Ton greift zurück auf eine Ausstellung, die 1956 in der Krupp’schen Villa Hügel gezeigt wurde. Prototypisch dafür, wie man in der Nachkriegszeit versuchte, sich der deutschen Geschichte unverfänglich zu nähern und für die junge Bundesrepublik identitätsstiftenden Wurzelgrund zu suchen, der nicht nationalchauvinistisch kontaminiert war. Fündig wurde man im frühen Mittelalter. Statt dort weiter nach germanisch-heldischen Vorkämpfern des Deutschen Reiches zu suchen, entdeckte man die Christianisierung als Fundament des europäischen Gedankens und Karl den Großen als ersten Europäer. Vor diesem Hintergrund erklärt sich, dass der ursprünglich schlichte Ausstellungstitel »Frühes Christentum im Rheinland« verändert wurde in »Werdendes Abendland an Rhein und Ruhr«. Das christeuropäische Pathos war damals gängig; 2015 ist es nur noch in ironischer Brechung genießbar, in der Kombination des getragenen »werdend« mit dem trockenen Namen »Ruhrgebiet«. Dass für Kenner dabei »Abendland« zwei Oktaven höher mitschwingt, war gewollt; der neuerdings hässlich scheppernde Klang des Wortes hingegen war für die Kuratoren nicht vorherzusehen.

Die Abendland-Ausstellung 1956 – ein großer Publikumserfolg – war vor allem die erste große kulturhistorische Ausstellung der Bundesrepublik, die erste Mittelalter-Schau, lang bevor dergleichen populär wurde. Sie hat auch den Ruf der Villa Hügel und der Region als Kultur-Schauplatz mit begründet. In der Ausstellung selbst allerdings kam das Ruhrgebiet nur am Rande vor. Das ist heute ganz anders.

Die jetzige Schau in der Kohlenwäsche stellt die vermeintlich geschichtslose Region vor als zentralen Ort eines historischen Schauplatzes, dessen Ausdehnung sich verblüffend mit der vom heutigen Nordrhein-Westfalen deckt. Die prominente Rolle des Klosters Werden und des Stiftes Essen im frühmittelalterlichen Abendland wird gebührend gewürdigt. Aber wie kam es dazu? Wie entwickelte sich das Ruhrgebiet als Grenzregion zwischen Römerreich und unbesetztem Germanien, Franken und Sachsen zu einem zentralen Ort in Karls Reich, zwischen den Pfalzen Aachen und Paderborn am Ausgang des westfälischen Hellwegs? Soweit das für eine »dunkle«, schriftlose Epoche möglich ist, wird auch eine vorsichtige Skizze des alltäglichen Lebens gezeichnet.

Am Eingang auf der 12-Meter-Ebene der Kohlenwäsche symbolisieren drei Figuren die Bandbreite der Präsentation: eine römische Mars-Statuette aus dem 2./3. Jahrhundert, gefunden 2010 in Bochum-Stiepel; eine gleich alte germanische Götter-Tonfigur, gefunden 1988 in Dortmund; ein Kruzifix-Anhänger aus dem 10./11. Jahrhundert, gefunden in Büren am Hellweg. Die mit 3,5 bis 5,2 cm Höhe winzigen Figürchen werden aus ihren Glasvitrinen zentral von oben auf ein ansteigendes Podest der Ausstellungs-Architektur projiziert. Dies ist aber eine Ausnahme in der Lichtregie, die mit Rücksicht auf konservatorische Anforderungen sehr zurückhaltend ist und dem fensterlosen Raum mit seinen dunkelgrauen Betonwänden seinen Charakter belässt. Die überwiegend schwarzen Bauelemente lassen aus schmalen Schlitzen LED-Licht unterhalb Augenhöhe durchscheinen; die meisten Vitrinen sind selbst von innen/unten her mit der gleichen Technik beleuchtet. So werden die Objekte mit wenig Licht plastisch gut sichtbar. Man tappt nicht im Dunkeln; der Raum hat dennoch geheimnisvolle Atmosphäre ohne doch – dank der rohen Kohlenmaschinen-Umgebung – kitschig-mystisch zu wirken.

Der Parcours zeichnet die Entwicklung zwischen dem 3. und 11. Jahrhundert anhand aktueller Forschungsergebnisse nach. Dabei ist der Stoff in fünf Bereiche gegliedert. »Leben – Alltag an Rhein und Ruhr« demonstriert mit archäologischen Funden, wie die Menschen damals wohnten, arbeiteten, wirtschafteten, aßen, sich kleideten, Handel trieben. Dabei wird für die Frühphase ein erheblicher Unterschied deutlich zwischen dem römisch-städtisch geprägten linksrheinischen Gebiet und dem unbesetzten Germanien: locker organisiert, ohne zentrale Orte, ohne Steinbauten. Sichtbar wird aber auch, wie man sich, trotz gelegentlicher römischer Strafexpeditionen nach Osten, austauschte und wie Unterschiede verschwammen. Geschirr, Arbeitsgeräte, Schmuck, metallene Kleidungsapplikationen, Münzen, Überreste der Metallherstellung und Essenszubereitung sind die Basis dieses Aspekts.

Ähnlich verlässt sich das Kapitel »Streiten – Konflikte und kriegerische Auseinandersetzungen« auf Fundstücke. Schwerter, Lanzen, Pfeile und Rüstungen sowie Rekonstruktionen früher Festungen zeigen eine Welt in Waffen, obwohl es aus der Region weder für die Spätantike noch für die folgenden Jahrhunderte Anzeichen für größere Kriege gibt; selbst Karls Sachsenkrieg hinterließ zwischen Lippe und Ruhr kaum Spuren; die allgegenwärtige Gewalt entlud sich vor allem in lokalen Auseinandersetzungen.

»Glauben – Göttervielfalt und Christianisierung« bietet für die Frühphase ein religiös buntes Bild: Rechtsrheinisch kamen zur römischen Götterwelt, zu germanisch-einheimischen Kulten und deren Mischformen verschiedene orientalische Kulte, darunter das letztlich siegreiche Christentum, dessen Wandel zur römischen Staatsreligion am Rand des Reiches indes nicht vollständig war. Trotzdem konnten die christianisierten Franken dort fast nahtlos anknüpfen, während die sächsischen Germanen im nördlichen und östlichen Ruhrgebiet hartnäckig an Vorstellungen von Göttern und Jenseits festhielten. Die bekannten Missionare scheiterten, erst die kriegerische Sachsenmission Karls des Großen brachte den Durchbruch.

Beim Thema »Werden« wird noch einmal begrifflich gespielt – es befasst sich mit den »kulturellen Zentren Werden und Essen«. Werden steht in der Überschrift wegen der früheren Gründung und zunächst größeren Bedeutung, aber eben auch, weil der Name des Klosters gleichlautend ist mit dem »Werden« des Ausstellungstitels. Die hervorragende Rolle des 799 gegründeten Klosters und des 850/52 folgenden Stifts Essen im Prozess der Christianisierung, der karolingischen Bildungs- und Verwaltungs-Renaissance, der Entwicklung des heutigen Ruhrgebiets wird nachgezeichnet, mit kostbaren Schriftstücken und liturgischen Geräten, wobei Einiges davon in situ zu betrachten ist; der Essener Dom und die Werdener Schatzkammer sind als Ausstellungsorte einbezogen. Außerdem wird an dieser Stelle pars pro toto ein Blick auf die Arbeit der Essener Archäologie geworfen.

Der letzte Abschnitt »Deuten – Annäherungen an die ,Dunklen Jahrhunderte« reicht die Rezeptionsgeschichte der hier beleuchteten Periode nach: wie Historiker und Heimatforscher die frühmittelalterliche Geschichte neu entdeckten, wie die Germanen als »frühe Deutsche« verzeichnet, verklärt und verkitscht wurden, wie Karl de Große zum deutschen Vorläufer der Wilhelms stilisiert, dann von einigen Hardcore-Nazis wie Rosenberg und Himmler als un-deutscher »Sachsenschlächter« denunziert  und als europäischer Wegbereiter nach dem Krieg wiedergeboren wurde. In dem Zusammenhang besonders interessant ist ein Rückblick auf die »Abendland«-Ausstellung von 1956.

»Werdendes Ruhrgebiet« simuliert nicht Mittelalter. Von modernen Video- und Audiomedien wird sparsam Gebrauch gemacht. Die Ausstellung wirkt überwiegend, ganz konventionell, mit über 800 Exponaten in Vitrinen. Die Gestaltung durch subtile Lichtregie macht das Anschauen zum nicht nur intellektuellen, sondern auch sinnlichen Erlebnis.  

»Werdendes Ruhrgebiet. Spätantike und Frühmittelalter an Rhein und Ruhr«, Ruhrmuseum, Essen; Katalog, circa 450 S., Klartext Verlag; bis 23. August 2015. Besucherdienst: 0201 / 24681 444.

Kulturgeschichte
04 / 2015

IM RUHRMUSEUM: AM MORGEN DES ABENDLANDES

Von: Martin Kuhna


Was? Wann? Wo?Alle wichtigen Kultur-Termine in NRW auf einen Blick:

kultur.west Gezwitscher