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BRAUNER PLURALISMUS

Kaum eine politische Bewegung hat sich zuletzt nach außen hin so gewandelt wie die der Neonazis. Gleich geblieben sind jedoch die ideologischen Denkmuster – Antisemitismus, Brutalität und Menschenverachtung.

 TEXT: STEFAN LAURIN

Essen, 1. Mai 2015. An einem Spätfrühlingsabend versammeln sich rund 400 Neonazis auf dem Marktplatz im Essener Vorort Kray. Ein paar Dutzend von ihnen sind kurz zuvor mit einer NPD-Demonstration durch Mönchengladbach gezogen, wurden von Gegendemonstranten ausgepfiffen und mussten umkehren. Andere kamen über Dortmund, hatten bereits auf den Bahnhöfen für  Ärger gesorgt und die viel zu wenigen Bundespolizisten an ihre Grenzen gebracht.

Veranstalter der Mai-Demonstration war die Nazi-Partei »Die Rechte«. Dem Verfassungsschutz gilt sie als Sammelbecken für in den vergangenen Jahren verbotene Nazi-Organisationen wie den Nationalen Widerstand Dortmund, das Aktionsbüro Mittelrhein und die Kameradschaft Hamm. Bundesweit hat »Die Rechte« um die 500 Mitglieder. In Hamm und Dortmund sitzt die Partei mit je einem Vertreter im Rat.

Was an diesem Abend durch Kray zieht und durch die Drohung militanter Schalke-Anhänger sowie Blockaden von Nazi-Gegnern gehindert wird, nach Gelsenkirchen zu marschieren, ist ein bunter Haufen: Klassische Skinheads mit rasierten Schädeln, Hitler-Klone mit Zweifingerbart und Langhaarige, die aussehen wie Höhlenmenschen, aber auch Basecap-Träger, denen man ihre Gesinnung nicht ansieht. Es gibt Nazis mit Irokesenfrisur, beige gekleidete Rentner und Hipster, die in Neukölln und Ehrenfeld nicht auffallen würden.

»Die Rechte« ist eine reine Nazi-Partei, weit radikaler als die NPD und schnell wachsend im Lager der extremen Rechten. Gegründet wurde sie 2012 von Christian Worch. Der 59-Jährige gehört seit den 1970er Jahren zur Naziszene und war ein enger Freund von Michael Kühnen. Nach dessen Tod 1991 kümmerte sich Worch um den Nachlass – dazu gehören auch dessen Ideen zu einer Öffnung der Naziszene. Zuerst in der von Kühnen gegründeten, 1995 verbotenen »Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei« (FAP), später bei den Kameradschaften und heute in »Die Rechte«.

Kühnen, Ex-Anhänger der maoistischen KPD, wurde zum Erneuerer der Naziszene. Nazis vor Kühnen, das waren die NPD und die ehemaligen  Wehrmachts- und SS-Vereine. Sie hatten teils gute Kontakte in die Politik und bestanden aus älter werdenden Männern. Kühnen begründete die Neonazis. Optisch erinnerten sie anfangs an die Nationalsozialisten: Man trug schwarze Uniformen und HJ-Frisuren. Das offene Bekenntnis zum Nazitum, die Haltung zum Holocaust, der verleugnet oder bejaht wurde, waren eine perfekte Provokation und sorgte für großes Medienecho. Kühnen posierte mit Worch in Hamburg mit Eselsmasken. Um den Hals trugen sie Schilder mit der Aufschrift »Ich Esel glaube, dass in Deutschland Juden vergast worden sind«. Die Aktion sorgte weltweit für Schlagzeilen.

Kühnen brach mit Tabus, bekannte sich, erzwungen, zu seiner Homosexualität und schrieb das Buch »Nationalsozialismus und Homosexualität«, in dem er Schwule als ideale Kämpfer preist, da sie nicht auf eine Familie Rücksicht nehmen müssten.

Unter Kühnen erkannte die Nazi-Szene ihr Wachstumspotential in den Subkulturen. In den 1980er Jahren suchte man Anschluss an das Milieu der Fußball-Hooligans. Mit Erfolg. Die Borussenfront, gegründet vom ehemaligen FAP-Mitglied Siegfried »SS-Siggi« Borchardt, war zugleich Nazi-Schlägertruppe und Zusammenschluss von Fußballfans, die im Stadion Anhänger anderer Vereine attackierte. Außerhalb der Arena nahm man an Nazi-Aktivitäten teil.

 

Auch in Kreisen der Skinheads ließen sich Sympathien sammeln. Der Skin steht als Synonym für gewalttätige Nazis, was so nie stimmte: Skinheads hatten ihre Ursprünge bei klassenbewussten englischen Arbeiterjugendlichen, die sich vor allem von Hippies absetzten und mit Ska und Reggae schwarze Musik aus der Karibik hörten. Immer gab es unpolitische und linke Skinheads, die mit Rechtsradikalismus nichts zu tun hatten.

Von anderen Hooligans unterschieden sich die Nazi-Hools nur durch Kutten und Abzeichen. Wurden die nicht getragen, waren sie als Nazis nicht zu erkennen. Die Rechtsradikalen hatten Anschluss an eine Jugendszene gefunden. Die Borussenfront war nur der Anfang, zahlreiche Verbindungen zwischen Neonazis und Hooligans folgten, bis heute. In Aachen überschneiden sich die Mitglieder der Verbotenen Kameradschaft Aachener Land (KAL) und der Hooligan-Truppe Karlsbande. Vor zwei  Jahren gelang es ihnen, die linke Fußballfan-Gruppe »Aachener Ultras« aus dem Tivoli zu vertreiben.

Die Mitglieder rechtsradikaler Hooligan-Gruppen wurden anschlussfähig an andere Fan-Zusammenschlüsse. Man konnte rechtsradikal sein und außerhalb von Demos und Veranstaltungen ein normales Leben führen. Daran sollten Mitte des vergangenen Jahrzehnts die Autonomen Nationalisten anknüpfen. Nun gab es auch für jene Nazis, die sich weder den Skins noch Hooligans zugehörig fühlten, keine Kleidungsvorschriften mehr.

Viele Rechtsradikale imitierten fortan den Stil linksradikaler Autonomer und kleideten sich schwarz. Aber es gab auf einmal auch Neonazis mit langen Haaren, Dreadlocks oder ganz ohne optische Auffälligkeit. Die Szene wuchs durch das Aufgeben stilistischer Dogmen innerhalb kürzester Zeit, vor allem in Westdeutschland, wo es zuvor schwierig war, sich erkennbar als Nazi sehen zu lassen.

Die neue braune Pluralität geriet schnell außer Kontrolle. Nazis trugen auf Demos Che Guevara T-Shirts, rote Fahnen. Auswüchse, die rasch wieder verschwanden. Ganz wollte man sich der Symbolik der Feindes doch nicht hingeben. Aber: Viele Nazi-Slogans sind von Linken übernommen oder leicht abgewandelt. Etwa der Spruch »Wir kriegen Euch alle«, mit dem linke Autonome Neonazis daran erinnern, dass es für Rechtsradikale ungemütlich werden kann, ohne schützende Kameraden in der Nähe.  Oder wenn aus dem Spruch »Good Night White Pride« »Good Night Left Side« wird. Die stilistische Öffnung ermöglicht es Rechtsradikalen, auch persönlichen Vorlieben zu frönen, zum Beispiel beim Musikgeschmack.

 

Die trendige Kontaktnahme kennt kaum Grenzen. Thomas Rogers Rolling-Stone Reportage »Heil Hipster« beschrieb das Phänomen des rechtsradikalen »Nipsters«, der mit Bart, Umhängetasche und  Slogans wie »Still Loving NS« umherzieht. Dass modische Optik nichts an der Gesinnung ändert, zeigt der Fall Matthias Drewer, des wohl bekanntesten Nipsters aus NRW, der sich auf Demos mit T-Shirts zeigt, auf denen das Krümelmonster aus der »Sesamstraße« abgebildet ist. Drewer sitzt derzeit eine Haftstrafe ab, wegen eines Überfalls auf Besucher eines alternativen Flohmarktes.

Unabhängig vom Look sind die Neonazis eher radikaler als  ihre Vorgänger,  hetzen mit Sprüchen wie »Anne Frank war essgestört«, verhöhnen das NSU-Opfer Mehmet Kubasik, bejubeln den Tod des von einem Neonazi ermordeten  Thomas Schulz und feiern den dreifachen Polizistenmörder Michael Berger. Lifestyle maskiert nur die Gesinnung.

 

Kulturgeschichte
08 / 2015

BRAUNER PLURALISMUS

Von: Stefan Laurin


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