Blick in die Ausstellung auf der Verteilerebene der Mischanlage, vorn ein Elektroauto. Foto: Michael Rasche

Bearbeitung von Geschützrohren in der Abteilung Sterkrade, Werk II, Halle 12 der Gutehoffnungshütte, Oberhausen, um 1916, Sammlung LVR-Industriemuseum © LVR-Industriemuseum

Hamsternde Kinder auf einer Landstraße bei Hiltrup im Münsterland, August 1918, © Leihgeber: Stadtarchiv Münster

Blick in die Ausstellung in dem Treppenhaus der Mischanlage, Fotograf Michael Rasche

DER ENGEL DER GESCHICHTE

Das Leben begann angenehm zu werden im Deutschland der letzten Jahre vor dem Krieg. Warum der dennoch begonnen und begrüßt wurde, erklärt ein Stück weit die große Ausstellung zu »1914« auf Zollverein. Erschreckend nah bringt sie, was der Krieg bedeutete.

 

TEXT: ULRICH DEUTER

Walter Benjamin und nach ihm Adorno und Horkheimer haben viel mit Trauer gesalzte Mühe aufgeboten, darauf hinzuweisen, dass mit jedem Fortschritt auch ein Verlust einhergeht, dass eine nicht über sich selbst reflektierende Aufklärung ins Dunkel führt. Dieser Dialektik von Avantgarde und Gewalt sieht sich auch die Ausstellung »1914. Mitten in Europa« verpflichtet, die das Essener Ruhr Museum gemeinsam mit dem LVR-Industriemuseum in der Kokerei Zollverein zum Gedenken an den Beginn des Ersten Weltkriegs ausgerichtet hat: ein mit 2.500 Objekten auf ebenso vielen Qua-dratmetern übervoller Parcours, an dessen Ende man so tief verheddert ist in Geschichte wie ein Soldat in den Stacheldrahtverhauen der Schützen-gräben von Verdun (s.a. K.WEST 02/2014).

Ort dieser Erfahrung ist die Mischanlage der Kokerei, deren finstere betonale Wucht dem Thema kongenial ist und deren drei Großstockwerke die Möglichkeit bieten, stufenweise vom Vorkrieg zum Krieg und Nachkrieg hinabzuführen – der Einstieg liegt oben. In anderthalbminütiger Fahrt bringt die (endlich wieder in Betrieb genommene) Standseilbahn die Besucher vom gegenüberliegenden Parkplatz auf das Dach des 35 Meter hohen Kohlebunkers, das hat etwas Jahrmarktfröhliches und führt wie von selbst in die letzten Jahre der Belle Epoque mit ihrem überbordenden Zukunftsglauben. Wissenschaft und Technik befinden sich um jene Jahrhundertwende in einem Aufschwung, der unaufhaltsam scheint und allmählich auch Einzug in das Leben weiter Kreise hält; zum zweiten Mal in der Neuzeit (nach den Jahrzehnten der historischen Aufklärung) erscheint das Kommende hell und gestaltbar. Utopien sprießen wie überall im Land die Elektroleitungen, teils versprechen sie nahende technische Wunderzeiten, teils entwerfen sie bequeme und freundliche Wohnwelten, teils soll der ganze Mensch ein neuer werden. Lebensreformerische Bewegungen von diffuser Spiritualität entstehen, dem Besucher schaut das makellose Gesäß eines nackten Mannes entgegen, der Brust und Haupt einem leuchtenden Himmel entgegenreckt: »Lichtgebet«, ein Gemälde von Fidus aus dem Jahre 1894, das sich einer Beliebtheit erfreute, die nach 1914 noch wuchs.

In den nur 30 Jahren seit der Reichsgründung hatte es Deutschland geschafft, sich auf Platz zwei der industriellen Produktion hochzuarbeiten, hinter Amerika, vor England. Doch einem jedweder technischen und wissenschaftlichen Innovation gegenüber offenen Klima steht ein verkrustetes politisches gegenüber; so wächst in vielen – auch gebildeten – Köpfen die Idee eines großen Krieges heran, der allein alles Menschenbeengende wegsprengen könne.

Hier führt die Ausstellung die ersten Stufen hinab und präsentiert in drängender Vielfalt den gewaltigen Boom des »ersten deutsches Wirtschaftswunders«: Da sieht man, in die Maschinenreste der Mischanlage montiert, einen Radsatz der Wuppertaler Schwebebahn, die 1901 als Verkehrsmittel der Zukunft gilt – wenn man nicht gleich die Herrschaft der Zeppeline propagiert. Daneben glänzt ein Elektroauto der Marke »Runabout« von 1903, Vorschein einer kommenden Massenmotorisierung, deren Antriebsart – Otto- oder E-Motor – noch keineswegs entschieden ist. Siedlungsentwürfe wie der eines durchgeplanten Groß-Düsseldorf (Bruno Schmitz, 1912), eine Fotografie des berühmten Glashauses von Bruno Taut (Werkbundausstellung 1914 in Köln) oder ein Modell der Gartenstadt Margarethenhöhe in Essen (Georg Metzendorf, 1906) belegen, dass in der Rhein-Ruhr-Region, die vor dem Weltkrieg einen viel einheitlicheren Wirtschaftsraum darstellt als danach und heute, vor allem kühne Entwürfe zur Neugestaltung von Städten und Wohnverhältnissen sprießen. Es können auch idiotisch-utopische sein wie der eines 500 Meter hohen Rheinturms in Düsseldorf.

In dieser Zeit sind viele der Städte an Rhein und Ruhr zu Großstädten geworden, ihr Selbstbewusstsein wächst mit, der überfällige Ausbau der Infrastruktur von Verkehr, Wasser, Strom und Gas wird endlich angepackt. Das Effizienzdenken der Industrie zieht in die Kommunalverwaltungen ein, die jetzt mit Telefon, Schreib- und Rechenmaschinen operieren; 1851 beschäftigt die Stadt Düsseldorf 50 Beamte, 50 Jahre später sind es bereits fast 5.000.

Kaiser Wilhelms Sozialangst hatte Hochschulen im Ruhrgebiet untersagt; die Labore der Industriekonzerne aber betreiben Grundlagenforschung. Krupp entwickelt den nichtrostenden Stahl, Felten & Guilleaume in Köln das Transatlantikkabel, in Deutz baut N.A. Otto den gleichnamigen Viertaktmotor; die Erfindung des Aspirins durch Bayer und des ersten »selbsttätigen« Waschmittels, Persil, durch Henkel bringt den Fortschritt zu den Bürgern. Die in den Kaufhauspalästen von »Leonh. Tietz« oder einer der »1.000 Filialen von Kaiser’s« ihr langsam aber stetig wachsendes Einkommen ausgeben. Was mag die monströse Waschmaschine gekostet haben, die weiland im Keller eines wohlhabenden Duisburger Haushalts stand?

Mobilität, Kommunikation, Konsum beschleunigen und verflüssigen; die beinah ständische Sozialordnung des Wilhelminismus tut das Gegenteil. Davon geben die zahlreichen Kostüme Zeugnis, die die sozialen Klassen markieren und in der Ausstellung der rasanten technischen Revolution wie Gouvernanten gegenüberstehen. Disziplinierung ist das Stichwort, auch sie einer der Janusköpfe der Moderne und Voraussetzung wie Folge nicht nur der Industrialisierung, sondern auch eine Einübung in den Großen Krieg, der nun kommt.

Eine Etage darunter. Hier sind wir im Herz der Finsternis der Mischanlage, wo der Blick hinab in die riesigen rohen Kohletrichter fällt. Über deren abschüssige Wände laufen in Endlosschleife Schwarzweiß-Filmausschnitte der Mobilmachung: Züge mit Geschützen und Soldaten, jubelnde Menschen an der Strecke. Fotos dokumentieren ausrückende Feld-Artillerie (noch trägt man romantische Lederpickelhauben) oder den Krupp’schen Schießplatz in Meppen; ein zartes, spät-impressionistisches Gemälde von Otto Bollhagen von 1915 trägt den Titel »Giftgas-Versuch auf der Wahner Heide in Köln« und zeigt genau das. Schon seit Ende des 19. Jahrhunderts ist die Rhein-Ruhr-Region die Waffenschmiede des Reiches, jetzt wird sie zum Maschinenraum des deutschen Angriffskrieges, zu dem es bereits 1915 gehört, das von Bayer mit entwickelte Chlorgas einzusetzen. Das noch schlimmere Senfgas folgt. Freilich erfand die Leverkusener Firma auch die wirkungsvollsten Gasmasken des Krieges.

Die zeigen nun in hier in der Ausstellung ihr Monstergesicht. Daneben Stielhandgranate, Maschinengewehr, Minenwerfer – die bösen, aber legi-timen Kinder der Industrie. Darüber, riesig, die »Schwere Feldhaubitze M1913« von Krupp. Charakteristisch für den Ersten Weltkrieg ist ja, dass seine Schlachten außerhalb Deutschlands stattfanden; charakteristisch für diese Ausstellung ist, den Krieg aus der Sicht der »Heimatfront« zu zeigen. Doch das Grauen der Grabenkämpfe kann und will auch in Essen nicht verschwiegen sein: Fotos von in ihren Tanks verbrannten Briten, von für die Massenbeerdigung gestapelten Franzosen. Ein Vitrine zeigt zeitgenössische Wachs-Moulagen von Gesichtsverletzungen, also zu Lehrzwecken angefertigte Abformungen weggerissener Kiefer und Nasen, die sichtbar machen, dass in den Stahlgewittern das Bild des Menschen selbst vernichtet wurde. Würde nicht die Brutalität des Raumes dagegenhalten, man könnte das mit den Mitteln professioneller Ausstellungsarchitektur sorgsam gestaltete Grauen nicht ertragen.

Dieweil kommt der Krieg zurück zu denen, die ihn auch durch ihren täglichen Fabrikfleiß ermöglicht haben. Die Reichsregierung war auf einen langen Krieg nicht vorbereitet: Deutschland fehlen Material und Geld, Deutschland hungert. Wir sehen Plakate für Kriegsanleihen, Zeugnisse des Hilfswerks »Gold gab ich für Eisen«. An Hunger und Epidemien sterben in der Rhein-Ruhr-Region im Ersten Krieg mehr Menschen als im Zweiten durch Bomben. Im Ausgang dieser Abteilung schleicht man am (seit 60 Jahren erstmals wieder gezeigten) Denkmal der Fa. Krupp für die Gefallenen der Belegschaft mit 2.600 Namen vorbei – davor haben die Ausstellungsmacher unzählige Reste von aus französischem Boden geholtem Gefechtsschrott abgelegt: ein tödlicher »Deutscher Gruß aus Essen« (so eine damalige Postkarte), der an seinen Ursprungsort zurückgekehrt ist.

Und: zeitgenössische militärische Filmaufnahmen von Flügen über die zerstörten Gebiete Belgiens und Frankreichs von Ostende bis Verdun, ein 80 Kilometer breiter Streifen mit dem Aussehen Hiroshimas nach der Bombe. Sowie, daneben, klein, eindringlich, eine digitale Slide-Show bloß mit Namen und Gesichtern: Tote des Friedhofs Labouxhe-Melen bei Lüttich. Schon in den ersten Kriegswochen ermordete das deutsche Heer in Belgien 5.500 Zivilisten in Massenhinrichtungen. Zerstörte die Universitätsstadt Löwen samt historischer Bibliothek und »verwandelte das Land in eine Wüstenei«, wie Ernst Jünger kühl in »Stahlgewittern« schrieb. Dies vor Augen versteht man sofort, warum der Erste Weltkrieg im kollektiven Gedächtnis Belgiens und Frankreichs eine viel größere Rolle spiele als hierzulande.

Die Kuratoren der Ausstellung schließen sich Hans-Ulrich Wehlers These vom »Dreißigjährigen Krieg« 1914 bis 1945 an – gemeint ist die Fortsetzung der Kampfhandlungen nach 1918 unter anderen Vorzeichen: Novemberrevolution, Ruhrkampf, Kapp-Putsch, Ruhrbesetzung, Nazizeit. Gemeint ist die Verrohung der Gesellschaft, die der industrielle Krieg verursacht hat, der seinerseits erst durch die Industrialisierung ermöglicht worden war. Doch mangelt es der dritten, der Abteilung Nachkrieg, an der Eindringlichkeit, die weiter oben die Ausstellung geprägt hat, eine Beziehung zwischen beispielsweise dem Charleston-Kleid, drei Flinten vom Ruhrkampf und der Drehorgel eines zum Betteln verurteilten Kriegsversehrten will sich nicht recht einstellen. Mag sein, dass dies auch am Raum liegt, der Trichterebene, auf der sich die vergleichsweise wenigen Ausstellungsstücke verlieren.

Mag sein aber auch, es ist Ausdruck der Unsicherheit, ob angesichts all dessen überhaupt noch Hoffnung sei. Bekanntlich hat Walter Benjamin vermutet, dass die Kette der historischen Begebenheiten für den Engel der Geschichte nur eine Anhäufung von Katastrophen darstellt, die stetig wächst.


Bis 26. Oktober 2014, Kokerei Zollverein, Arendahls Wiese, Essen. Umfangreiches Begleitprogramm mit Filmen, Vorträgen, Exkursionen, Theaterprojekt. Katalog (sehr empfehlenswert) 29,95 Euro

www.1914-ausstellung.de

 

 

Kulturgeschichte
06 / 2014

DER ENGEL DER GESCHICHTE

Von: ULRICH DEUTER


Was? Wann? Wo?Alle wichtigen Kultur-Termine in NRW auf einen Blick: