Parka eines Punks der zweiten Generation. Foto: LWL

Autogrammkarte der »RagDolls«, der ersten rein weiblichen Beatband im Revier, aus den 1960er Jahren. Foto: LWL

DIE ANDERS SEIN WOLLENDEN

In Bochum ist eine kleine Geschichte der Jugendbewegungen im Ruhrgebiet zu sehen.

 

TEXT: ULRICH DEUTER

In der Maschinenhalle der Bochumer Zeche Hannover, einem Ausstellungsort des LWL-Industriemuseumskomplexes, ruht in einer Glasvitrine ein Fellaffe. So nannte man den außen zotteligen Ledertornister, der nach dem Ersten Weltkrieg in der Wandervogelbewegung beliebt wurde und die mit kurzer Lederhose, großkariertem Hemd und Klampfe aus grauer Städte Mauern hinaus in Wald und Flur schwärmende Jugend auf Großer Fahrt begleitete.

Nur ein paar Schritte weiter aber hat sich die Welt schon aberwitzig oft gedreht – könnte sich der sandfarbene Parka mit seinen Stickern, Aufklebern und Filzstiftbemalungen ein bisschen vorbeugen, er könnte vom Jahr 2000 aus auf die stadtbürgerkritische Kluft aus den 20er Jahren blicken und sich Gedanken über jugendmodische Kontinuitäten machen. Ohne Verrenkungen aber schaut die rührend auf wild gemachte Dienstkleidung eines Punkers der zweiten Generation dem rosafarbenen Tanzkleid einer Rock’n’Roll-Braut in den – hoch geschlossenen – Ausschnitt; oder hinab auf das Kofferradio »Tilly« von Loewe Opta am Boden, das stumm vom Rock around the Clock in den 50ern träumt.

»Einfach anders! Jugendliche Subkulturen im Ruhrgebiet« lautet der Name der kleinen Ausstellung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, die bündische Jugend, Edelweißpiraten, 50er-Jahre-Halbstarke, 68-er, Punks, Sprayer, Hausbesetzer, Heavy Metal- und Techno-Bewegung näher zusammenbringt, als sie, historisch gesehen, zusammengehören. Deutlich wird allerdings »einfach« so, dass Jugendbewegungen eines immer eint: das Andersseinwollen, die Überdeterminierung ihres Auftritts und Outfits, das Bündische, Gruppenbildende. Und das Transitorische, vor allem zum Heute hin, wo eine Jugend-Sub-Sub-Subkultur die nächste ablöst. Steampunk ist laut dieser Ausstellung die jüngste, die die Maschinenästhetik des 19. Jahrhunderts hätschelt und nachbaut. Oder eine noch namenslose Bewegung, »die Elemente von Akrobatik, Hip-Hop, Streetdance und Tanztheater verbindet.« Wer’s glaubt… Und wer nicht Jugendbewegung mit freizeitgestaltender Peer Group verwechselt… Braucht eine echte Jugendbewegung nicht Widerstand?

»In der Geschichte des Ruhrgebiets sind alle wesentlichen Jugendbewegungen zu finden«, weiß der Katalog (der entschieden umfassender ausfällt als die Schau selbst). Muss aber einräumen, dass die frühen Jugendbewegungen im Revier mit dem rasanten Wuchern der Industrialisierung zusammenfielen und daher schwach ausgeprägt waren; und dass auch »68« aufgrund des Fehlens von Universitäten (die erste, die Bochumer, war erst drei Jahre zuvor gegründet) wenig wild ausfiel. Revolutionären Urstoff hätte es gegeben, denn in jene Jahre fiel die erste große Stahl- und Kohlekrise. Das aber waren wohl, aus der Sicht eines Jugendlichen, Papas Probleme. Dafür reüssierten inmitten von massenweise Altstahl und Verkehrsinfrastruktur in den 1980er Jahren die Heavy Metal- und die Sprayer-Szene. Und die Punks natürlich: Das lärmende Zusammenkommen von Hunderten Irokesen zum »langen Samstag« am Duisburger Hauptbahnhof war für einkaufende Familien, Polizisten und Straßenpunks ein gleichermaßen erregender Jour fixe.

Dankbar sein muss man der Ausstellung, dass sie an eine zivilisatorisch verdienstvolle, heute weitgehend vergessene Jugendszene erinnert: die Swing-Kids. Sie fanden sich in den 1930er Jahren zusammen, um Jazz-Musik zu hören und einen westlichen, also städtisch-modernen, gelassen-libertären, »undeutschen« Lebensstil zu pflegen. In Dortmund nannte man sie Corso-Schleicher, weil im Café Corso auf dem Westenhellweg die verbotene Musik gespielt wurde; sie selbst nannten sich meist Hotler (was zu dem Wortspiel »Heil Hotler« verleitete), weil ihre Musik hot war. Spätestens mit Beginn des Krieges wurden sie von der Gestapo gnadenlos verfolgt. So wie auch alle anderen Formationen selbstorganisierter Jugend. Summarisch »Edelweißpiraten« genannt, bezahlten sie ihren Unwillen zur völkischen Anpassung mit Prügel, Haft oder Tod.

 


Bis 7. September 2014, Westf. Landesmuseum für Industriekultur Zeche Hannover in Bochum. www.lwl.org/LWL/Kultur/wim/portal/S/hannover/Ausstellungen. Katalog, Klartext Verlag, 19,95 Euro

 

Kulturgeschichte
07 / 2014

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Von: ULRICH DEUTER


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