Ausstellungsansicht. Foto: David Ertl, 2014. © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

Schutzmaßnahmen für die Eingangsfassade des Nationalmuseums Aleppo im Juni 2013. Der Eingang ist Max von Oppenheims Rekonstruktion der Fassade des West-Palastes vom Tell Halaf nachempfunden. © Nationalmuseum Aleppo, Syrien

Max von Oppenheim und seine »Thronende Göttin« im Tell Halaf-Museum Berlin, um 1930.

DIE BRAUT DES BARONS

Vor hundert Jahren ausgegraben, im Zweiten Weltkrieg gründlich zerstört – und nun in unglaublicher Kleinstarbeit wieder hergestellt. Die Bonner Bundeskunsthalle präsentiert die unwiederbringlich verloren geglaubten Schätze vom Tell Halaf. Und nicht nur das. In der beeindruckenden Ausstellung zeigen sich die Funde eingebettet in die abenteuerliche Vita ihres Entdeckers Max von Oppenheim.

 

TEXT: STEFANIE STADEL

Das sitzt sie in aller Ruhe, und in schönster Symmetrie. Zwei gedrehte Zöpfe hängen schnurstracks von ihren Schläfen herab. Der Blick geht stoisch geradeaus, und die rechtwinklig abgeknickten Unterarme sind passgenau auf den Oberschenkeln abgelegt. So trifft man die wuchtige Basaltgestalt jetzt in der Bonner Bundeskunsthalle. Und versucht vielleicht Max von Oppenheims Begeisterung nachzuempfinden. Für ihn war sie eine Göttin, und ihre Freilegung eine der größten Entdeckerfreuden: »Wie dieses Steinbild der Erde förmlich entstieg«. Immer wieder sei er später zu ihr hin getreten, habe sich kaum trennen können von ihrem Anblick. Beduinen, die dem Hobby-Archäologen bei der Arbeit halfen, nannten den Basaltriesen bald nur noch Oppenheims Braut.

Über hundert Jahre ist es nun her, dass der Kölner auf jenem Siedlungs-Hügel im Nordosten Syriens die aramäisch-neuassyrische Stadt Guazana ausgrub – samt Gruften, Palästen, stocksteifen Göttinnen und was sonst noch dazugehört. In Bonn wird sie nun zum Ausstellungthema: die Entdeckung des Tell Halaf. Oppenheims Lebenswerk – und das nicht nur, weil der Abenteurer und Orientexperte dort die Frau seiner Träume traf.

Noch viel mehr überwältigende Funde traten seit 1899 an diesem Ort zu Tage: Fein gearbeitete Steinreliefs und mächtige Skulpturen. Gefährliche Löwen, Greifen, Sphingen, fantastische Vogelwesen, Stiergestalten, Skorpionmänner. Einen Großteil der Ausbeute konnte Oppenheim einst nach Berlin verfrachten. Wo seine Schätze bei einem Bombenangriff 1943 allerdings gründlich zu Bruch gingen. »Nicht restaurierbar«, lautete die Diagnose. So wurden die acht Kubikmeter Basaltschutt in die Kellergewölben des Berliner Pergamonmuseums abgeschoben und zu DDR-

Zeiten nicht mehr angerührt.

Zur wundersamen Erweckung der vermeintlich hoffnungslosen Patienten trat 2001 ein kleines Team von Wissenschaftlern an, das sich geduldig über die 27.000 Basaltbrösel beugte und in neun Jahren mühsamer Sortier- und Puzzlearbeit das Beste herausholte. Unter anderem genasen 30 Großskulpturen. Die eben restaurierten Oppenheim-Funde vom Tell Halaf lockten bereits vor drei Jahren 700.000 Besucher ins Pergamonmuseum. Bonn setzt nun noch einen drauf. Dort sieht man die sagenhaften Stücke eingebettet in die Vita ihres Entdeckers, was die Sache besonders reizvoll macht.

Wie ein roter Faden zieht sich die Biographie des 1860 geborenen Freiherrn durch die eindrücklich inszenierte Schau, die mit Leichtigkeit ihre Riesenbögen spannt: Vom Aramäer-Fürsten des ersten Jahrtausends vor Christus bis zur syrischen Tragödie unserer Tage. Durch Fehden der Antike, zwei Weltkriege und den syrischen Bürgerkrieg. Von Köln über Kairo zum Tell Halaf und zurück nach Berlin – immer auf den Spuren jenes abenteuerlustigen Sprösslings aus begütertem Hause, dem der Orient zur Leidenschaft wurde.

Er führte das Leben eines Abenteurers, Forschers, Wissenschaftlers, eines Diplomaten, Selfmade-Archäologen und Kulturmanagers. Er gründete Museen …

 

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Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, Bis 10. August 2014. Tel.: 0228/9171200. www.bundeskunsthalle.de

 

Kulturgeschichte
06 / 2014

DIE BRAUT DES BARONS

Von: STEFANIE STADEL


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