Caspar David Friedrich: Die Lebensstufen (Strandszene in Wiek), 1834; Museum der bildenden Künste Leipzig

»DIE HABEN EIN GUTES STERBEN«

Es gibt die Dunkelheit vor dem eigenen Leben, und die Dunkelheit danach. Die erste fürchten wir nicht, warum dann die zweite? Trotz dieser tröstlichen Logik Schopenhauers haben die meisten Menschen Angst vor dem Tod. Doch es gibt Samariter, die diese Angst nehmen helfen.

 

INTERVIEW: ULRICH DEUTER

Annelott Höfer und Helga Reulecke sind Sterbebegleiterinnen im Hospiz Essen-Steele; etwa 60 stationäre und 250 ambulante Hospize gibt es in NRW. Die Begegnung mit dem Tod im eigenen Lebensumfeld hat die beiden Frauen zu diesem Ehrenamt bewogen, das sie seit 1997 bzw. 1999 ausüben; Frau Höfer (75) war in ihrem Berufsleben Musikschullehrerin, Frau Reulecke (71) Oberstudienrätin. Eine etwa halbjährige Ausbildung hat sie auf ihren Dienst vorbereitet; seelische Größe und Empathiefähigkeit haben sie mitgebracht.

K.WEST: Ein Mensch kommt für seine letzten Tage oder Wochen ins Hospiz. Erhält er dann Besuch von Ihnen?

REULECKE: So machen wir das grundsätzlich nicht. Erst einmal werden die Bewohner vom psychosozialen Dienst gefragt, ob sie überhaupt eine Begleitung möchten. Dann wird überlegt, wer zu wem passen könnte, also ob die Chemie stimmt. Oft ist es aber auch so, dass man sich in der Kaffeerunde kennenlernt, und sich daraus die weitere Begleitung ergibt.

K.WEST: In der Kaffeerunde?

REULECKE: Die halten wir beide einmal die Woche zusammen ab. Dazu backen wir Kuchen und laden die Bewohner und ihre Angehörigen ein. Für jemanden Kuchen zu backen – das ist eine spezielle Form der Zuwendung, die von den meisten auch so erlebt wird. Und dann sitzen wir zusammen und reden; und lachen und weinen. So kommen die Menschen ins Gespräch: die Kranken mit uns, aber auch untereinander und wir mit ihren Angehörigen.

HÖFER: Wir begleiten aber auch ambulant, gehen also zu Schwerkranken nach Hause. So eine ambulante Begleitung kann manchmal sehr lange dauern, meine längste war viereinhalb Jahre. Dieser Herr glaubte sich schon an seinem Ende, dann schlug eine neue Chemotherapie an und schenkte ihm vier weitere Jahre. Schließlich kam er ins Hospiz und starb hier auch.

K.WEST: Wenn früher der Priester mit den Sterbesakramenten auftauchte, war das ein Indiz für den bevorstehenden Tod. Wird Ihr Auftreten ähnlich empfunden?

REULECKE: Heute wissen die Menschen mehr als früher, was ein Hospiz bedeutet. Und trotzdem, das stellen wir immer wieder fest, hat ein großer Teil Hoffnung, wieder nach Hause zu kommen, wieder gesund zu werden. Der Verdrängungsmechanismus ist sehr aktiv.

HÖFER: Dabei kommt auch die Schmerztherapie zum Tragen. Sobald die Menschen schmerzfrei sind, wächst die Hoffnung. Dann wird wieder eine Reise geplant, oder, ein Wochenende zuhause zu verbringen.

K.WEST: Unterstützen Sie diese Verdrängung oder diese Hoffnung?

HÖFER: Oh ja, das tragen wir ganz bewusst mit.

REULECKE: Wenn Menschen diese Hoffnung noch haben, oder sie durch Verdrängung ihre Situation nicht richtig wahrnehmen, würden wir nichts tun, um das zu korrigieren. Wir nehmen die Menschen so, wie sie mit ihren Wünschen, mit ihren Erkenntnissen, Sehnsüchten sind.

HÖFER: Wir lernen in der Ausbildung: Der Sterbende gibt das Tempo vor. Wir hoffen, so sensibel zu sein, dass wir merken, was er will und wissen will. Und unterstützen, wenn er einen Schritt weitergeht. Er soll das Gefühl haben, es kommt alles von ihm selbst.

REULECKE: Ich erinnere mich an eine Bewohnerin, die ich begleitet habe, die hatte einen Hirntumor. Sie war manchmal ganz klar, manchmal nicht. Einmal hat sie mich gefragt: Habe ich Krebs? Ich wusste, dass sie ihn hatte. Aber ich habe weder ja noch nein geantwortet, sondern: Wenn Sie wüssten, dass Sie Krebs hätten, würde Ihnen das Angst machen? Darauf hat sie wiederum mich gefragt, wie es bei mir wäre. Und dann habe ich von mir erzählt, wie ich mit meiner eigenen Krebserkrankung umgegangen bin. Es ist nicht so, dass wir die Menschen in irgendeine Haltung hineindrängen, sondern wir nehmen auf, was sie uns sagen.

K.WEST: Begegnet Ihnen auch die Frage: Muss ich jetzt sterben?

REULECKE: Das kann sein. Aber auch die andere: Warum darf ich noch nicht sterben?

HÖFER: Gerade jüngst gab es eine Patientin, die hatte ALS. Als ich ihr hier begegnete, schrieb sie mir auf – sie konnte nicht mehr sprechen –: Ich möchte bitte sterben, beten Sie für mich! Sie hat auch immer bittend die Hände vor der Brust gefaltet. Das war für mich in den vielen Jahren, die ich hier bin, sehr schwer. Denn dabei kann ich nun gar nichts tun. Ich habe ihr nur gesagt, ich wünsche ganz inständig, dass Sie schnell sterben können.

REULECKE: Und wenn jemand fragt, ob er sterben muss, können wir auch nur ehrlich antworten: Den Zeitpunkt wissen wir nicht.

HÖFER: Wir haben ja auch die Erfahrung gemacht, dass sich jemand, der sich in einem ähnlichen Zustand befand, wieder erholt hat. Aber wir können jemand fragen, ob er es ahnt, dass die Zeit gekommen ist. Denn wir kennen es, dass die Menschen sagten: Heute Nacht sterbe ich. Die haben dann ihre Angehörigen noch mal zum Kaffeetrinken eingeladen, noch mal ein paar Freunde angerufen, und dann sind sie wirklich in der Nacht gestorben.

REULECKE: Viele spüren, dass sie hier sterben werden. Und immer wieder erleben wir, dass die Angehörigen das nicht akzeptieren und daher die Kranken nicht mit ihren Angehörigen darüber sprechen können. Dann sind sie erleichtert und dankbar, dass sie mit uns über ihren Tod sprechen können.

K.WEST: Wenn diese Menschen auf ihr Leben zurückblicken, ist das dann eher positiv, einverständlich, oder hadernd?

REULECKE: Das ist so verschieden, wie Menschen eben verschieden sind. Es gibt welche, die sagen, ich habe ein schönes Leben gehabt. Aber auch einige, die sagen, ich habe viel falsch gemacht. Wir erfahren sehr, sehr viel aus dem Leben der Menschen, aber wir würden nie von uns aus die Frage danach stellen. Ich glaube, durch diese Zurückhaltung sind die Menschen eher bereit, sich zu öffnen.

HÖFER: Wir haben schon häufig jemand sagen hören: Ich hatte ein schönes Leben, aber habe es nicht bemerkt. Weil man immer auf der Suche ist, oder sein Leben mit einem anderen vergleicht.

REULECKE: Wir haben auch Menschen erlebt, die gesagt haben, eine so schöne Zeit wie hier haben sie nie gehabt. Ach, denkt man dann, was für ein trauriges Leben.

K.WEST: Haben Sie beide auch Erfahrungen mit dem Sterben junger Menschen, Kinder?

REULECKE: Kinder sind hier im Hospiz nicht, aber junge Menschen. Ich kann mich erinnern an einen jungen Mann, Mitte 20, er und seine Verlobte haben hier im Hospiz kurze Zeit vor seinem Tod geheiratet. Er hätte so gern die Geburt seines ersten Kindes noch erlebt, das wäre im April gewesen. Im Januar starb er. So etwas geht einem sehr nah. Andererseits gibt es auch regelrecht schöne Momente. Einmal kam ich in ein Zimmer, da lag der Bewohner im Bett, sehr schwach schon, auf der einen Seite saß eine Tochter, auf der andern Seite der Schwiegersohn, beide hielten seine Hand. Und auf dem Sofa saß seine andere Tochter und stillte ihr gerade neugeborenes Kind. Das war der Kreislauf des Lebens.

HÖFER: Dann gab es einmal eine junge Frau, gerade über 40, die kam hier ins Haus und war von einer so unglaublichen Gelassenheit, wie wir das kaum je erlebt hatten. Sie sagte: Es ist alles gut, ich habe ein gutes Leben gehabt, ich kann gehen. Die hatte zwei Kinder, 13 und 17 Jahre alt, sie hatte ihnen das Vertrauen vermittelt, dass sie es auch ohne ihre Mutter schaffen würden, gute Erwachsene zu werden.

K.WEST: Wie ertragen Sie das Übermaß solcher Erfahrungen?

HÖFER: Wir sind ja nicht allein, wir können uns austauschen, wir haben Supervision. Aber wir bekommen ja auch viel zurück, so viel Vertrauen der Menschen, ihre Dankbarkeit und Einblicke in so vielfältige Lebensgeschichten. Dafür sind wir auch dankbar.

K.WEST: Angeblich gibt es drei Phasen in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod: Ignorierung, Abwehr, Einverständnis. Stimmt das?

HÖFER: Man spricht sogar von fünf Phasen, auch wenn die nicht so sauber in der Reihenfolge vorkommen. Bei denen, die lange hier sind, kann man diese Phasen erkennen, aber manche kommen einfach zu spät, dann ist schon sehr viel passiert. Ja, da gibt es Aggression und die Suppentasse, die an die Wand fliegt. Aber dann kehren irgendwann doch eine Milde und ein innerer Friede ein.

REULECKE: In der Regel, kann man sagen, sterben die Menschen sehr friedlich. Die haben ein gutes Sterben. Dass jemand noch hadert oder traurig und unzufrieden ist, das ist relativ selten.

HÖFER: Es gibt auch da Ausnahmen. Aber die Palliativmedizin hat zur Folge, dass man schmerzfrei ist. Und wenn man schmerzfrei ist, kann man ganz anders denken.

K.WEST: Glauben die meisten denn an irgendeine Form des Weiterlebens nach dem Tod?

REULECKE: Für die sehr religiösen Menschen ist das gar keine Frage. Die sind fest davon überzeugt.

HÖFER: Einige sagen auch: Das ist das Ende, einfach das Aus. Mehr Menschen aber sterben mit einem Fragezeichen, mit der Hoffnung, dass es ein Weiterexistieren nach dem Tod gibt. In welcher Form auch immer.

 

www.hospiz-nrw.de + www.hospiz-essen.de

Kulturgeschichte
11 / 2013

»DIE HABEN EIN GUTES STERBEN«

Von: ULRICH DEUTER


Was? Wann? Wo?Alle wichtigen Kultur-Termine in NRW auf einen Blick: