Arbeitsausweis von Alice Frank aus Köln, zusammen mit Mann und Tochter war

DIE RAMPE BEGANN IN DÜSSELDORF

Die Ausstellung »Deportiert ins Ghetto« macht erschreckend klar, wie kurz 1941 der Weg von Köln oder Wuppertal ins Gas war.

 

TEXT: ULRICH DEUTER

Wie schnell aus Nachbarn Mörder werden, demonstrierte grad gestern der Jugoslawienkrieg – so als hätte Europa diese Lektion nach dem Holocaust noch nötig gehabt. Wahrscheinlich haben wir sie immer wieder nötig, denn wie anders ist die unbehelligte Mordkarriere des sogenannten NSU zu erklären, wenn nicht durch gewachsene Blindheit auf genau dem Auge, das in Deutschland überwach sein müsste? Die Freundschaft zu Polen wird regierungsamtlich gepflegt, vor jeder Synagoge in Deutschland steht ein Polizeiwagen, aber die Ausstellung des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte in NRW, derzeit in der ehemaligen Zinkfabrik Altenberg in Oberhausen zu sehen, ist winzig und schwach besucht. Sie ist, bei den Mitteln, die zur Verfügung stehen, gut gemacht. Gut, das heißt eindringlich genug, um jeden tief schlucken zu lassen über die Steilheit der Rampe, die Menschen aus dem Wohnzimmer ihres bürgerlich-kultivierten Lebens im 20. Jahrhundert binnen Tagen in den niedrigsten Zustand menschlicher Existenz beförderte, von Düsseldorf, Essen, Köln, Wuppertal, Bonn oder Mönchengladbach ins Ghetto Litzmannstadt. Und von dort weiter nach Kulmhof und Auschwitz ins Gas.

Am 22. und 30. Oktober 1941 fuhren Züge von Köln und am 27. Oktober 1941 von Düsseldorf ins polnische Łódź, gefüllt mit deutschen Juden aus jenen beiden rheinischen Regierungsbezirken, Menschen, die sich an der Kölner Messe oder dem Düsseldorfer Schlachthofgelände (!) einzufinden hatten, mit nicht mehr als einem Koffer und Proviant für acht Tage. Ihr Vermögen hatten sie zuvor auf einer Liste zu deklarieren, ihre Wohnungen wurden polizeilich versiegelt. Was ein Leben ausgemacht hatte, Kleider, Federbetten, Porzellan, ersteigerten einige Wochen später die Nachbarn, die sich natürlich nichts dabei dachten. So wenig wie die, die den quer durch die Stadt zu den Sammel- und Abfahrtstellen Getriebenen zusahen. Aus Mitbürgern waren Untermenschen geworden. Die von den deutschen Behörden »Evakuierung« genannte Aktion war der Beginn der systematischen Vernichtung der Juden.

»Meine Eltern sind beinahe herausgekommen, aber dann klappte es doch nicht, sie kamen nach Łódź und dann hat man meinen Großvater nach Theresienstadt geschickt, und sie alle sind gestorben.« (Die Düsseldorferin Margot Goldberg)

»Seid nicht traurig, denn wenn ich weiß daß ihr tapfer u. etwas ruhig seid, ist bei mir nicht mehr alles ganz so trüb. Wir sind nun ganz gefaßt u. glaube ich bestimmt daß alles besser wird, wie wir jetzt vielleicht annehmen …« (Letzter Brief der Kölnerin Thea Salmony an Verwandte im Ausland kurz vor ihrer Deportation nach Litzmannstadt)

»Wie ich von zuverlässiger Quelle höre, haben sich in den Tagen, die diesem 22. Oktober vorangingen, 37 Juden das Leben genommen. So sollen u. a. in einem einzigen Hause sieben Selbstmorde stattgefunden haben.« (Der Schweizer Konsul Rudolf von Weiss aus Köln an die Schweizer Botschaft in Berlin)

»Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie wir auf die Straße runter mit Koffern zum Schlachthof gegangen sind. Die Leute haben geguckt und die Kinder haben Steine geschmissen und so weiter. Das war ganz schrecklich damals.« (Günter Wolff, Düsseldorf)

»Er starb in dem Zimmer, das wir mit anderen Leuten teilten, und wir mussten seine Leiche auf die Straße tragen, weil jeden Morgen die Leichen von den nachts Verstorbenen abgeholt und zu einem Friedhof getragen wurden.« (Der Kölner Henry Oster über den Tod seines Vaters im Ghetto)

»Und am ersten Sonntag hat man uns ins Stadion in Posen marschieren lassen. Man hat uns dahin gestellt und da haben die fünf oder sechs Leute gehängt. Da hat man uns direkt gesagt: ›Ihr seht, was hier los ist, und was wir sagen, müsst ihr tun!‹« (Der Kerpener Fritz Roer über die Lage im Ghetto Litzmannstadt)

»Durch die Straßen des Ghettos ziehen die Elenden aus Köln, Düsseldorf: sie sind die ersten Aussiedler.« (Der Ghettochronist Oskar Singer; die »Aussiedlungen« führten nach Kulmhof.)

»Meine Mutter hatte kaum die Gelegenheit, ›Auf Wiedersehen‹ zu sagen. Ich sah meine Mutter, als sie in die Kolonne von Frauen ging. Kurze Zeit später konnte ich sie nicht mehr sehen.« (Der Kölner Henry Oster über die Ankunft in Auschwitz. Seine Mutter Elisabeth wurde dort ermordet.)


Nicht mehr als sechs doppelseitige Stellwände, aber gespickt mit Faksimiles von Briefen, Fotografien, Erklärungen, Bekanntmachungen, Ausweisen aller Art, die den bürokratisch korrekt geregelten Weg in die Ermordung begleiteten. In dem von den Nazis in Litzmannstadt umbenannten Łódź ist 1940 ein »jüdisches Wohngebiet« errichtet worden, ein bewachtes Ghetto, in dem auf vier Quadratkilometern 160.000 polnische Juden leben müssen. Hier werden die westdeutschen Neuankömmlinge abgeladen und in Sammelunterkünfte – »Kollektive« – gepfercht, ab jetzt ist alles Leben öffentlich. Ihre Lage ist schlimmer als die der »Ostjuden«, sie haben wenig zu essen, viele verhungern, etliche begehen Selbstmord. Vom Düsseldorfer Transport etwa sind nach einem knappen halben Jahr 71 Menschen tot.

Die andern werden zu harter Arbeit gezwungen. Wer krank ist, bekommt keine Nahrung. Anfang 1942 beginnt die deutsche Ghettoverwaltung damit, »nichtarbeitsfähige Juden« nach Kulmhof (Chełmno) zu verschleppen und dort im Gaswagen zu ermorden, im Mai ist die Zahl von 55.000 Opfern erreicht. Wer im August 1944 noch lebt, wird nach Auschwitz-Birkenau gebracht. Von dem Düsseldorfer »Kollektiv« – 1.003 Menschen aus dem Regierungsbezirk – überleben den

Holocaust 13, von dem Kölner – 2.011 Menschen – 23. Der Leiter des Ghettos Litzmannstadt, Hans Biebow, wird 1947 in Polen hingerichtet. Der Oberbürgermeister von Litzmannstadt/Łódź, Werner Ventzki, ist zuletzt Regierungsdirektor in Bonn und stirbt 2004 in Detmold. Der eindringliche Katalog (der den Besuch der eventuell verpassten Ausstellung ersetzt) zeigt als letztes Dokument den Ablehnungsbeschluss gegen den Antrag des Litzmannstadt-Überlebenden Albert Lucas aus Mülheim (Ruhr) auf Entschädigung für seine vom Deutschen Reich beschlagnahmte Wohnungseinrichtung. Begründung der Oberfinanzdirektion Düsseldorf: der Antragsteller könne keine Unterlagen, etwa Kaufbelege, über die entzogenen Gegenstände vorlegen.

LVR-Industriemuseum, Zinkfabrik Altenberg, bis 23. Juni 2013. www.industriemuseum.lvr.de/ausstellungen/ + www.ns-gedenkstaetten.de. Katalog 10 Euro

 

Kulturgeschichte
06 / 2013

DIE RAMPE BEGANN IN DÜSSELDORF

Von: ULRICH DEUTER


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