Barbarossa-Kopf (12. Jh., Ausschnitt) © Katholisches Pfarramt St. Johannes Evangelist zu Selm-Cappenberg

ERZBISCHOFS ENDE

Über 460 Burgen hat es im mittelalterlichen Ruhrgebiet gegeben. Die Zersplitterung des Territoriums hatte nicht zuletzt mit einer berühmten Bluttat zu tun: Der gewaltsame Tod des Erzbischofs von Köln 1225 führte zu Aufruhr in der Region.Eine große Ausstellung im Archäologiemuseum Herne zeigt Umstände und Folgen des Anschlags.

TEXT: MARTIN KUHNA

Durch diese hohle Gasse musste er kommen. Erzbischof Engelbert war mit Gefolge auf der Rückreise von Soest bei Gevelsberg angelangt; es ist der 7. November, es dämmert, das Nachtlager ist nicht mehr fern. Da stürzen sich aus dem Hinterhalt mehrere Männer auf den Tross im Hohlweg. Alle ergreifen die Flucht; nur der hünenhafte Engelbert wehrt sich verzweifelt. Er stirbt, übersät von mehr als 40 Stichen. Als Drahtzieher der Tat wird Graf Friedrich von Isenberg in Acht und Bann getan und ein Jahr später in Köln öffentlich gerädert.

Auch die Museumsbesucher müssen da durch: durch einen dunklen Raum, dessen Boden aussieht und sich anfühlt wie Lehm. Man glaubt sich jedenfalls nicht auf so festem Boden, wie dies in einem Museum üblich ist. Und dann – bricht die Tat optisch, per Beamer, und akus-tisch über einen herein. »Aufruhr 1225!« ist eine »Erlebnisausstellung«; dieser Tod soll das Mittelalter an der Ruhr lebendig machen. Doch »Disneyland« oder »Fantasy« sei das keineswegs, sagt Museumsleiter Josef Mühlenbrock, sondern wissenschaftlich korrekt.

Wenn man den Überfall überlebt hat, erfährt man in der großen Ausstellungshalle die Hintergründe der Tat. Etwa Fakten über die Hauptbeteiligten. Engelbert: Graf von Berg, seit 1216 Erzbischof von Köln und als solcher Herzog von Westfalen. Vertrauter des Stauferkönigs Friedrich II.; dessen Sohn krönte er 1220 zum neuen König. Er war der nächst dem König mächtigste Mann des Reiches. Seinen entfernten Vetter Graf Friedrich von Isenberg hatte Engelbert selbst 1217 mit der Isenburg bei Hattingen belehnt; von dort aus suchte Graf Friedrich seinerseits, seine Macht an der Ruhr auszudehnen. Als Dritte kommt Adelheid ins Spiel, Fürstäbtissin von Essen, die dem Isenberger und seiner Familie das Vogteirecht über ihr Stift entwinden wollte und damit eine wichtige Einnahmequelle. War Engelbert der Heilige, als der er den Kölnern lange Zeit galt? War Friedrich von Isenberg ein skrupelloser Schuft? Der Besucher in Herne soll sich selbst ein Bild machen.

In Soest hatte die Essener Frage auf einem Landtag geklärt werden sollen – als Teil eines grundlegenden Konflikts zwischen dem machtbewussten Erzbischof und dem davon bedrohten regionalen Adel. Der Streit war offen geblieben, als Engelbert die Rückreise antrat. Man fragt sich aber, krimierfahren, schnell: Warum sollte Friedrich von Isenberg den Erzbischof ermordet haben? Die Tat kostete ihn schließlich selbst das Leben – und stürzte seine Familie ins Nichts. Die Expansion des Kölner Erzbistums war nach dem Tod Engelberts zwar gebremst, aber im nachfolgenden regionalen Gerangel spielten die Isenberger keine Rolle mehr. Und die Fürstäbtissin bekam, was sie wollte, auch mit Hilfe zeitüblicher Urkundenfälschung.

Aus wissenschaftlicher Sicht wahrscheinlicher ist, dass sich eine ganze Anzahl adliger Rittersleut’ zum Überfall auf den Erzbischof verabredet hatte – um ihn zu entführen und damit Zugeständnisse im Machtkampf zu erzwingen. Auch dies eine im Mittelalter gängige Praxis, erfährt der Zuschauer. Nur dass die Entführung durch die heftige Gegenwehr des Erzbischofs schiefging. Dass dem längst tödlich Verletzten noch so viele Stiche beigebracht wurden, könnte ein Versuch gewesen sein, alle Verschwörer gleichermaßen als Täter solidarisch zu machen. Was dito patzte, weil Friedrich von Isenberg schließlich doch als einziger Sündenbock dastand.

Das Schicksal des zum Verbrecher gestempelten Friedrich wird mit Inszenierungen in typische und aus heutiger Sicht oft eigenartige Gepflogenheiten eingeordnet. So ist man zu Gast bei der Hochzeit Kaiser Heinrichs VII., dem bei dieser Gelegenheit nicht nur das blutige Gewand seines einstigen Vormunds Engelbert zum Beweis präsentiert wurde, sondern auch dessen ausgekochte Knochen – nur Fleisch und Herz hatte man beigesetzt. Man lernt über verschiedene Motivationen zu den damals üblichen Romfahrten und erfährt, dass auch der verfolgte Friedrich von Isenberg in die heilige Stadt reiste, zusammen mit seinen Brüdern, die als Bischöfe in Münster und Osnabrück wegen der Mordtat abgesetzt worden waren. Die drei wollten beim Papst die Wiedereinsetzung in ihre Rechte erreichen, was offenbar durchaus im Bereich des Möglichen lag – aber nicht gelang.

Auf der Rückreise wurde Friedrich von Isenberg in Lüttich erkannt, für ein Kopfgeld verraten und festgenommen. Die für damalige Zeiten riesige Kopfgeldsumme von 2000 Silbermark wird in der Ausstellung mit den entsprechenden 468 Kilogramm reinen Silbers repräsentiert. Informationen über Gefängnisse, Gesetze und Strafen im Mittelalter bilden den Hintergrund für Friedrichs brutales Ende auf dem Rad – bis hin zu dem seltsamen Detail, dass die abgeschlagenen Hände von Verbrechern gern als Talisman genommen wurden.

Kirche, Klöster, Herrschaft, Recht und Gebräuche im 13. Jahrhundert – all dies wird lebendig dargestellt. Im Mittelpunkt der Ausstellung aber stehen, wie könnte es anders sein, die Ritter. Sie sind schließlich zu mythischen Figuren geworden, romantisch verklärt zu edlen Helden in Büchern, Filmen, Kinderspielen. Und Ritter waren es auch, die nach Engelberts Tod zäh um Macht und Einfluss rangen und dabei nicht nur mit ihren Herrschaftssitzen die zersplitternde Region zum Burgenland machten, sondern auch durch ihre Fehden und Scharmützel den Menschen an der Ruhr das Leben sauer werden ließen.

Natürlich rückt die Ausstellung einiges gerade, wenn sie das Selbstverständnis der adligen Ritter erläutert, die Vorstellung von ritterlicher Ehre und das komplizierte Konzept der minniglichen Liebe zu edlen Frauen als Antrieb zu tapferen Taten. Als Beispiel für blutige Praxis wird die Schlacht von Worringen 1288 ins Licht gerückt. Charakteristischerweise ging es dabei um einen Erbfolgestreit – übrigens auch mit Auswirkungen ins Ruhrgebiet. Unter anderen wurde die »neue Isenburg« in Essen geschleift, die Friedrichs Sohn noch als Ersatz für den Hattinger Sitz hatte bauen lassen, dann aber bald an das Kölner Erzbistum abtreten musste, welches nun wiederum in Worringen Federn ließ.

Doch die Ritter werden in Herne keineswegs völlig entzaubert. Dem ritterlichen Spieltrieb der Besucher wird sogar ein ganzer Raum gewidmet, in dem die Hattinger Isenburg zu neuem Leben erweckt wird, mit eigens angefertigten Möbeln, ausgestopften Tieren, schweren steinernen Kugeln für Wurfschleudern, Gerätschaften zum Mauerbau. Man staunt über das gräfliche Doppelbett – fast so breit wie lang, nicht nur, weil die Menschen damals kleiner waren als heute, sondern auch, weil sie mehr oder minder im Sitzen schliefen: Sich hinlegen, das war der Tod. Man kann auf dem Thron des Grafen Platz nehmen, Kinder können Ritterrüstungen anprobieren und erleben, wie schwer und unkommod die waren.

Ohne eine typische Vitrinenschau zu sein, versammelt »Aufruhr 1225« einige wertvolle Stücke von 140 Leihgebern, darunter der aus konservatorischen Gründen selten gezeigte Oldenburger Sachsenspiegel als Rechtshandschrift und aus Wien ein einmaliger Topfhelm. Solche »Importe« ersetzen, was an der Ruhr nicht mehr unversehrt existiert. Drei Viertel der Exponate aber stammen aus der Region, wie Museumschef Mühlenbrock betont. Und dabei geht es nicht nur um Belangloses oder Zersplittertes aus dem Boden der industriell überformten Landschaft. Herausragend der vergoldete Cappenberger »Barbarossa-Kopf«, der freilich nicht ausgegraben wurde. Aber dass »Aufruhr 1225« keine rein archäologische Schau ist, trägt zweifellos zu ihrer Lebendigkeit bei.

Eine große Karte auf dem Boden eines Ausstellungsraums zeigt, wo überall im Ruhrgebiet Burgen standen. Sie sind zum großen Teil nur mehr archäologisch dokumentiert. Einige existieren noch als Ruinen, an vielen Orten entstanden später Schlösser. Zwölf Burgen und Schlösser der Region ergänzen die Herner Schau mit eigenen kleinen Ausstellungen, darunter die Hattinger Isenburg. Und neben dem Museum entsteht eine begehbare »Motte« mit 25 Meter hohem Turm, eine typische Holz-Burg also, wie sie oft zur Keimzelle eines steinernen Bauwerks wurde. Bleibt hinzuzufügen, dass an Ruinen wie der Essener Isenburg auch immer wieder Ritter in freier Wildbahn zu erleben sind. Nicht ganz echt, aber dafür erschlagen sie auch niemanden, der ihre Kreise stört.

27. Feb. bis 28. Nov. 2010, LWL-Museum für Archäologie in Herne. Tel. 02323/94628-24. www.lwl.org/LWL/Kultur/Aufruhr/

Kulturgeschichte
03 / 2010

ERZBISCHOFS ENDE

Von: MARTIN KUHNA


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