»The Zoology of the Voyage of H.M.S. Beagle« hieß ein unter Charles Darwins Leitung 1838 bis 1842herausgegebenes mehrteiliges Werk, in dem die zoologischen Ergebnisse der Reise mit der H.M.S Beagle veröffentlichtwurden. Hier eine der nach Darwin benannten Arten, die Blattohrmaus Phyllotis darwini aus dem genannten Werk.  

»Gene können nicht egoistisch sein.«

Ein Gespräch mit dem Bio-Philosophen H.W. Ingensiep über das Wesen und die Grenzen des Darwinismus

Interview: Ulrich Deuter

//   Hans Werner Ingensiep, geboren 1953, ist promovierter Biologe, habilitierter Philosoph und Wissenschaftshistoriker an der Universität Duisburg-Essen. Zahlreiche Publikationen zur Philosophie der Biologie, zuletzt (mit Heike Baranzke) »Das Tier«, ein Kompendium der Tierphilosophie und Tierethik.   //

K.WEST: Wenn wir in diesem Jahr Darwin feiern, was feiern wir dann eigentlich?

INGENSIEP: Einen Kult! Für die Naturwissenschaftler ist Darwin Kult, eine Identifikationsfigur, die, wie Kopernikus oder Galilei, ein neues Weltbild eingeläutet hat. Dabei wird vergessen, dass auch Darwin Mitstreiter und Vorläufer hatte wie Lamarck oder sogar Empedokles. Er versammelte neues Wissen und verband die längst verbreitete Evolutionstheorie mit dem Gedanken der natürlichen Selektion. Daher war er nicht der Begründer der Evolutionstheorie, sondern der Selektionstheorie. Außerdem tut der Kult um das Genie Darwin so, als sei alles, was er gesagt hat, klar bewiesen. Was man so nicht behaupten kann. Naturwissenschaftler halten Darwins Theorie für wahr und empirisch, zumindest nicht widerlegt. Aber manche Geistes- oder Kulturwissenschaftler würden entgegnen, es sei Ideologie, die in die Natur hineinprojiziert wird. Beispielsweise eine Projektion des Kampfs ums Dasein im viktorianischen Kapitalismus auf die organische Natur, wie Marxisten meinten.

K.WEST: Die darwinischen Thesen haben sich zu einer Art Übertheorie entwickelt. Nicht nur die biologische Ausstattung des Menschen, auch seine Kultur wird mittlerweile durch Selektion, Mutation, Adaption zu erklären versucht. Wo liegen hier Ihrer Meinung nach die Grenzen?

INGENSIEP: Das Selektionsprinzip auf die kulturelle Entwicklung zu übertragen, halte ich für höchst problematisch. Schlicht und einfach, weil in der Kultur Neues entsteht, Ideen entstehen. Und diese Ideen leiten Menschen als Zielvorstellungen in bestimmte Richtungen. Dies alles unter selektionistischen Anpassungsbedingungen zu betrachten wäre Hyperselektionismus. Dass bei den Anfängen der Kultur – Stichwort Werkzeuggebrauch – die genetische Disposition eine Rolle spielt, sei unbestritten. Doch in dem Moment, wo Sprache, Kommunikation, soziale Interaktion etc. entstehen, folgt der Mensch nicht mehr bloß blindem Zufall.

K.WEST: Das heißt, der Mensch tritt ab einem bestimmten Punkt heraus aus der Evolution?

INGENSIEP: Ja, das kann man so sagen. Er ist ein emporgekommener Affe, der kreativ sein geistiges Potenzial nutzt. In welche Richtung das geht, ist offen.

K.WEST: Unbestritten hat sich das Gehirn evolutionär entwickelt, angepasst an den Mesokosmos, die Welt der mittleren Dimensionen, in der wir nun mal leben. Von daher spricht einiges dafür, dass auch all die Hervorbringungen dieses Gehirns Produkte der Evolution sind.

INGENSIEP: Das halte ich für Quatsch. Im Wörtchen »all« liegt der Fehler. Das Gehirn mag in seiner Disposition auf einen Mesokosmos ausgerichtet sein. Aber wieso haben wir den Mikrokosmos oder den Makrokosmos entdeckt? Dazu bedarf es neuer Ideen und kreativer Kombinationen. Wir sind eher minimal durch unser Gehirn angepasst, nicht optimal. Die neuen Ideen, die wir mit dem Gehirn produzieren, die sind nicht genetisch programmiert.

K.WEST: Wenn der Philosoph und Soziobiologe Eckart Voland behauptet, das Kant’sche Apriori sei eine evolutionär angepasste Gehirnfunktion, dann halten Sie das also für falsch?

INGENSIEP: Abgesehen, dass hier ein Missverständnis von Kant vorliegt, mag man behaupten, dass bis zu einer bestimmten Entwicklungsstufe, bis hin zum Neandertaler meinetwegen, das Gehirn gewisse Vorstellungen von Raum und Zeit und »Kausalität« gewonnen hat – wenn es blitzt, muss ich wegrennen. Aber darüber hinaus haben wir das Kausalprinzip erkannt, siehe Kant. Oder, dass es manchmal sinnvoll ist, mit diesem Prinzip zu arbeiten, manchmal nicht, etwa in der Quantenphysik. Das alles sind keine Anpassungserscheinungen im Sinne der Darwin’schen Evolution, sondern neue kulturelle Erfindungen. Nichts, was in den Genen liegt. Die Fähigkeit zu zählen vielleicht, aber nicht die Riemann’sche Theorie einer nichteuklidischen Geometrie.

K.WEST: Wenn die Evolution auch für die Menschwerdung gilt, stellt sich die Frage nach dem selektiven Nutzen der Ethik. Der wird von Einigen durchaus bejaht: Es gebe einen Vorteil für diejenige Population, deren Individuen »altruistisch« handeln.

INGENSIEP: So kann man denken, solange man von Emotionen spricht, die einen antreiben, moralisch zu handeln. Wenn ein Schimpanse ins Wasser springt, um ein Junges zu retten, dann lässt sich das sicher durch die Annahme von »altruistischen« Emotionen erklären, die in einer sozialen Gruppe die Bindung stärken.

K.WEST: Außerdem rettet ein solches Tier dadurch möglicherweise einen Teil seiner eigenen Gene.

INGENSIEP: Ja, soziobiologisch könnte ein solches Verhalten so erklärt werden. Aber auch nur, solange man von Emotionen spricht. Nicht mehr, wenn man von der Reflexion auf ein Prinzip spricht. Dass wir Weltbürger sind, die beispielsweise in der jetzigen Krisensituation reflektieren, was zu tun ist, das würde man wohl kaum soziobiologisch als evolutionär stabile Strategie, die die Fitness maximiert, interpretieren können. Sondern als Produkt vernünftiger Reflexion, nicht als Produkt eines Gens.

K.WEST: Im moralischen Sinne gut handeln wird im limbischen System mit Wohlbefinden belohnt. Könnte man nicht insofern doch von einer genetischen Veranlagung zur Moral im Menschen sprechen?

INGENSIEP: Wenn wir Ausdrücke wie Altruismus oder Egoismus von Genen benutzen, müssen wir uns dessen bewusst sein, dass es sich um Metaphern handelt, die wir an die Natur, an die Gene herantragen. Unabhängig von der Frage, was ein Gen ist – das zu definieren ist heute sehr schwierig geworden. Wenn der Darwinist Richard Dawkins also postuliert, der Mensch sei eine Maschine, welche durch »egoistische Gene« determiniert sei, sich selbst zu reproduzieren, dann ist das Blödsinn. Dann wird er zum Opfer seiner eigenen Metapher. Gene können nicht egoistisch sein, weil Egoismus das Wissen um die Bedeutung des Begriffs, seines Gegenteils usw. voraussetzt. Ähnlich albern ist die Behauptung der Existenz von Gottes-Genen.

Der Darwinfink Geospiza magnirostris aus »The Zoology of the Beagle«

K.WEST: Zur Auflockerung ein paar Quizfragen an den Biologen in Ihnen: Welchen evolutionären Vorteil hat es, dass uns der Duft von Rosen gefällt?

INGENSIEP: Für uns hat es keinen. Es mag aber sein, dass es für die Rosen einen Vorteil hat. Nämlich von uns so hochgezüchtet zu werden, dass ihre Gene heute weltweit verbreitet sind. Kein Restaurant ohne Rosenverkäufer! Dumm für die Rosen ist nur, dass sie dabei in eine totale Abhängigkeit vom Menschen geraten sind.

K.WEST: Warum hat die Evolution nicht das Glück hervorgebracht?

INGENSIEP: Oh, das stimmt ja gar nicht. Darwin war der Meinung, dass trotz allen Kampfes in der Natur das Glück überwiegt. Die positive Selbsteinstellung zu sich selbst, das heißt zu hoffen, dass man am Ende glücklich ist, das ist ein wesentlicher Antriebsfaktor.

K.WEST: Zurück an den Katheder: Darwin hat das Telos aus der biologischen Entwicklung getilgt. Welche Folgen hatte dies?

INGENSIEP: Das ist ein wichtiges Prinzip, durch das Darwin bis heute fruchtbar geblieben ist. Die Vorstellung einer aufsteigenden Hierarchie vom Anorganischen über Pflanze und Tier bis hin zum Menschen, diese vertikale Ordnung, die im abendländischen Denken seit 2.500 Jahren bestand, ist durch Darwin in eine horizontale, egalitäre Gemeinschaft umgewandelt worden. Nach Darwin kann daher der sogenannte Speziesismus keine Berechtigung mehr haben, also die Auffassung, dass eine Art – die unsere – den anderen Arten überlegen ist und über diese herrscht. Moderne Ethiker wie Peter Singer knüpfen daran weitreichende Forderungen: Alle empfindungsfähigen Wesen bilden eine Gemeinschaft, weil sie gleiche Interessen wie z. B. das Streben nach Leidfreiheit verfolgen. Daher sollen wir die Tiere in den ethischen Club aufnehmen.

K.WEST: Die Evolution kennt kein Ziel. Wie ist da die Tendenz zu immer komplexeren Organismen zu erklären?

INGENSIEP: Zuerst entsteht ein genetischer Baukasten, z. B. mit sogenannten Hox-Genen, mit denen Einfaches und Komplexes herzustellen ist, wie bei Lego-Steinen. Dann wird der Bausatz verdoppelt (ich kaufe einen zweiten Karton Legosteine) und neue Möglichkeiten eröffnen sich: Ich baue ein Körpersegment nach dem anderen wie beim Wurm, baue dann Stummelfüße an jedes Segment zur Fortbewegung, modifiziere ein Segment am Vorderpol zu Antennen usw. (ich baue multifunktional mit denselben Lego-Steinen etwas Anderes, Komplexeres). Nach und nach entsteht so eine segmentierte, zweiseitige, symmetrische Schlauchkonstruktion – ein Trick, mit dem wir Tiere groß geworden sind. Der »Stummelfüßer« könnte auch erklären, warum im Kambrium die Vielfalt der Tierweltbaupläne praktisch ohne Vorformen in relativ kurzer Zeit entstand. Die Wissenschaft, die sich neuerdings mit der Beziehung zwischen Genetik und Evo-lution befasst, heißt Evo Devo (Evolutionary Development Biology).

K.WEST: Es gibt also doch eine Richtung, die hin zur Komplexität?

INGENSIEP: Komplexität ja, aber was heißt hier Richtung? Richtung qua Ziel entsteht erst, wenn wir einen Endpunkt als absoluten Maßstab ansetzen. Der Baukasten weiß aber nicht, wohin er baut, ist kein planender Ingenieur, sondern mehr ein wilder Bastler.

K.WEST: Waltet denn da eine gewisse binnenlogische Notwendigkeit?

INGENSIEP: Ja, insofern ein Baukasten nur mit dem arbeiten kann, was er hat. Ich kann die Legosteine nicht falsch montieren. Richtig zusammengesetzt, bilden sie funktionsfähige Segmente, eins hinter dem anderen wie beim Wurm. Dieses Prinzip führt zum nächsten Punkt. Wenn ich etwas fressen will, muss ich mich auf etwas zu bewegen. Wenn ich das tue, benötige ich Sinnesorgane, und zwar vorn am Nahrungspol, wo ich die Beute hineinstecke. Der wird also als Sinnespol zur Umweltbeobachtungszentrale ausgebaut und viel später zu unserem Kommunikationspol, der Basis von Subjektivität. So betrachtet sind wir aufrecht gehende Würmer, die einstige Fortbewegungsorgane zu werkelnden Händen umfunktioniert haben.

Buchempfehlungen: Ernst Peter Fischer: Der kleine Darwin. Alles, was man über Evolution wissen sollte; München 2009. Sean B. Carroll: Evo Devo. Das neue Bild der Evolution; Berlin 2008

Kulturgeschichte
03 / 2009

»Gene können nicht egoistisch sein.«


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