Wohn- und Geschäftsblock Bebelstraße in Herne (1926-28). Foto: Cornelia Suhan

KOMMA REIN!

Der typische Ruhrgebiets-Mensch wohnt in einer alten Zechensiedlung. Oder in einer Wohnmaschine aus den 70ern. Beides ist Klischee. Beides stimmt. Und trotzdem gibt’s im Revier auch ganz andere Habitate: Das 2010-Projekt »Route der Wohnkultur« lädt ein, 58 ausgewählte Objekte zu besichtigen – samt ihrer Bewohner.

TEXT: MARTIN KUHNA

Per Zufall entdeckt wohl kaum jemand das Haus von Harry Lausch – es sei denn, man kommt mit der Eisenbahn von Süden, vom Sauerland her nach Dortmund. Dann tauchen rechts plötzlich diese drei Häuser auf: Sehr rot das eine, sehr blau das zweite, backsteinverkleidet das dritte. Allesamt sehr modern und sehr nah an den Bahngleisen und den umliegenden Industriebauten. Ehe man richtig hingeschaut hat, ist man auch schon dran vorbeigerollt. Und fragt sich, wo bitte in Dortmund denn das eben war – diese Fata Morgana.

Die »Route der Wohnkultur« löst das Rätsel: Die Häuser liegen am Leierweg, eine von Nord nach Süd verlaufende Wohnstraße, zwischen der ehemaligen Zeche Tremonia und der Bahnstrecke samt aufgelassenem Güterbahnhof. Jah-relang nicht eben eine präsentable Adresse, aber spannendes Terrain für den Stadtplaner Harry Lausch. Am nördlichen Ende der Straße fand er erstens ein abgeräumtes Grundstück, und er fand zweitens, so ziemlich als einziger: Da könnte man bauen. Zwar kommt ein aktives Anschlussgleis zum ehemaligen Hoesch-Gelände dem schmalen Stück wirklich sehr nahe, aber Lausch hat eine Schwäche für Eisenbahnen – und erst recht für den freien Blick nach Westen, auf das birkenbewachsene Güterbahnhofs-Gelände.

So baute er sich allmählich dort sein selbstentworfenes Traumhaus, das mit der Ziegelver-kleidung, dem Pultdach und den üppigen Glas-flächen. Nebenan wohnt die Fotografin Cornelia Suhan, die Lausch für dieses Abenteuer hatte gewinnen können. Sie ließ sich das blaue Haus entwerfen, mit Formen, die an eine klassische Leica-Kamera erinnern sollen. Ein weiterer Bauherr fügte dann das rote Haus hinzu. Die Häuser Lausch und Suhan, Leierweg 3 und 5, zählen jetzt zur »Route der Wohnkultur«, als Nummer 16 der 58 großformatigen Info-Karten, die Interessierte als schickes Set kostenlos bei den Projektmachern bestellen können. Auf eigene Faust sowie im Rahmen geführter Bustouren kann man die Häuser bewundern – von außen. Wer da einfach mal Sturm schellt, tut das auf eigene Gefahr. Von August bis Oktober aber zählt bei einigen Touren ein Besuch dazu.

Die drei am Leierweg sind nicht die einzigen Einfamilienhäuser der Wohn-Tour. In Hagen, Hattingen und Essen sind drei weitere moderne Häuser zu besichtigen, in Hagen außerdem die Jugendstil-Häuser Karl Ernst Osthaus’ und Jan Thorn Prikkers. Bottrop steuert die üppige Unternehmervilla »Dickmann« bei und das ziegelexpressionistische Wohn- und Kanzleihaus eines Rechtsanwalts, gestaltet vom Gelsenkirchener Architekten Josef Franke. Die meisten Menschen aber wohnen natürlich, nicht nur im Ruhrgebiet, ganz anders. Und so haben Architekten, Stadtplaner und Wohnungswirtschafter für die »Wohn-Route« vor allem Siedlungen ausgewählt.

Darunter sind Klassiker wie Eisenheim in Oberhausen, Teutoburgia in Herne, die Margarethenhöhe in Essen – und Fürst Hardenberg in Dortmund. Diese Gartenstadt der 20er Jahre bietet nach der Renovierung in den 90ern zwar ein vergleichsweise schlichtes Bild, scheint aber ein besonderes Beispiel für gute Nachbarschaft zu sein. Den Eindruck gewinnt, wer mit Peter Beuchel durch die Siedlung geht. Der ehemalige Schriftsetzer, vor Jahren als erster Nicht-Bergmann eingezogen, ist heute Vorsitzender der Mietervereinigung. Er erinnert daran, dass die Siedlung einst zwischen die Zechen »Fürst Hardenberg« und »Minister Stein« gezwängt wurde und dass viele ihrer Bewohner früher auch tief unter den Häuschen malocht haben. Er erzählt vom Zusammenhalt der Mieter – man glaubt es ihm gern, da er alle paar Schritte mit irgendwem per Du ins Gespräch kommt.

In der Hardenberg-Siedlung halten sich im Sommer gleich mehrere Mieter für fremde Besucher breit – so wie Holger Rietz, der nur einmal tief Luft holt, als bei der Testreise eine große Journalistengruppe Einlass begehrt und sein Häuschen in Minuten füllt – vom Wohnzimmer bis zum puppenhaften Dachgeschoss mit der Miniatureisenbahn. Solche Momente sind es sicher auch, die dem Tour-Projekt schon zahlreiche Vorab-Buchungen eingetragen haben. Man ist halt doch neugierig, wie’s bei anderen Leuten so ausschaut – nicht anders als beim 2010-Projekt mit Lichtkunst in privaten Wohnungen. Zum Glück für gastfreie Menschen wie Holger Rietz werden die Besucher im Sommer nicht scharenweise auftreten wie die Journalisten, sondern in kleinen Gruppen.

Architektonisch womöglich noch interessanter als die klassischen Siedlungen sind einige Wohnblöcke im Stil der neuen Sachlichkeit: der Kaiserblock in Dortmund, der Wohnblock Bebelstraße in Herne, die Vittinghoff-Siedlung in Gelsenkirchen, die Ratingsee-Siedlung und das Bauhaus-Karree in Duisburg zählen zur Tour. Man nimmt sie sonst oft erst auf den zweiten Blick wahr, dann aber mit Staunen. Wie es im Innern dieser Wohnburgen aussieht, das möchte man dann allerdings gern wissen.

Knapp 20 Objekte sind moderne Siedlungen – als Ergänzungen zu alten, als komplette Neuanlagen, mitten in der Stadt oder auf ehemaligen Industriebrachen. Niedrigenergie, ökologisches Bauen, seniorengerechtes und generationenübergreifendes Wohnen, Urbanität sind dabei die vorherrschenden Themen. Wohnungen von Frauen für Frauen in Bergkamen zählen dazu, Wohnungen in einer Mülheimer Kaserne, und drei Objekte am schicken Duisburger Innenhafen.

Mutig und lobenswert, dass die Projektautoren auch fünf der gefürchteten Massensiedlungen aus den 60er und 70er Jahren ins Programm aufgenommen haben. Alle fünf Objekte wurden oder werden modernisiert, aufgewertet, um- und zum Teil auch »rückgebaut«. So kann man am »Schillerpark« in Oer-Erkenschwick ablesen, wie das geht: Hochhäuser auf fünf Geschosse und menschliches Maß reduzieren. In Dortmund dagegen zählt eine Mietmaschine zur Tour, die ihre 15 Geschosse behalten durfte und von der Wohnungsgesellschaft dennoch ansehnlich aufbereitet wurde – im Gegensatz zum ursprünglich identischen Nachbarn, der nach gescheiterter Privatisierung zum leerstehenden »Horrorhaus« wurde.

Natürlich gibt es bei dieser Ruhr-Tour als Zuckerle auch einige umgenutzte Industrie- und Behördenhäuser: eine alte Schule mit Seniorenwohnungen in Hamm zum Beispiel, die alte Maschinenhalle der Zeche Hasenwinkel in Bochum, die ehemalige Mühle am Hattinger Ruhrufer, die prächtige Doppel-Malakoff-Anlage »Holland« in Gelsenkirchen, das alte Essener Finanzamt als »Beginenhof«, das ehemalige Mülheimer Stadtbad, ein Wasserturm in Oberhausen und – unser Favorit – der ganz neu bezogene Wohnturm der Friedrich-Ebert-Brücke in Duisburg-Ruhrort.

Wer auf eigene Faust zu den 58 Objekten fährt, hat sicher in vieler Hinsicht mehr davon. Andererseits: Wenn man dann dreist den Klingelknopf drückt, ist ein freundlicher Empfang keineswegs garantiert. Wer neugierig ist, aber nicht rausgeschmissen werden will wie der GEZ-Mann, sollte sich doch nach den geführten Bus- und Wandertouren erkundigen. Dann sind die Chancen größer, vier schöne Worte zu hören: »Kommen Sie doch rein!«  

Bis 31. Okt. 2010. www.routederwohnkultur.de

Kulturgeschichte
04 / 2010

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