Drucksichere Bunkertür. Foto: Jörg Diester

Duschraum. Foto: Jörg Diester

Schlafkammer des Präsidenten mit Originalbettwäsche. Foto: K.WEST

Eingang zum Bunker. Foto: K.WEST

UNTER DEM PFLASTER

Und wieder gibt der Boden der Eifel ein Monument des Kalten Krieges frei: den Atomkriegsbunker der Landeszentralbank in Mechernich. Ein Realitätsverlust aus Beton, versteckt unter einer Schule.

 

TEXT: ULRICH DEUTER

Friedlich duckt sich das Dörfchen Satzvey ins sanfte Tal zwischen Euskirchen im Nordosten und Mechernich im Südwesten, spitz ragt der Kirchturm. Im Dorf selbst keine Menschenseele; Mittagszeit, Pans Stunde. Da kracht durch den blauen Frühlingshimmel ein Militärjet – selten gewordenes Echogrollen einer Zeit, als fast die ganze Welt in Kampfpose erstarrt war. Wie lang ist das her! Wie vergessen! Am Dorfrand von Satzvey liegt die Förder-»Schule am Feybach«, Mitte der 1960er Jahre als Mittelpunktschule gebaut, eine zeittypische architektonische Banalität aus Waschbeton. Den Schulhof der L-förmigen Anlage schließt an der offenen Seite ein harmloses Gebäude von Doppelgaragenmaß, darin eine einfache blaue Metalltür. Herr Kern vom Ordnungsamt der Stadt Mechernich, zu dem Satzvey gehört, hat den Schlüssel. Er schließt auf. Und auf einmal ist wieder da, woran der Jet, als sei er extra geschickt worden, donnernd erinnerte: der Kalte Krieg.

Jahrzehntelang, bis in den 1980er Jahren die Abrüstungsbemühungen Oberhand gewannen, ging man in Ost und West von der hohen Wahrscheinlichkeit eines Konflikts zwischen den Blöcken aus, der atomar eskalieren würde. Deutschland, so viel war klar, wäre das Schlachtfeld eines solchen Krieges. Es ist noch immer die Logik der Mächtigen gewesen, seien es Regierungen, Militärs oder Banker, sich das völlige Versagen und Ende ihrer Systeme nicht vorstellen zu können. Also empfehlen die bundesdeutschen Zivilschutzbroschüren in den 50er Jahren dem gemeinen Mann, sobald er des Atomblitzes ansichtig würde, den Kopf mit der Aktentasche zu bedecken. Während die Bundesregierung für sich selbst und das Notparlament 1960 den Geheimauftrag zum Bau eines gewaltigen Bunkers unter dem Kuxberg in der Eifel bei Ahrweiler erteilt.

Der »Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes im Krisen- und Verteidigungsfall« bleibt nicht die einzige Elitenschutzanlage – nicht einmal die einzige im Eifelumfeld. 1962 initiiert die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen bei Urft die Errichtung einer Bunkers für sich und die Ihren. Und vier Jahre später nutzt die Landeszentralbank NRW den geplanten Bau einer neuen Schule im Dörfchen Satzvey als Gelegenheit, sich unbemerkt von der Öffentlichkeit und den Augen des Feindes eine Überlebenskapsel unter der Erde zuzulegen. Als Heizungskeller getarnt.

Steil geht es hinter der blauen Metalltür hinab in die Tiefe, kalte Moderluft lässt den Frühsommertag draußen vergessen. Am Fuß der Treppe steht eine gewaltige Panzertür halb offen, sie ist gasdicht verschließbar und fähig, einem Explosionsdruck von zehn Tonnen standzuhalten. Dahinter beginnt der Bunker für die Spitzenbanker der LZB im »V-Fall« – für sie und ihr Geld. Denn schon damals galt: Das Bankwesen muss auf jeden Fall gerettet werden. Gut 100 Personen hätten hier, während auf Bonn und Köln Atombomben fielen, maximal 40 Tage überlebt. In 117 Räumen, verteilt auf zwei unterirdische Ebenen von je 982 Quadratmetern Fläche, fernmeldetechnisch vernetzt und von Dieselaggregaten mit Strom und ABC-gefilterter Luft versorgt.

Dekontaminierung wäre auch für jeden aus Düsseldorf Herangeflohenen das Erste gewesen, gleich hinter der Eingangstür liegt die Schleuse. Ein Arzt, eine Schwester sind anwesend, der Ankömmling wird abgespritzt, atomar verseuchte Kleidung wird zur späteren Vernichtung verstaut. Architektur und Einrichtung aller Räume und Gänge sind nüchtern funktional: abgehängte Decken, um Leitungen und Lüftungen zu verbergen; die Zwischenwände aus Metall, die tragenden aus Beton, der bis zu einem Meter dick ist. Es herrscht eine Atmosphäre wie auf einem großen Schiff. Dazu passt, dass fast alles, von den Generatoren bis zu den Betten, einzeln federnd gelagert ist, um ein explosionsbedingtes Schwanken des gesamten Baukörpers, der seinerseits auf einem Kiesbett schwimmt, abzudämpfen. Im 1. UG liegen Schlaf-, Ess- und Aufenthaltsräume, letztere warten in kleinen Wandregalen mit Büchern sowie Brett- und Kartenspielen auf. Die Lebensmittelbevorratung kalkuliert ein, dass, wer wenig zu tun hat, aus Langeweile Hunger bekommt: die »Manipulationsreserve« beträgt 20 Prozent. Zwar ist damals der Bankier an sich männlich, doch benötigt die Leitung des Finanzwesens eines Staates – wurscht, ob es ihn noch gibt – einige Stenotyp- und Telefonistinnen, was nicht nur Damentoiletten erforderlich macht, sondern auch die Frage nach dem Wohin mit weiblichem Zellstoff aufwirft. In der Großküche übernimmt eine Maschine die Zerkleinerung organischer Substanzen, die danach in die Kanalisation gespült werden, an die der Bunker angeschlossen ist. Konservendosen werden von einer anderen Maschine gepresst und in einem Nebenraum gelagert. Damenbinden aber hätten die Toiletten verstopft, ein im Kriegsfall nicht hinnehmbarer Umstand. Die Lösung ist ein automatisches Bindenkrematorium: In dessen obere Schublade werden die »hygienischen Binden« eingeworfen, nach der Schubladenschließung startet die Verbrennung, die untere Lade nimmt die Asche auf. Warum dieses Bravourstück deutschen Ingenieursgeistes nie Marktreife gewann, ist rätselhaft.

Der einzige Luxus, der hier unten ausgeteilt wird, ist der, im Fall der Fälle vier Wochen länger zu leben als die andern. Ansonsten wäscht man sich mit Brauchwasser und schläft zu anderthalb Dutzend in Stockbetten, nur der Präsident der Bank hat eine Einzelkammer – direkt neben dem Notausstieg. Gearbeitet wird ein Stockwerk tiefer, wo auch der Tresor sich befindet: Hier lagerte vielleicht Gold, sicherlich aber in gewaltigen Mengen die D-Mark-Ersatzwährung, die im Kriegsfall die damals gültigen Scheine abgelöst hätte. Hatte man doch – berechtigte – Angst vor einer Destabilisierung des westdeutschen Finanzwesens durch im Ostblock gedrucktes Falschgeld. Die Tresortür aber ist verschlossen; niemand weiß, sagt Herr Kern, ob es noch die Schlüssel gibt und was sich dahinter befindet.

Denn während etwa der Bunker der Landesregierung noch weitgehend den Zustand von 1965 aufweist, samt Toilettenpapiergroßkontingent und klobigem WDR-Studio, ist in Satzvey das Meiste der Einrichtung fort: verkauft, gestohlen, kaputt gemacht. Mit unglaublichem Einsatz hat sich ein privater Verein (mit Unterstützung durch die Bunker-Dokumentationsstätte Ahrweiler) darum gekümmert, die Stätte zu säubern, wo es ging instand zu setzen und für eine begrenzte Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Historische und technische Hintergründe wurden in den Archiven der Stadt Mechernich oder der Bundesbank recherchiert.

In technisch-organisatorischer Hinsicht ist der Satzveyer Bunker eine Meisterleistung. Politisch-psychologisch betrachtet ist er eher Ausdruck eines gewaltigen Realitätsverlustes. Denn was hätten die 100 Banker, nach 40 Tagen Atomkrieg aus der Tiefe krabbelnd, noch zu verwalten gehabt?

Es ist anzunehmen, dass sich die Spitzenpolitiker und -funktionäre jener Zeit diesen Gedanken systematisch verboten; selbst nachdem klar war, dass der Bundesregierungsbunker in Ahrweiler von einer der kleineren Nuklearwaffen pulverisiert worden wäre, wurde er weiterbetrieben. Kompetenzillusion nennt man das in der Verhaltenspsychologie. Den Planern und Machern vor (nur!) 50 Jahren war das alles aber äußerst ernst. Sie vertuschten Bau und Existenz meisterhaft: In den Plänen wurde die Satzveyer Anlage »Sonderbauwerk Steinfurt« genannt, ein Ort, den es in der Eifel nicht gibt. Die Baustelle war hoch eingezäunt und gut bewacht, das Richtfest feierte man am 25. Januar 1968 im 15 Kilometer entfernten Bad Münstereifel. Im Kataster stand »Schule«, Eigentümer war von Anfang an die Gemeinde, die LZB zahlte (ca. 10 Millionen DM), aber kam in keiner Akte vor. Zu den »Belegungsversuchen« (Funktionstests) schlichen sich Bank-Angestellte in den Bunker ein und spielten ein paar Tage lang Ernstfall. Dabei waren die dieselgetriebenen Generatoren so gut schallisoliert, ihre Abgasrohre so perfekt hinter einer hübschen Wand hinter dem Basketballkorb auf dem Schulhof versteckt, dass die gesamte Existenz des Bunkers bis zu seiner Offenlegung 1991 unbekannt blieb: nicht nur ganzen Generationen von Schülern und Lehrern. Sondern auch NVA und Stasi – wie man heute weiß. Nur der Hausmeister, der wusste Bescheid.

 

Nächster öff. Besichtigungstermin 8. + 9. September 2012, 10 bis 18 Uhr. Gruppenbesichtigungen nach Absprach. Tel.: 02443/494411. http://bunker-doku.de/

 

Kulturgeschichte
07 / 2012

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Von: ULRICH DEUTER


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