Von Tobias Rehberger gestalteter Altar in der Berger Kirche. Foto: Axel Kukulies

UNTER ENGELN

Künstler von Weltrang entwerfen für ihre Kirchen Altäre und Skulpturen, gestalten Altersheime und Obdachlosenunterkünfte – in der Düsseldorfer Diakonie gehören Kunst und Design zu einer würdevollen Umgebung. Ein Rundgang mit Diakonie-Chef und Kunstfan Thorsten Nolting.

 

TEXT: INGO JUKNAT

»Manchmal wirkt er auch ein bisschen bedrohlich«, gibt Thorsten Nolting zu. Über seinem Kopf schweben 300 Kilo Metall, gehalten von zwei Stahlseilen, die man schon in dickeren Ausführungen gesehen hat. Wir befinden uns in der neuen Diakonie-Kirche in Flingern, die Metallskulptur stammt vom Künstler Thomas Schütte. Es ist ein Engel mit gefalteten Flügeln. Dass er wie eine Origami-Figur aussieht, ist kein Zufall. Die Inspiration stammt von Schüttes Tochter, sie hatte ihm zu Weihnachten einen Papierengel geschenkt. Vier Versionen der Skulptur hat der Künstler erschaffen, in Flingern hängt der Prototyp.

Vor ein paar Jahren hat Schütte den Goldenen Löwen der Biennale erhalten. Seine Skulpturen erzielen auf dem Markt Preise von bis zu 200.000 Euro. Den Engel hat er Thorsten Nolting geschenkt. Die beiden sind befreundet, über das Projekt haben sie über 15 Jahre immer mal wieder gesprochen. Schütte ist nur einer von diversen Kunststars, deren Werke in den Räumen der Düsseldorfer Diakonie hängen. Oder besser: die Teil von ihnen sind. Nolting geht es nicht um Dekoration oder l’art pour l’art, sondern um eine reale Verbindung zum Ort.

Ein gutes Beispiel ist die Berger Kirche in der Düsseldorfer Altstadt. Für die Neugestaltung des Innenraums konnte Nolting den Frankfurter Kunstprofessor Tobias Rehberger gewinnen. Der stattete die Kirche aus dem 17. Jahrhundert mit einem leuchtenden Altar aus, der per Standleitung mit drei Düsseldorfer Kirchen verbunden ist – einer evangelischen, einer katholischen und einer griechisch-orthodoxen. Die Lichtintensität richtet sich nach dem Geräuschpegel in den vernetzten Gotteshäusern. Ökumenische Verbindung, einmal anders.

Eine eigene Gemeinde hat die Berger Kirche seit langem nicht mehr. Weil sie frei war, hat Nolting sie zum Versuchsraum gemacht – zur Schnittstelle zwischen Kirche und Stadt. Elf Jahre lang diente sie als »Labor für soziale und ästhetische Entwicklung«. Hier organisierte Nolting, was man »Happenings mit Botschaft« nennen könnte. Er ließ Neugierige in der Berger Kirche übernachten, lud zur »Armensuppe für alle« und zu Experimenten wie »24 Stunden Nächstenliebe«. Außergewöhnlich waren auch die Konzerte auf dem »OR/BIT«, einer weltweit einzigartigen, bewegungsgesteuerten Orgel, die speziell für die Berger Kirche entworfen und von Rehberger gestaltet wurde.

Im Zentrum der Altstadt konfrontierte Nolting die Düsseldorfer mit manch unbequemer Wahrheit. Nicht alle Experimente stießen auf Gegenliebe. Die Einladung zur Armensuppe für alle, zum Beispiel. Manche Passanten fühlten sich von dem Angebot regelrecht beleidigt. »Sehe ich so aus?«, war eine der Reaktionen. Ähnlich lief es in der Tagesstätte »Shelter« auf der Ratinger Straße. Dort wollten Nolting und der Konzeptkünstler Mischa Kuball gemeinsam mit den Obdachlosen kochen. Die Aktion sollte die Gäste aus ihrer Passivität herausholen. Der Erfolg hielt sich in Grenzen. »Letztendlich standen dann 50 Leute im Shelter, die sich anguckten, wie Mischa mit drei oder vier anderen kochte. Sie haben sich unglaublich aufgeregt, weil das Essen noch nicht fertig war.« Das Scheitern solcher Angebote verbrämt Nolting nicht: »Die sich hier offenbarende Anspruchshaltung von Obdachlosen zeigt doch etwas über unsere Gesellschaft, finde ich.«

Es ist Noltings Stärke, solche Reaktionen nicht als Rückschläge zu begreifen. An seiner Mission, soziale Räume würdevoll zu gestalten und von ihrem Mitleidsimage zu befreien, hält er fest. Armutsromantik oder eat-the-rich-Attitüde sind ihm dabei gleichermaßen fremd. »Ich bin nicht der Meinung, dass Banker sich nach unten orientieren und in der Holzklasse sitzen müssen«, sagt Nolting, »mir geht es eher darum, Tagesstätten wie den Shelter aufzuwerten.«

Kunst und Design spielen dabei eine wichtige Rolle. Ihre Wirkung kann man in fast allen sozialen Räumen der Diakonie nachvollziehen. Jüngere Beispiele sind die renovierte Bahnhofsmission (in gemeinsamer Trägerschaft mit einem katholischen Verband) oder das »Drrüsch« auf dem Diakonie-Gelände – ein helles, ausgesprochen schön designtes Café. Hier arbeiten ausschließlich trockene Alkoholiker, was man wissen kann, aber nicht muss. Für die Mitarbeiter ist das Drrüsch eine Integrationsmaßnahme, für die Gäste einfach ein gutes Café.

Auch sonst sind Design und Kunst in der Diakonie kein Selbstzweck. Das war schon bei Noltings erster Kunstaktion so. Unter dem Titel »Eine bauliche Veränderung zur Erhebung der Herzen« hatte die Künstlerin Sigrid Lange eine Rampe in die Johanneskirche eingebaut. Noltings Gemeinde saß nun auf ansteigenden Rängen, wie im Kino. Die Idee war, das Gotteshaus aus einer anderen – buchstäblich höheren – Perspektive zu sehen. Und das war nur der Anfang. Seitdem haben Hans-Peter Feldmann, Mischa Kuball und andere Künstler die Johanneskirche in ihre Arbeiten einbezogen.

Bleibt die Frage, was weltliche Künstler eigentlich dazu bringt, Kirchen mitzugestalten. Muss er da keine Hemmschwellen überwinden? »Es kommt darauf an, dass die Situation für den Künstler stimmt und zu ihm passt«, erklärt Nolting. »Ich würde nicht zu Thomas Schütte gehen und ihm sagen: Bitte mach mir ein Jesuskreuz. Das würde so nicht funktionieren.« Manche Künstler hätten sich aus persönlichen Gründen mit der Kirche beschäftigt, erzählt Nolting. Bei Tobias Rehberger ist daraus ein leuchtender Altar geworden, bei Hans-Peter Feldmann eine Fotoserie, bei Mischa Kuball ein Kirchenfenster mit austauschbaren Mosaiken.

Und auf der anderen Seite? Wie geht seine Gemeinde, wie geht die Diakonie, mit der modernen – und vielleicht fremden – Kunst um? »Bei der Rampe in der Johanneskirche wurde die Gemeinde schon irgendwann nervös«, gibt Nolting zu. »Die haben sich gefragt: ›Wann kommt das wieder weg?‹« Generell werde die Kunst aber wohlwollend aufgenommen. Das liegt auch daran, dass die Zielgruppen in den künstlerischen Prozess teilweise eingebunden sind. Im neuen Altersheim am Diakonie-Platz etwa. In den Gängen hängen Bilder der Künstlerin Eva Schwab. Es sind alte Familienfotos aus den 60er Jahren, die Schwab abgemalt hat. Beim Rundgang zeigt Nolting auf das schwarzweiße Gemälde eines Mannes mit Pfeife. »Das ist der Ehemann einer Bewohnerin. Ursprünglich hing das Bild in ihrem Zimmer. Aber dann hat sie es in den Gang gehängt – damit er draußen rauchen kann.«

Noltings Konzept von Kunst und Kunstaktionen macht inzwischen Schule. Demnächst reist er zum Kulturkirchen-Kongress nach München. Dort wird er die »24 Stunden Nächstenliebe« aus der Berger Kirche wiederholen. Ob er für solche Aktionen demnächst noch Zeit hat, wird sich zeigen. Seine Diakonie wächst und wächst. Jüngst hat sie 26 Schulen und Kitas von den Gemeinden übernommen. Und mit ihnen 3.000 Kinder. 2.100 Menschen arbeiten hauptamtlich für die Diakonie – in der Jugendarbeit, Altenpflege, Suchtprävention, in Kitas, Schulen und Kirchen. Sie alle muss Nolting irgendwie koordinieren, ohne den Anschluss zu verlieren. Möglich, dass die Kunst im Tagesgeschäft erst mal zurücktreten muss. Obwohl sie in der Diakonie fast zum Tagesgeschäft gehört.

www.diakonie-duesseldorf.de

Kulturgeschichte
03 / 2012

UNTER ENGELN

Von: INGO JUKNAT


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