Der auf den ersten Blick nutzlose Überfluss der Schwanzfedern männlicher Pfauen signalisiert dem Weibchen unmissverständlich die körperliche Gesundheit des Probanden. Ist dies der evolutionsgeschichtliche Anfang menschlicher Kultur? Foto Thomas-Max-Müller/pixelio.de

Verkeilte Elche

Zwei Ausstellungen zum Darwin-Jahr in Bonn

 

//   Es gibt wohl kaum einen aufgeklärten Menschen, der daran zweifelt, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Obwohl der Augenschein diese Himmelsmechanik keineswegs bewahrheitet – eher das Gegenteil.

Die Evolutionstheorie nach Darwin jedoch, obwohl sie einen wissenschaftlich ähnlich unangefochtenen, nur eben nicht durch Alltagsbeobachtung »beweisbaren« Status besitzt, muss es sich immer noch gefallen lassen, vom breiten Publikum mit Skepsis bedacht, von gebildeten Leuten in Teilen bespöttelt und von religiösen Kreisen rundheraus in Frage gestellt zu werden: In den USA sind Kreationismus und »Intelligent Design« im Vormarsch. Und dies 150 Jahre nach der »Entstehung der Arten« (»On the Origin of Species by Means of Natural Selection …«, London 1859), 200 Jahre nach der Geburt Charles Darwins im englischen Shrewsbury am 12. Februar 1809 – eines Gelehrten, der so wie wenig andere das Denken der Moderne revolutioniert hat.

Kränkt es die Leute, dass die darwinische Lehre dem Menschen die Krone der Schöpfung vom Kopf nahm? Denn die Evolutionstheorie kennt ja nur Zufall und Selektion, kein Niedriger und Höher, kein Ziel. Stoßen sich Gläubige daran, dass in der Bibel von Gottes Schöpfertum und nicht von Entstehung und Untergang der Arten die Rede ist? Aber in der Bibel steht auch nichts von Planetengesetzen. Tatsache ist jedenfalls, dass das Denken in Kausalzusammenhängen und das Unterstellen von Absichten uns im Alltag äußerst erfolgreich agieren lässt – das hat die Evolution bei Homo sapiens so eingerichtet, die sich nicht darum scherte, ob es beide Kategorien »wirklich gibt«. Hauptsache, es funktionierte. Und das tut es. Weswegen die Alltagserfahrung Darwin nicht traut: Linsenaugen, Pfauenfedern, das Gehirn des Menschen – das soll alles nur Zufall sein?

Im Darwin-Jahr 2009 könnte dies anders werden, vielleicht lassen sich ein paar mehr Zeitgenossen darauf ein, etwas von oder über Darwin zu erfahren, und verschaffen sich damit den Genuss, zum Wunder des Lebens noch das Wunder eines perfekt funktionierenden Lebensprinzips beschert zu bekommen. Die Gelegenheit dazu ist maximal günstig, deutschlandweit vermehren sich Darwin-Ausstellungen, Darwin-Vortragsreihen und Darwin-Buchveröffentlichungen so rasant wie weiland das Leben im Kambrium. In Nordrhein-Westfalen scheinen die Umweltbedingungen etwas widriger zu sein, das Neanderthal-Museum Mettmann sowie das LVR-LandesMuseum Bonn präsentieren lediglich Einzelaspekte zur Evolutionsforschung, die eine oder andere Uni renommiert mit Ringvorlesungen und Tagungen. Nur das Zoologische Forschungsmuseum Alexander Koenig in Bonn wagt sich an eine Übersichtsschau zur darwinischen Theorie, assistiert  vom Goldfuß-Museum im Institut für Paläontologie der Universität.

Die Wirkkräfte, die laut Darwin die ungeheure Vielfalt des Lebens hervorbringen – Zahl der derzeit wissenschaftlich erfassten Tierarten: 1,7 Millionen –, sind im Kern simpel: Eine zufällige Änderungen in der Ausstattung eines Lebewesens pflanzt sich fort, sofern sie im Ringen um die knappe Ressource Nahrung oder Sexualpartner einen Vorteil mit sich bringt – und vererbbar ist. Wenn nicht, geht sie unter – aus rein logischen Gründen. Was nicht vererbbar ist, wird nicht vererbt; und was Nachteil bringt, auch nicht, weil dann die Zahl der Nachkommen klein bleibt. Das ist schon im Kern die ganze Selektion.

Diese wirkt einerseits umweltbedingt (»natürlich«), andererseits sexuell – was die Sonderausstellung im Obergeschoss des Museums Koenig im ersten Fall anhand von (ausgestopften) Geiern oder (lebenden) Stabheuschrecken, im zweiten anhand von Elchen oder Paradiesvögeln anschaulich macht. Geier haben sich beim Aasfressen spezialisiert – die eine Art frisst eher Weiches, die andere kann Knochen knacken usw. Richtiger gesagt: Ein etwa zufällig entstandener dickerer Schnabel verschaffte seinem Besitzer gegenüber den Nahrungskonkurrenten einen Vorteil, weil er jetzt besser als diese Hartes zerkleinern konnte. Dieses Merkmal gab er an seine Nachkommen weiter. Und weil ihn sein zufälliger Vorteil stark machte, hatte er besonders viele davon. Irgendwann wurde aus den mutierten Geiern eine neue Art. Und die Heuschrecke, die zufällig fast so aussah wie ein Ästchen, hatte dito einen Selektionsvorteil, den sie weitervererbte.

Im Prinzip dasselbe geht bei der sexuellen Selektion vor sich: Wenn der Elchbulle mit dem größeren Geweih seinem Rivalen über ist und deshalb die Kühe decken darf, vererbt sich notwendigerweise die Anlage zur Megaschaufel. Aber auch nicht unbedingt, wie das ineinander verkeilte Schädel-Schaufel-Gewirr in der Ausstellung zeigt, das vom innigen Ende zweier hypertropher Rivalen kündet. Survival of the fittest heißt eben nicht Überleben des Großprotzes, sondern dessen, der in einer ganz konkreten Situation am besten zurecht kommt. Das kann auch der sein, der reinen Überschuss produziert wie das Paradiesvogelmännchen mit seinem überladenen Gefieder. Außerdem beweisen »teure Signale« wie Pfauenräder die Gesundheit des Trägers – manche Soziobiologen sehen hier den evolutionären Auslöser für menschliche Kultur.

So werden die wichtigsten Prinzipien der Evolution in Bonn anschaulich, doch dies immer nur als Ergebnis. Die Darwin’sche Lehre aber bringt ja gerade die Bewegung in die Bio-logie – das Werden zu zeigen hätte andere Darstellungsformen benötigt, computeranimierte zum Beispiel.

Dass Darwin zunächst einmal Geologe und Mineraloge war, ist im Goldfuß-Museum zu sehen, das in einigen schönen alten und liebevoll bestückten Vitrinen die berühmte Weltreise Darwins mit der »Beagle« 1831–1836 nachzeichnet. Faksimilierte Originalzeichnungen, Gesteinsproben und Modelle illustrieren, wie Darwin mit der damals neuen Vorstellung einer ständig in Bewegung begriffenen Erde rang – und wie er für die Artenvarianz auf den Galapagos-Inseln zunächst blind war. Er selbst grub in Südamerika den Schädel eines Megatheriums aus (ein rechtes Hinterbein dieses bis zu sechs Meter hohen Riesenfaultiers aus dem Pliozän steht in der Ecke) – das vermehrte Auffinden von Fossilien war ja eins der entscheidenden Momente, um den alten, von der Genesis her rührenden Glauben an die Konstanz der Arten und das 6.000-jährige Alter der Erde zu erschüttern.

»Licht wird auch fallen auf den Menschen und seine Geschichte«, schrieb Darwin am Ende der »Entstehung der Arten«. Dieses Licht ist von der Wissenschaft längst angesteckt. Es zu zeigen hätte dem Publikums-Museum Koenig gut angestanden. Dessen Ausstellung ist ordentlich, aber zu schmal. Gerade die spannenden Fragen und heiklen Probleme lässt sie aus: die Menschwerdung des Voraffen, die Definition der Art, die Beziehung zwischen Selektion und Genetik (Evo Devo) und anderes mehr. Vielleicht auch ein paar Seitenhiebe aufs Intelligent Design. In dem Habitat Darwin-Jahr gedeihen außerhalb NRWs die fitteren Arten.   //

Museum Koenig und Goldfuß-Museum, bis 24.01.2010. www.darwin.zfmk.de. www.darwin-jahr.de zeigt deutschlandweite Aktivitäten im Darwin-Jahr.

Kulturgeschichte
03 / 2009

Verkeilte Elche


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