Schloss Moyland. Foto: Periblau

1. Obergeschoss. Links: Joseph Beuys, Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet, (um 1964/65). Foto: Stiftung Museum Schloss Moyland/Lokomotiv.de © VG Bild-Kunst, Bonn 2011

FEHLT NUR NOCH EIN MORD

Schloss Moyland ist renoviert, die Sammlung komplett neu arrangiert: Der Besucher erlebt ein völlig neues Beuys-Gefühl. Doch das Museum bleibt einsturzgefährdet, unbelehrbar sägen die Sammler an den Fundamenten.


TEXT: ULRICH DEUTER

Es gibt kaum ein Museum in Deutschland, das so hin- und herzzerreißend abgeschieden liegt wie Schloss Moyland. Zur geografischen Randlage passt das skurrile Haus selbst, ein im 19. Jahrhundert ritterromantisch aufgotisiertes Mittelalterkastell; passte auch jahrelang die Dauerausstellung, die seit 1997 die Kunstsammlung der Brüder van der Grinten wie Eingewecktes präsentierte: dicht an dicht gestellt, in dunklen Vitrinen zueinander gepackt, die vergilbten Wände hoch getürmt massenhaft Plastisches, Gemaltes, Geprägtes, Gezeichnetes aus diverser Epoche und Künstlerhand, euphemistisch und in Anlehnung an landesherrliches Kunstkammergebaren »Moyländer Hängung« genannt. Kernstück der (wie jüngst gezählt) 120.000 Stück starken brüderlichen Sammelleidenschaft waren einige tausend Zeichnungen, Wasserfarben und kleine Skulpturen von Joseph Beuys, ausschließlich derentwegen der Kunstfreund den weiten Weg ins tiefste Niederrheinische auf sich nahm. Nirgendwo sonst konnte man so viele dieser wunderbaren Arbeiten aus den 50er und frühen 60er Jahren studieren – sofern sich in drei Metern Höhe noch etwas erkennen ließ.

Das ist vorbei. Nach mehr als einjähriger Umbauzeit empfängt den Besucher im Innern der Moyländer Mauern nicht mehr ein Beuys-Bric-à-brac, sondern eine gefühlt doppelt so lang sich erstreckende Flucht wacher, weißer Räume, in denen jeweils sehr wenige, sehr bewusst angeordnete Kunstwerke, von oft sinnloser Konkurrenz befreit, sich selbst im Raum wunderbar behaupten. Der abgeschliffene Marmorfußboden ist hellgrau wie neu, die Wände und Decken strahlen weiß, die Beleuchtungen punktgenau. Vor allem aber sind immer, wo es möglich war, die Fenster hinaus zum Park geöffnet, was die Kunst und ihren Raum in ein ganz anderes Verhältnis setzt.

Diese einzelnen Kunsträume folgen Überschriften: »Zeichnungen 1952-1957« etwa oder »Multiples« auf der ersten, der Hauptetage, die nur Beuys gewidmet ist. Ein kleiner Wandtext erläutert das jeweilige Thema, vielleicht ein Dutzend Werke repräsentieren es. Und werden nach einem halben Jahr ins Depot zurückwandern, um von anderen ersetzt zu werden, die derselben Überschrift folgen. Denn waren bis jetzt in Moyland etwa 4000 Beuys-Werke zu sehen, sind es jetzt nur noch 400. Was reichlich Nachschub für das Ausstellungskarussell bietet. Sowie den lichtempfindlichen Arbeiten Zeit zur Regeneration – denn entgegen früheren Beschwichtigungen der Museumsleitung lautet jetzt eines der Argumente für die so drastisch abgespeckte Zahl der Exponate, dass die damalige Dauerpräsentation in der Moyländer Hängung konservatorisch nicht mehr zu verantworten gewesen sei.

Auf viele der Wasserfarben des jungen Beuys wird man nun lange verzichten müssen, dafür sieht man jetzt neue; doch neben den konservatorischen sprechen gewichtige vermittlungsästhetische Gründe für den zurückhaltenderen Umgang mit der Kunst. Die freundlichen Räume animieren zum Bleiben, ihre sachliche Ruhe konzentriert das Sehen und fördert das Verständnis des Zusammenhangs. Ganz besonders musterhaft ist dies in Räumen, in denen etwa Beuys’ allererste Aktion »Sibirische Synphonie« (1963) oder das Fluxus-Happening »Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet« (1964) nachhallen, wo jetzt die Fotos und Relikte der Aktionen durch Materialien aus dem Beuys-Archiv ergänzt werden, das ja ebenfalls auf Moyland beheimatet ist: zum Beispiel durch einen handgeschriebenen Brief von John Cage an Joseph Beuys zu »Duchamp«.

Auch hier also eine – der großen Beuys-Retrospektive in der Kunstsammlung 2010 vergleichbare – »Abkühlung« von Beuys, dessen Werk andererseits erstmals für den Moyland-Besucher erkennbar in seinem biografischen sowie kunsthistorischen Zusammenhang steht. Das ist verdienstvoll, endlich ist Moyland ein ernstzunehmendes Museum, und obwohl es jetzt viel mehr als zuvor ein Künstlermuseum ist, fällt nirgendwo auf den »Schamanen« Beuys irgendein goldenes Licht.

Am bewundernswertesten aber ist, dass die seit Mitte 2009 amtierende Direktorin Paust den radikalen Umbau überhaupt geschafft hat. Denn zwar ist das Museum eine putzige Wasserburg, die es tragende Stiftung aber ein finsteres Gespensterschloss, in dem unentwegt mit den Ketten gerasselt wird und wo nur noch der Mord fehlt, wie einer der Betroffenen stöhnt. In diese Stiftung hatten 1990 die van der Grintens ihre Sammlung und die von Steengrachts die Immobilie eingebracht, während das Land NRW die Burgruine instand setzte, den jüngsten Umbau finanzierte und die laufenden Museumsbetriebskosten trägt, derzeit jährlich 2,7 Millionen. Die van der Grintens aber befinden sich in einem Dauerstreit mit dem Land und/oder dem Beuys Estate um Witwe Eva; sie haben bislang noch jede Veränderung, die nicht in ihrem Sinne war, mit Hilfe des Einstimmigkeitsprinzips im Stiftungskuratorium erfolgreich verhindert, beispielsweise vier Jahre lang die Bestallung eines qualifizierten Direktors.

Umso erstaunlicher, dass jetzt Stiftersprecher Franz Rudolf van der Grinten, Sohn des Stifters Franz Joseph, mit der die Sammlerhand abschüttelnden Neupräsentation »durchaus zufrieden« ist. Weniger erstaunlich hingegen, dass die Witwe des verstorbenen zweiten Bruders Hans das neue Moyland ablehnt, denn schon immer stellten die van der Grintens die Sammler über die Sammlung. Leider war das Grummeln der Hintersassin nur der Auftakt zum neuerlichen Ausbruch des Moyland-Spuks. Gerade, als der Umbau so großartig gelungen war, als Stifter und Kulturministerin sich lächelnd zum Gruppenfoto fanden, als alle dachten: Was lange währt…, wurde ein Brief an die Öffentlichkeit lanciert, den die van der Grintens bereits im August 2010 an Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (als Vorsitzende des Moyland-Kuratoriums) geschrieben hatten und in dem die Rechtsgültigkeit der gesamten Stiftung (und damit die Fortexistenz des Museums) in Frage gestellt wird. Das Argument: Es fehle eine exakte Liste, in der das Stiftungsgut bei Gründung hätte dokumentiert werden müssen.

Die Landesregierung bestätigt den Eingang dieses Schreibens und schweigt. Da aber die Causa bereits mehrere Regierungen beschäftigte, finden sich so einige Menschen, die im Spukschloss dabei waren und nun nicht mehr sind und mit Grausen gespenstische Szenen zu schildern wissen. In der Tat scheint ein Gutteil des Problems psychologischer Natur zu sein; »Moyland« war ein persönliches Anliegen von Johannes Rau, der so den von ihm verantworteten Rausschmiss von Beuys als Professor der Kunstakademie wiedergutmachen wollte. Seitdem sind die Grintens gekränkt, wenn nicht der Ministerpräsident selbst sich um sie und die Sammlung kümmert: »Die Sache ist ins Rutschen geraten, seitdem sie nicht mehr Chefsache ist«, klagt auch heute Franz Rudolf van der Grinten. Die nicht vorhandene Liste aber ist sozusagen der fehlende Kopf, mit dem die Gespenster auf Moyland jetzt Fußball spielen wollen. Sie fehlte tatsächlich bei der Gründung, einfach weil das »Stiftungsgut« in einem Haufen Umzugskartons verräumt und komplett unerschlossen war; eine wissenschaftlichen Kriterien genügende Sammlungsliste zu erstellen hätte eher fünf als drei Jahre gedauert – Zeit, die Rau in seiner »Friedenssehnsucht« nicht abwarten wollte. Weshalb es 1990 nur eine Pauschalliste gab. Und den Auftrag an die Stiftung, die van der Grintens’sche Sammlung zu katalogisieren.

Warum also jetzt dieses Schreiben bzw. dessen Veröffentlichung? Warum die Drohung mit der Unrechtmäßigkeit der ganzen Konstruktion? Aus nächtlichen Stimmen, dem Huschen der Gespenster, aber auch einigen tageshellen Fakten schält sich die Vermutung heraus, dass zumindest Teile der Familie van der Grinten das gesamte Stiftungspaket wieder aufgeschnürt haben wollen. Um Werke zu verkaufen? Um mit dem Land ganz neu zu verhandeln mit für sie besseren Konditionen (unter anderem einer Schutzkonstruktion gegen Forderungen des Beuys Estate)? Denn Tatsache ist, dass von den gestifteten Schätzen die Erben der Sammlerbrüder ideell und finanziell nicht mehr profitieren. Von ihnen werden Ausstiegspläne allerdings dementiert: Sie stünden zu Moyland, aber sie vermissten eine ähnliche Treue beim Land. Klingt edel, steht aber im krassen Widerspruch zu jenem Brief, der ja das Problem erst schuf. Und ist – Stichwort Treue – die jüngste, 2,4 Millionen Euro schwere Renovierung Moylands nicht erneutes Bekenntnis des Landes genug?

Was tun? Wie dem unwürdigen Gespensterzirkus ein Ende bereiten, in dem gewählten Regierungen immer wieder rostige Messer an den Hals gesetzt werden? Juristen sagen, eine Klage der van der Grintens auf Herausgabe der Sammlung wäre aussichtlos. Umgekehrt spräche für eine Klage des Landes gegen die van der Grintens viel, eine Klage wegen Treuwidrigkeit, um ihnen jedes Erpressungsinstrument aus der Hand zu winden. Denn nicht nur haben die Sammlungsstifter das Fehlen der Sammlungsliste zwei Jahrzehnte lang wissend geduldet, sondern die nachträgliche Erstellung einer solchen Liste selbst verhindert. Diese Aufgabe oblag nämlich der Stiftung resp. dem Museum Schloss Moyland. Dessen Direktoren aber waren bis 1999 bzw. 2003 die Brüder Hans und Franz Joseph van der Grinten. Einen Katalog ihrer Sammlung erstellten sie nie.


Tel.: 02824/9510-68. www.moyland.de

 

Kulturpolitik, Kunst
11 / 2011

FEHLT NUR NOCH EIN MORD

Von: ULRICH DEUTER


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