Dieser Junge hat Glück: Er bekommt islamischen Religionsunterricht. Landesweit gibt es erst 64 Lehrer - für alle Schulformen. Foto: Katrin Pinetzki

HERR SIMSEK, DER PROPHET UND DIE GELATINE

Es sind auch Kinder von Einwanderern, die nach Syrien gehen, um dort für einen islamischen Staat zu kämpfen. Junge Menschen, die nicht nur die Werte ihrer Geburtsländer mit Füßen treten – sondern auch die Werte des Islam. Als Vorbeugung gilt der islamische Religionsunterricht, den es in NRW seit zwei Jahren gibt. Ist es der richtige Weg?

TEXT: KATRIN PINETZKI

15 Drittklässler sitzen etwas zappelig auf bunten Kissen im Sitzkreis – es ist für sie schon die fünfte Stunde. »Wa aleikum as-Salam«, begrüßt sie Emin Şimşek und streckt seine Arme mit geöffneten Handflächen vor. Die Kinder tun es ihm nach. »Oh Allah, beschütze mich und meine Familie und Freunde und alle Kinder dieser Welt vor Krankheiten und bösen Menschen. Lass auf dieser Welt Friede herrschen.«

Es ist der islamische Friedensgruß, zu hören in der Klasse 3c der Libellengrundschule. Etwa 300 Kinder besuchen diese Schule im Dortmunder Norden, 252 von ihnen islamischen Glaubens. Muslime stellen die größte Religionsgruppe. »Wir sind so bunt wie die Libellen«, heißt es im Schullied, das jeden Morgen über den Schulhof schallt. Für die Kinder aus christlichen Familien gibt es einen ökumenischen Religionsunterricht – für getrennt konfessionelle Gruppen sind es einfach zu wenige. An anderen Grundschulen im Norden der Stadt sieht es ähnlich aus. Und doch gibt es in ganz Dortmund nur vier Grundschullehrer für islamische Religion – während jede Schule einen christlichen Religionslehrer hat.

Emin Şimşek baut ein kleines Buffet auf: Kichererbsen und Walnüsse, Linsen und Reis, Bohnen und Bulgur. »Was ist das?«, will er von den Kindern wissen, »aber bitte auf deutsch!« Die Kinder überlegen, auf türkisch oder arabisch haben viele die Namen schnell parat. Es handelt sich um Zutaten für das traditionelle Aschura-Essen. Aschura, ja, das haben die Kinder schon einmal gehört. Aber was bedeutet es?

Das Essen hat mit einer Geschichte aus dem Koran zu tun, dem Thema der heutigen Stunde. Şimşek stellt dafür ein dickbäuchiges Playmobil-Schiff auf den Tisch, gefüllt mit Spielzeug-Elefanten, -Pferden und -Giraffen. »Kennt ihr das Schiff?«, will der Lehrer wissen. »Piratenschiff!«, ruft ein Schüler. »Bauernhofschiff«, rät eine Schülerin. Ein Mädchen nennt schließlich den korrekten Namen: Arche Noah, oder: die Arche von Nuh. Denn Noah bzw. Nuh, das erfahren die Kinder heute, ist Stammvater gleich dreier Religionen. Die Geschichte kennen einige Kinder in Grundzügen: »Da ist ein Prophet, ich hab den Namen vergessen, und da war eine richtig heftige Flut. Und der Mann hat alle Menschen und Tiere in ein Schiff gemacht.«

Şimşek füllt die Wissenslücken und erzählt, dass Noah bzw. Nuh, als die Vorräte fast zur Neige gegangen waren, aus den Resten eine Suppe kochte – Aschura. An jenem Tag ging das Wasser zurück, und die Arche strandete auf dem Berg Cudi in der Türkei. Die Aschura-Speise erinnert an den Neubeginn. »Ja, Cudi«, murmelt ein Junge, »hat mein Hodscha auch gesagt.«

Was der Hodscha sagt und meint, das erfährt Emin Şimşek häufig. Seine Schülerinnen und Schüler erzählen es ihm unaufgefordert. Viele gehen in die Koranschule und lernen dort, den Koran auf Arabisch zu lesen – häufig aber auch nicht viel mehr. Viele kommen von dort verunsichert und mit sehr konkreten Fragen zu Şimşek: Darf man beim Beten Nagellack tragen? Kaugummi kauen? Darf man sich die Haare mit einer Wildschweinborstenbürste kämmen? Es sind lauter kleine Tests, mit denen die Kinder ihren Lehrer herausfordern. »Am liebsten hätten die Kinder klare, eindeutige Antworten«, sagt Şimşek: »Das dürft ihr, das ist verboten.«

Auch seine Kollegin, die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor hat diese Erfahrung gemacht. Sie unterrichtet das Fach an einer Sekundarschule in Dinslaken. »Einige Schüler hätten es gerne, dass ich wie ein Mufti einen Spruch nach dem anderen bringe und ihnen alle Entscheidungen abnehme«, sagt sie bitter lachend. Genau darum gehe es im bekenntnisorientierten Islamunterricht aber eben nicht.

Worum es denn geht, kann man im Lehrplan nachlesen: darum, die Kinder »zum eigenverantwortlichen Umgang mit dem Glauben zu befähigen«. Und darum, »innerislamische und gesellschaftliche Pluralität aufzugreifen und für deren Bedeutung und Wert zu sensibilisieren.«

Auf diesen Lehrplan hat Lamya Kaddor lange gehofft – und als Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes dafür gekämpft. Bevor es den Bekenntnisunterricht gab, unterrichtete Kaddor Islamkunde in deutscher Sprache, ein Fach, das 1999 als Schulversuch in NRW startete und vom islamischen Religionsunterricht abgelöst werden sollte. Der kam – 13 Jahre später. In der Zwischenzeit zogen fünf ihrer ehemaligen Islamkunde-Schüler als Freiwillige für den selbsternannten Dschihad nach Syrien.

Als Kaddor ihre Lehrerin war, hatten diese Jungen teilweise Freundinnen und tranken am Wochenende Alkohol. Zeichen einer islamistischen Radikalisierung sehen anders aus. Es geht eben oft nur vordergründig um Religion, wenn Jugendliche zu Salafisten werden – häufig eher um Anerkennung und Perspektiven, die in Deutschland fehlten. Trotzdem, sagt Kaddor, sei islamischer Religionsunterricht für die Prävention »ein nicht zu unterschätzendes Rädchen«. Sie ist froh, dass es das Fach nun gibt, auch wenn bislang nur wenige Kinder in den Genuss kommen. Ganze

64 Lehrkräfte gibt es an Grund- und weiterführenden Schulen in ganz NRW. Der islamische Religionsunterricht werde Schritt für Schritt ausgebaut, heißt es aus dem Schulministerium. Bislang bietet in NRW nur die Uni Münster ein entsprechendes Studium.

Und mit dem Studium ist es nicht getan. Wer islamische Religion unterrichten will, muss sich die Lehrbefähigung eines Beirats holen, in dem Vertreter der größten muslimischen Vereinigungen in Deutschland vertreten sind: DITIB, Islamrat, Zentralrat der Muslime und Verband der Islamischen Kulturzentren. Die Mitglieder sind Sunniten und vertreten konservative Strömungen. Nicht wenige angehende Lehrer erinnern sich an die Gespräche mit gemischten Gefühlen. »Man wollte mich einordnen. Ich habe mich ein bisschen persönlich angegriffen gefühlt und fand einige Fragen zu persönlich. Die können meinen Glauben doch nicht messen«, sagt Emin Şimşek.

Der Liberal-Islamische Bund, dem Lamya Kaddor vorsitzt, ist im Beirat nicht vertreten. Noch nicht – Kaddor kämpft auch dafür. Denn ist es nicht ein Widerspruch, dass der Islamunterricht laut Lehrplan eben die Vielfalt im Islam vermitteln soll – und liberale Vertreter nicht über den Zugang zur Lehre mit entscheiden dürfen?

Emin Şimşek fühlt sich manchmal zwischen allen Fronten: Da sind die Eltern der Kinder, die sich teils sehr genau nach dem Lehrer und seinem persönlichen Hintergrund erkundigen, die nach dem Lehrplan fragen und mitunter im Unterricht zuschauen wollen. Da sind die Imame der örtlichen Moscheen, mit denen er angehalten ist zu kooperieren – einige von ihnen betrachten Şimşek misstrauisch als einen Konkurrenten. Und da ist die nicht-muslimische Mehrheitsgesellschaft, vor der Şimşek und viele Muslime derzeit das Gefühl haben, sich und ihren Glauben ständig erklären, rechtfertigen zu müssen.

Dagegen hilft nur Licht, findet Şimşek: »Wenn man in einen dunklen Raum geht, hat man immer Angst. Sobald das Licht angeht, sieht es anders aus. Viele haben Angst, weil sie nicht genug wissen.« Damit meint er nicht nur Christen, die gegen die »Islamisierung des Abendlandes« mobil machen. Auch viele Eltern seiner Schüler haben wenig Ahnung vom Islam, vermischen Religion und Tradition. Sie verbieten ihren Kindern Gummibärchen, weil sie Gelatine enthält – und können doch kaum benennen, was sie als Sunniten eigentlich genau von Schiiten unterscheidet.

Bei der Sache mit den Gummibärchen muss Christiane Mika seufzen. Mika ist Schulleiterin der Libellengrundschule und immer wieder kurz davor, das Schulessen auf vegetarische Kost umzustellen, so ermüdend sind die ständigen Fragen nach Schweinefleisch, das an dieser Schule selbstverständlich nie auf der Speisekarte steht.

Wenn seine Schüler partout wissen wollen, was sie dürfen und was nicht, dann erzählt Emin Şimşek ihnen die Hintergründe und historischen Zusammenhänge, die hinter den Geboten und Verboten stecken. Er erzählt, dass man gepflegt zum Gebet erscheinen soll – und dass Nagellack nicht unbedingt dagegen spreche. Er sagt aber auch, dass streng Gläubige anderer Meinung sind – und dass sich die Kinder am Ende selbst aussuchen werden, wo sie sich verorten. Genau dafür will er ihnen so viel Wissen über den Islam mitgeben wie möglich.

Christiane Mika ist auch Religionslehrerin – doch wer ihr Büro betritt, sieht kein Kreuz an der Wand, sondern das blaue, augenförmige Nazar-Amulett, das nach orientalischem Volksglauben den »bösen Blick« abwenden soll. Mika spricht Türkisch, doch zu islamischem Religionsunterricht hat sie eine ambivalente Haltung. »Als Gegenstück zum Moscheebesuch ist er wichtig, zumal er auf Deutsch stattfindet. Trotzdem: Gerade an Schulen wie unserer sollte man besser über Ethik-Unterricht für alle Kinder nachdenken. Wir reden über Inklusion und die gleichberechtigte Teilhabe aller – und pflücken die Klassen für den Religionsunterricht auseinander.«

Ein Unterricht für alle? Eine utopische Idee, findet Şimşek. Doch er hat gerne mitgemacht, als die Libellengrundschule vor fünf Jahren mit einer interreligiösen Feier eröffnete. Eine Pastorin und Şimşek  gestalteten die Feier. Die Kinder schrieben all das, woran sie glauben, auf Blätter eines Baumes. Die Baumwurzeln bildeten die Glaubensväter: Mohammed, Brahman, Abraham, Moses oder Hz. Ali, der im schiitischen und alevitischen Glauben eine wichtige Rolle spielt.

»Es wächst eine Generation heran, die religiös aufgeklärter ist«, sagt Şimşek. Sie wächst langsam. So langsam wie ein Baum.

Kulturpolitik
03 / 2015

HERR SIMSEK, DER PROPHET UND DIE GELATINE

Von: Katrin Pinetzki


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