»Das Unmögliche möglich machen« ist das Motto der Kunststiftung: »Dressing the City« von Angie Hiesl, eines der Förderprojekte 2012. Foto: Roland Kaiser

Die Kunststiftung fördert auch ohnehin Gefördertes: »Delusion of the Fury«, Ruhrtriennale 2013. Foto: Wonge Bergmann

WIR SIND DIE ERMÖGLICHER

Vor 25 Jahren wurde die Kunststiftung NRW gegründet, als Institut privaten Rechts so staatsfern wie seit ihren Anfängen unter Johannes Rau auch ein Instrument der Landeskulturpolitik. Zum Jubiläumsgespräch traf sich K.WEST mit der Generalsekretärin Ursula Sinnreich sowie dem Präsidenten Fritz Behrens (SPD) im Haus der Stiftungen in Düsseldorf.

 

INTERVIEW: ULRICH DEUTER

K.WEST: In Nordrhein-Westfalen existieren hunderte von Stiftungen im Bereich Kunst und Kultur. Was ist das Besondere an der Kunststiftung NRW?


SINNREICH: Kunst zu fördern, die das Andere wagt, das Neue. Unsere Förderung schafft Freiräume und unterstützt das Experiment. Eine solche Förderpraxis geht auch bewusst das Risiko des Scheiterns ein. Denn ohne Wagnis ist keine Weiterentwicklung möglich – das gilt für die Förderinstitution wie die Kunst gleichermaßen.


K.WEST: Worin hat sich diese Philosophie in der jüngeren Zeit am ehesten ausgedrückt?


BEHRENS: Es gibt eine große Zahl von Kunst-Projekten, die es ohne die Förderung durch unsere Stiftung nicht gäbe. Ich nenne als Beispiel nur die Musikfabrik. Mit ihr ist ein Ensemble für Neue Musik entstanden, das mittlerweile Weltrang hat. Auch unsere Artist-in-Residence-Programme in Tel Aviv, Istanbul, Mumbai sind einzigartig. In den vergangenen 25 Jahren haben wir mehr als 6000 Projekte gefördert und dabei mehr als 185 Millionen Euro ausgegeben für die Künste. Für Highlights wie Projekte der Ruhrtriennale, aber auch für unzählige kleine Projekte vieler Einrichtungen und Künstler.


K.WEST: Das Leuchtende wie das Schwierige zu fördern, führt das nicht zu Zerreißproben? Die Strahlkraft NRWs fördert man am besten, indem man bekannte Namen unterstützt. Während das Experimentelle eher wenig Strahlkraft entwickelt.


BEHRENS: Beides ist aber nach der Satzung unsere Aufgabe. Beides stand auch am Beginn der Stiftung und beides ist und bleibt wichtig. Das kann naturgemäß zu Konflikten und Abwägungen im Einzelfall führen, weil das Geld endlich ist.


SINNREICH: Nach 25 Jahren Förderung innovativer Kunstprojekte, findet auch das Experimentelle sein Publikum. Entscheidend ist, es durch konsequente Förderimpulse im Kulturbetrieb präsent zu halten und so das Interesse daran weiter auszubauen.


BEHRENS: Wenn ein historischer Rückblick erlaubt ist: In den Jahren 1985 bis 1990 besaß Johannes Rau mit mehr als 52 Prozent der Wählerstimmen eine klare absolute Mehrheit im Landtag. Er konnte viele Ideen und Visionen in Sachen Landesidentität, die er und andere vor ihm hatten, umsetzen. In diesen Jahren hat er vier Stiftungen geschaffen, 1986 die NRW-Stiftung, 1989 die Kunststiftung, damals noch »Stiftung Kunst und Kultur«, und im selben Jahr die Stiftungen Künstlerdorf Schöppingen und die Landesmusikakademie in Heek. Das ergab ein Gesamtkunstwerk der Kulturförderung außerhalb der üblichen Bahnen der Landeskulturpolitik. Rau wollte ganz bewusst Förderinstrumente nach rein fachlichen Kriterien schaffen, außerhalb der üblichen politischen Entscheidungsabläufe.


K.WEST: Instrumente, die auch etwas flexibler würden agieren können als ein Ministerium…


BEHRENS: Flexibler, ohne das übliche Haushaltsrecht und die gesamte Antragsbürokratie. Das hat wunderbar funktioniert bis zum heutigen Tage. Die Kunststiftung gilt nach wie vor auch im Ländervergleich als absolut vorbildlich.

K.WEST: Rau hat sich als Ministerpräsident ja auf sehr vielfältige Weise durchgesetzt, auch auf nicht-offizielle Art. Wie ist denn heute das Verhältnis der Kunststiftung zur Landesregierung?


BEHRENS: Diese Frage geht sicher eher an den Präsidenten als an die Generalsekretärin…


K.WEST: Zumal der Präsident nicht ganz zufällig immer die Farbe der Landesregierung hat…


BEHRENS: Es ist eine sehr konstruktive Beziehung. So haben wir z.B. mit der Kulturministerin vereinbart, uns einmal im Vierteljahr zusammenzusetzen und gemeinsam interessierende Fragen zu besprechen: Wer fördert was, wie verstärken wir die Außerdarstellung des Landes – was ebenfalls unser Satzungsauftrag ist – usw. Das läuft sehr spannungsfrei ab, allerdings nicht immer mit einheitlicher Meinung. Beispiel »Impulse«: Wir haben die Frage, wie es mit »Impulse« weitergehen sollte, seit ungefähr zwei Jahren diskutiert. Auch mit dem Ministerium. Wir haben schon länger Zweifel geäußert an der Sinnhaftigkeit einer weiteren Förderung des Festivals. Wir halten es für nicht mehr zeitgemäß, für nicht mehr notwendig, jedenfalls nicht für unser Land. Also haben wir Frau Schäfer über unsere Absicht, aus der Förderung auszusteigen, informiert. Das hat tiefes Schlucken hervorgerufen, denn der Ministerin war natürlich klar, was an Debatten auf sie zukommen würde. Aber sie hat nicht versucht, uns umzustimmen, weil wir autonom sind. Die Frage, was aus den »Impulsen« ohne unsere weitere Förderung wird, ist damit zunächst einmal offen.

K.WEST: Hat es Sie denn beeindruckt, dass es gegen die Einstellung der Förderung der »Impulse« heftigen Protest gegeben hat?

BEHRENS: Natürlich haben wir mit Protest gerechnet. Das war nach so vielen Jahren der Förderung auch nicht anders zu erwarten. Aber ich halte unsere Entscheidung nach wie vor für richtig.

K.WEST: Es wäre nicht weltfremd anzunehmen, dass wie weiland Thomas Oppermann beim Präsidenten des BKA, ihre Parteifreundin Hannelore Kraft bei Ihnen anruft und sagt: Lieber Fritz, in Mülheim würde das Kunstmuseum gerne ein Bild von Macke für die Sammlung kaufen. Kannst du da hilfreich sein? Was antworten Sie dann?


BEHRENS: Es wäre ja auch legitim. Die Stiftung ist die Gründung eines Ministerpräsidenten, und wenn dessen Amtsnachfolgerin, die ja auch unsere Kuratoriumsvorsitzende ist, eine bestimmte Erwartung an die Stiftung hat, halte ich das für normal. Aber wir sind im Prinzip in unserer Entscheidung frei und prüfen jeweils im Einzelfall, was geht und was nicht.


K.WEST: Und wenn nun das Lichtkunstzentrum Unna, dessen Direktorin Sie, Frau Sinnreich, zuvor waren, eine Förderung beantragt?


SINNREICH: Wir haben jährlich zwei Entscheidungstermine, An denen jeder Antrag in Konkurrenz zu 300 bis 350 anderen steht. Diese Anträge werden von den Fachbereichsleitungen bearbeitet und eingeschätzt. In der entscheidenden Sitzung kommt alles gemeinsam auf den Tisch, die Literatur steht neben der Musik, das Theater neben der visuellen Kunst usw. Den Förderbeschluss fasst der Vorstand, also Präsident und Generalsekretärin, auf der Basis einer intensiven Diskussion mit den Experten. Außerdem arbeitet die Kunststiftung mit externen Jurys zusammen. Für Unabhängigkeit ist also gesorgt.


BEHRENS: Ich habe, als ich hier Präsident wurde, die zahlreichen Ehrenämter im kulturellen Bereich, die sich im Laufe von Jahren angesammelt hatten, alle abgegeben, jedenfalls die, von deren Institutionen hier Anträge eingehen könnten.

K.WEST: Bei aller Unabhängigkeit: Die Kunststiftung macht Kulturpolitik, einfach weil sie im öffentlichen Raum hier fördernd, da nicht fördernd, tätig ist. Gibt es in diesem Sinne dezidiert steuernde Überlegungen, etwa in Hinsicht auf die Unterstützung von Kooperationen?

SINNREICH: Das muss ich entschieden verneinen. Unsere Satzung gibt uns vor, das künstlerisch Herausragende zu fördern und innovative künstlerische Profile zu unterstützen. Die Organisationsform, durch das dieses Vorhaben verwirklicht wird, ist nicht entscheidend.

K.WEST: In welcher Position sieht sich die Kunststiftung gegenüber den immer knapper werdenden Finanzen der Städte, die gerade auch die Künste stark zu spüren bekommen? Irgendwie kompensatorisch?


BEHRENS: Wir können nicht die Ausfallbürgen sein für kommunale Kürzungen. Das wäre mit den 8,5 Millionen, die wir jedes Jahr für unsere Förderung ausgeben können, auch völlig unmöglich.


K.WEST: Wie wird die Arbeit der Kunststiftung im zweiten Vierteljahrhundert ihres Bestehens aussehen?

BEHRENS: Wir werden zuvörderst Sorge tragen müssen, dass die Stiftung weiterhin auskömmlich finanziert wird. Die Garantie der Landesregierung von jetzt 8,5 Millionen gilt ja nur für die nächsten drei Jahre.

SINNREICH: Ich glaube, dass es wichtig ist, die Kunst als eine politische Kraft zu stärken, sie als Motor gesellschaftlicher Entwicklung zu begreifen – und das auch der Öffentlichkeit bewusst zu machen.

BEHRENS: Wie der Gründer Johannes Rau sagte: Kunst ist nicht Sahnehäubchen, sondern die Hefe im Teig.


K.WEST: Im Jubiläumsjahr treten Sie selbst als Veranstalter auf, z.B. mit dem Kunstprojekt »25/25/25«. Werden Sie künftig öfter mal direkter Akteur sein?

BEHRENS: Verlockend, als größter Kulturveranstalter NRWs da zu stehen. Das ist aber nicht unsere Aufgabe. Das ist einmalig in diesem Jahr. Wir sind die Förderer…

SINNREICH: … die Ermöglicher. Und werden es auch bleiben.    

www.kunststiftungnrw.de

Kulturpolitik
05 / 2014

WIR SIND DIE ERMÖGLICHER

Von: ULRICH DEUTER


Was? Wann? Wo?Alle wichtigen Kultur-Termine in NRW auf einen Blick: