AN DER GRENZE ZUM NICHTS

In der weltweit ersten Ad-Reinhardt-Ausstellung seit 20 Jahren kann das Quadrat Bottrop jetzt eine Reihe der selten zu sehenden »letzten Bilder« des US-Malers zusammenbringen. Drum herum skizziert die Schau Reinhardts erstaunlich farbigen Weg.

 

TEXT: STEFANIE STADEL

Keine Meinung, keine Erzählung, keine Emotion. Nur das Bild an der Wand – quadratisch und schwarz, schwarz, schwarz. Nein, halt, das stimmt nicht. Da schimmert doch etwas aus der Tiefe durch die stumpfe Oberfläche hindurch: eine Ahnung von roten, blauen, grauen Schichten. Und eine geometrische Struktur, die das Bildfeld absolut symmetrisch in neun Felder gliedert. Einmal entdeckt, fesselt das Verborgene den Blick. Man guckt, schaut, stiert, um dem Geheimnis der »letzten Bilder« von Ad Reinhardt auf die Spur zu kommen.

Eine Reihe dieser stillen, nur vermeintlich schwarzen Rätselwerke versammelt jetzt das Josef Albers Museum Quadrat in Bottrop und bringt sie in seinem zentralen Tageslichtraum gut zur Wirkung. Drum herum beschreibt die Schau den künstlerischen Weg, auf dem der gelehrte Künstler Reinhardt Schritt für Schritt farbliche und formale Mittel reduzierte, bis er schließlich in den düsteren Quadraten sein Ziel erreichte, die Erfüllung fand.

Die »letzten Bilder«, so hat er sie selbst genannt. Und so titelt nun auch die Bottroper Ausstellung. Die Kennzeichnung trifft doppelt. Zum einen sind es tatsächlich die spätesten Werke in der Karriere des 1967 verstorbenen US-Malers. Und zum anderen treiben sie die Malerei, wie es scheint, zu einem Endpunkt. Bis aufs Äußerste hat Reinhardt die sinn-liche Erscheinung hier zurückgedrängt.

Langsam wird es anstrengend. Der konzentrierte Blick auf die »schwarzen« Leinwände in Bottrop lässt das Auge ermüden. Nur jene eigenartige Spannung zwischen Sichtbarkeit und Verhüllung hält es bei der Stange. »Anschauen ist nicht so leicht, wie es scheint«, hat Reinhardt einmal gesagt. »Die Kunst lehrt den Menschen das Sehen.« Nur zögerlich tritt das nuancierte Spektrum gebrochener Töne durch die samtig-glanzlose Oberfläche, auf der die Farbpigmente wie bloß liegen.

Reinhardts Mischung der Ölfarben und seine spezielle Technik geben diesen Werken etwas sehr Kostbares, machen sie aber auch extrem anfällig. Verletzungen sind schwer zu heilen. Auch davon erzählt die Ausstellung: Eines seiner dunklen Werke dort wirkt nach einem Restaurierungsversuch beinahe entstellt. Ein anderes wurde aus Furcht vor Beschädigungen vom Leihgeber hinter Glas gesetzt. Eine verständliche Maßnahme, die den Betrachter allerdings auf irrwitzige Weise behindert.

Die Empfindlichkeit der Werke ist sicher auch Schuld daran, dass sie ungern verliehen werden. So liegt denn auch die letzte Reinhardt-Ausstellung in Europa 25 Jahre zurück. In den Vereinigten Staaten bot sich 1990 Gelegenheit, ihn in einer Retrospektive des Museum of Modern Art zu erleben – Reinhardts bis heute letzte Einzelausstellung. Man kann wohl sagen, dass Museumsleiter Heinz Liesbrock mit seiner lange schon gewünschten, geplanten und durch geduldige Verhandlungen vorbereiteten Ausstellung jetzt in Bottrop eine Sensation gelungen ist.

Den Schwerpunkt legt Liesbrock auf Reinhardts reifes Werk, in dem sich seit den frühen 50ern die Formen reduzieren und die Farbwerte immer weiter einander annähern – eine kontinuierliche, ja organische Entwicklung. Um diese Zeit tauchen auch die ersten jener dunklen Bilder auf, die für gewöhnlich mit seinem Namen in Verbindung gebracht werden. Am Rande macht die Schau in wenigen Arbeiten aber auch sehr schön seine erstaunlich bunt gemischten Anfänge anschaulich. Wobei sich immer wieder Vergleiche mit dem Haus-Künstler Josef Albers anbieten.

Zwei kleinteilige Geometrien der späten 30er stehen in Bottrop für Reinhardts Anfänge. 1940 sieht man den Künstler, damals Mitte zwanzig, unter dem offensichtlichen Einfluss von Piet Mondrian und seinem Neoplastizismus. Die Ausstellung kann eines von Reinhardts bekanntesten »grid paintings« zeigen – im bunten Gitterbild macht er das Quadrat zum Modul, das die Gliederung der kompletten Bildfläche in unregelmäßig große Farbelemente vorgibt.

Den Rest der 40er überspringt Liesbrock als »Phase der Vorbereitung«, während derer sich Reinhardt in unterschiedlichen formalen Bildidiomen versucht habe. Nur mühsam konnte sich der Maler von den Vorbildern befreien, seinem Streben nach Unverwechselbarkeit gerecht werden.

Schon in diesen ungewissen Zeiten der Orientierung war aber eines sicher für ihn: Mit den gewichtigen Größen der US-amerikanischen Szene konnte er nicht übereinkommen. Adolph Gottlieb, Barnett Newman und Mark Rothko etwa, die voller Emphase erklärten: »Gute Malerei über nichts gibt es nicht.« Das Thema eines Werkes sei entscheidend, und der Inhalt könne nur Gültigkeit beanspruchen, wenn er »tragisch und zeitlos ist«, dies stand fest für die drei.

Ganz und gar nicht aber für Reinhardt, der überzeugt war, dass gute Kunst immer von absolut nichts handelt, dass sie überhaupt keinen Inhalt kennt. Dass sie sich nur auf sich selbst und die eigene Sprachlichkeit bezieht. »Künstler kommen von Künstlern, Kunstformen von Kunstformen, Gemälde von Gemälden«, so sein Postulat.

Vielleicht fühlte sich der intellektuelle Einzelkämpfer damals auch ein wenig bestärkt durch das 1944 aufgenommene Studium der asiatischen Kunstgeschichte. Reinhardt selbst wies später einmal darauf hin, dass die Ruhe und Gleichförmigkeit der islamischen Kunst für ihn wie ein Gegenmittel gewirkt habe. Medizin, die half, den hitzigen, ausdruckswütigen, emotional aufgeladenen Gesten des damals so angesagten Abstrakten Expressionismus die Stirn zu bieten.

An diesem Punkt ist ein Blick zur Seite aufschlussreich. 1950 schuf Josef Albers unter dem Titel »Hommage to the Square« die erste seiner berühmten verschachtelten Qua-dratkonstruktionen. Ein Prinzip, das ihn fortan nicht mehr loslassen sollte. Etwa zur gleichen Zeit klärte sich Reinhardts Komposition: Regelmäßige geometrische Formen begannen, die Fläche zu ordnen. Wenige Elemente, die sich symmetrisch zu einem kompakten ruhenden Ganzen fügen.

Damals verstärkte sich auch der Kontakt beider Künstler untereinander. Mag sein, dass sie sich verbunden fühlten in ihrer Skepsis gegenüber dem Abstrakten Expressionismus. An der Yale University hatte Reinhardt Gelegenheit, den »Color Course« des älteren Kollegen kennen zu lernen, wobei ihn vor allem dessen »low range color studies« interessiert haben dürften – dann da geht es darum, wie farblich sehr nah beieinander liegende Töne dennoch eine visuelle Dynamik im Bild erzeugen können.

Reinhardt verfolgte das Thema: In seinen damals überwiegend roten oder blauen Gemälden kommen sich ab 1952 die Töne immer näher, bis an die Grenze der Monochromie. Gleichzeitig malt der Künstler immer mehr dunkle Bilder, deren Schwarzanteil ständig steigen. Bis er 1960 dann zum entscheidenden Schritt ansetzt, das erste der »letzten Bilder« malt.

Der Anfang vom Ende: Von nun an gibt es nur noch Stillstand, keine Variation mehr. Reinhardt malt immer im 1,53-mal-1,53-Meter-Format, das er ausnahmslos in drei mal drei Quadrate unterteilt. Alles spricht dafür: Er hat erreicht, was er wollte.

Was natürlich nicht bedeutet, dass damit die Arbeit endet. Im Gegenteil – der Künstler vertieft sich, geht auf im akribischen Erschaffen seiner »letzten Bilder«. In einem komplexen Ritual baut er seine Gemälde aus einer Unzahl feinster Lasuren auf, vermeidet dabei jeden zu genauen Hinweis auf die Pinselarbeit. Unermüdlich, Schicht auf Schicht: Ein überaus langwieriger Prozess, der – im Ergebnis – nach ebenso geduldiger Rezeption ruft.

Die Bedeutung dieser Bilder wurde erst nachträglich erkannt. Nämlich als ihre Wirkung in den Werken der Minimal Art hervortrat. Heute hebt man gerne das Extreme, Kompromisslose an Reinhardts Position hervor. Mit ihrer alles Erzählerische verneinenden, allein aufs Visuelle abzielenden Sprache fällt sie vor allem mit Blick auf die aktuelle Kunstproduktion aus dem Rahmen.

Ja, seine »letzten Bilder« haben eine Art Nimbus erworben. Vielleicht weil sie sich so mühsam erschließen und weil sie so rar sind im Ausstellungsgeschehen. Vielleicht auch weil sie praktisch unreproduzierbar scheinen, weil sie in Zeiten grenzenloser Vervielfältigungsmöglichkeiten einen Beleg für die Unersetzbarkeit des Originals liefern. Und weil man sie eben wirklich noch immer im Original sehen muss, um sie zu verstehen.

In Bottrop bietet sich nun eine der seltenen Gelegenheiten dazu.

Letzte Bilder. Ad Reinhardt. Josef Albers Museum Quadrat Bottrop, bis 9. Jan. 2011. Tel.: 02041/29716. www.quadrat-bottrop.de 

Kunst
10 / 2010

AN DER GRENZE ZUM NICHTS

Von: STEFANIE STADEL


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