Nickolas Muray: Frida auf dem Bauch liegend, 1946. © Frida Kahlo Museum

BILDER EINER FRAU: Kahlo im Museum MARTA

Vor ein paar Jahren erst wurden die Türen zu ihrem privaten Archiv geöffnet. Zum Vorschein kamen unter anderem um die 6000 Fotos, die Frida Kahlo im Laufe ihres Lebens zusammengetragen hat. Zum Museumsjubiläum holt MARTa jetzt über 200 ausgewählte Beispiele nach Herford.

TEXT: STEFANIE STADEL

Die Decke ist bis zum Po herabgezogen, der Rücken liegt blank. Ihren Kopf hat Frida ins weiße Kissen gedrückt, und das lange dunkle Haar trägt sie offen. Es umschmeichelt ihr Gesicht, das sich mit unbefangenem, vielleicht sogar freundlichem Blick dem Betrachter zuwendet: »Frida auf dem Bauch liegend«. Im Bett, an das sie so oft gefesselt war. Ungewohnt gelassen gibt sich die Künstlerin dort der Kamera hin. Diesmal hat der ungarisch-amerikanische Fechter, Werbe- und Modefotograf und Frauenheld Nickolas Muray auf den Auslöser gedrückt.

Einer unter vielen Liebhabern und Geliebten, die Kahlos ebenso leidvollen wie leidenschaftlichen Lebensweg begleitet haben. Vielleicht ist er es ja gewesen, der jene Ahnung von einem Lächeln in ihre Augen gezaubert hat.

Ja, sie sieht anders aus als sonst. Nicht so ernst, so unnahbar, wie man die Meisterin der Selbstinszenierung kennt. Die perfekte Pose, der feste Blick, das tadellose Outfit – es fehlt all das, was einem vertraut ist aus den unzähligen Frida-Bildern – Fotos wie Gemälden –, die ihre markante Physiognomie bis heute im Gedächtnis eines breiten Publikums verankern.

Es gibt nicht viele bildende Künstler des frühen 20. Jahrhunderts, deren Gesicht so präsent ist wie ihres. Und das hat wohl nicht nur mit den vielen Bildern zu tun, die Kahlo von sich selbst in Umlauf brachte. Hinzu kommt ihre Person, die sich von allen Seiten leicht vereinnahmen lässt: Manchem gilt Kahlo als frühe Feministin, sie ist politische Kämpferin, auch Kommunistin, Märtyrerin, eine Ikone des kulturellen Aufbruchs in Mexiko. Dort wurde sie eine Art Nationalheldin – und international eine echte Kultfigur, die auch gut 60 Jahre nach ihrem Tod kaum an Anziehungskraft verloren zu haben scheint.

2002 schaffte es ihre Geschichte bis nach Hollywood und auf Kinoleinwände weltweit. Jetzt setzt Herford auf den Namen Frida Kahlo – das Museum MARTa wird zehn Jahre alt und macht die Künstlerinnen-Legende zum Star im Jubiläumsprogramm. Eine erfolgversprechende Idee. Und das, obwohl die Ausstellung Kahlos Malerei außen vor lässt. Zu sehen sind ausschließlich Fotos aus dem über Jahrzehnte verschlossenen Archiv in der Casa Azul, jenem Haus im Süden von Mexico City, wo Frida 1907 zur Welt kam, wo sie mit Unterbrechungen immer wieder lebte und wo sie 1954 den Tod fand.

Nicht zuletzt gewährt Fridas Bilder-Sammlung Einblicke in das Leben hinter den kräftig blauen Mauern. Immer wieder sieht man die Künstlerin dort aufgekratzt im Kreise von Künstler-Freunden und Bekannten; die selbst kreierte Maske scheint fast vergessen. Neben den Gästen und etlichen Haustieren hatte natürlich Diego Riveras seinen festen Platz im Blauen Haus und in der Bildersammlung. Von einem zum nächsten Foto versteht man mehr, warum die Mutter Frida warnte vor diesem »voll gefressenen Breughel«. Die sehr innige, trotzdem nicht immer glückliche Verbindung zwischen »einem Elefanten und einer Taube« hat sie nicht verhindern können.

Auf Riveras Betreiben war Fridas Foto-Sammlung nach ihrem Tod weggepackt worden. Zusammen mit ihren Kleidern, den Briefen und Dokumenten hielt man das um die 6000 Bilder starke Archiv unter Verschluss im berühmten baño der Casa Azul. In Alben geklebt, in Briefumschläge gesteckt, in Pappkartons gestapelt warteten die Fotos dort, bis 2004 endlich jemand die Türen zu Fridas Bade- und Ankleidezimmer öffnete. Zunächst holte man ihre Kleider hervor. In einem opulenten Bildband wurden sie vor der Kahlo-Gemeinde ausgebreitet: Wunderbare Trachten und Gewänder, mit deren Hilfe die Künstlerin ihren versehrten Körper den Blicken entzog – und ihn zugleich zur Schau stellte. Es scheint kaum übertrieben, wenn man Kahlos Schaffen nicht allein auf das gemalte Bild beschränkt, sondern die Inszenierung der eigenen Person ebenso dazu rechnet.

Nach der Garderobe kamen die Fotografien. Mexiko hat eine schöne Auswahl aus Fridas Schränken gezogen und schickt sie um die Welt – allerdings nicht im Original. Auch auf ihrer ersten deutschen Station in Herford hängen an den bunt gestrichenen Museumswänden ausschließlich hübsch gerahmte Reproduktionen, 241 an der Zahl. Diesen Schönheitsfehler verschweigt die Ausstellungsankündigung. Lieber lockt man da mit »intimen Blicken«, die das Archiv gewähre.

Vielleicht bieten die Bilder ja tatsächlich noch ein paar echte Einsichten in Frida Kahlos Welt, die man ansonsten nur durch den Filter der ausufernden Selbstinszenierung erahnen kann. Womöglich sind Facetten zu entdecken, die über jene Fakten hinausweisen, die ihr Leben prägten. Die Kinderlähmung mit sechs, der katastrophale Unfall im Bus, bei dem sich eine Eisenstange durch das Becken der jungen Frau bohrte. Das Leben voller Schmerzen. Die zweifache Heirat mit dem 21 Jahre älteren und notorisch untreuen Künstler Diego Rivera.

Etliche Affären, mit denen sich Frida über diese fortwährenden Enttäuschungen hinwegzu-trösten suchte. Die Fehlgeburten. Zig Operationen. Der frühe Tod, dem Frida womöglich durch Medikamente nachhalf.

Vor diesem Background steht man nun im MARTa und stellt zunächst fest, dass die Frau mit dem bewegten Leben ein gewöhnliches Familienalbum pflegte. Allerhand Verwandte finden sich darin. Die Mutter natürlich, von deren traditioneller Tracht Frida sich offenbar einiges abgeschaut hat. Etwas aus dem Rahmen des Üblichen fällt allerdings der Vater und immer wieder der Vater. In Baden-Baden geboren, war er bereits als junger Mann nach Mexiko gekommen und geblieben. Als Autodidakt fand er dort zur Fotografie als Lebensunterhalt und richtete seine Kamera vorwiegend auf architektonische Motive.

Dies ist jedoch nur die offizielle Seite seiner Fotografie. Im Privaten gehörte Frida zu seinen bevorzugten Sujets, und ebenso viel Gefallen fand Wilhelm alias Guillermo Kahlo an der eigenen Person. Eine ganze Galerie von Selbstporträts kommt in Herford zusammen – sie reichen von den Anfängen in kecken Posen, sportlich oder als Bohémien, bis ins Alter, das den Fotografen manchmal etwas melancholisch zeigt. Möglicherweise wurde Frida ja von seinem ausgeprägten Hang zum Selbstbild angesteckt. Und gewiss hat sie vor seiner Linse schon als kleines Mädchen die später zur Perfektion getriebene Pose eingeübt.

Ebenso sicher ist, dass der Vater seinen Töchtern fotografische Verfahren und Techniken nahe brachte, oft genug assistierten sie ihm in der Dunkelkammer. Auch später noch gehörte die Kamera in Fridas Alltag, allenthalben lag sie griffbereit. Und das fotografische Bild war ihr wertvoller Begleiter. Die Künstlerin trug Porträts vertrauter Personen gern bei sich, »um sie in meiner Nähe zu haben«, wie sie selbst erklärte. Manchmal bekundete Frida ihre Zuneigung gar, indem sie den Bildern ihren geschminkten Kussmund aufdrückte. Ungeliebte Personen wurden dagegen hier und da weggeknickt oder per Schere kurzerhand aus dem Bilderschatz getilgt.

Von all dem gibt die Schau Beispiele. Überdies bezeugen Bilder von Fotografen-Größen wie Man Ray, Martin Munkácsi, Edward Weston oder Brassaï Frida Kahlos Verständnis für und ihre Beziehung zu dem neuen Medium und seinen wichtigsten Vertretern. Auch Gisèle Freund war des Öfteren mit ihrer Kamera zu Gast im Blauen Haus.

Für Frida Kahlos eigenen Umgang mit dem Apparat gibt es dagegen nur wenige gesicherte Belege. Darunter ein Stillleben-Konstrukt mit Puppe, die auf einer Strohmatte liegt und von einem Holzkarren mit galoppierendem Pferd begleitet wird. Man darf darin wohl ein Beispiel für Kahlos aus den Gemälden gut bekannten, zuweilen etwas derben Symbolismus sehen, den die Künstlerin immer wieder bemüht, um das eigene Schicksal zu veranschaulichen. Hier geht es, wie zu vermuten, um den verheerenden Bus-Unfall.

Kahlo kennt eben nur das eine Thema. Und so ist sie wahrscheinlich selbst Schuld daran, wenn ihre Kunst mitunter hinter dem Kult zurücksteht. Wenn die Malerin mehr interessiert als ihre Malerei – wie nun in Herford. Ihre stärksten Momente erlebt die Schau dort, wo man meint, hinter dem sorgsam konstru-ierten Mythos etwas von der echten Frida Kahlo zu erkennen. Und diese Momente beschert ihr vor allen Nickolas Muray – ganz egal, ob er Frida bäuchlings auf dem Bett oder im Streckverband gefesselt vor die Linse bekommt.

 Bis 10. Mai 2015, MARTa, Herford, Tel.: 05221 / 9944300, www.marta-herford.de

Kunst
03 / 2015

BILDER EINER FRAU: Kahlo im Museum MARTA

Von: Stefanie Stadel


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