Das Haus der Kunstsammlung NRW am Grabbeplatz (K20). Foto: Walter Klein

»Das sind meine eigenen Ansätze«

Die neue Direktorin der Kunstsammlung NRW, Marion Ackermann, über ihre Pläne und Ideen sowie die hohen Erwartungen, mit denen sie konfrontiert ist

Interview: Ulrich Deuter, Helga Meister

//  Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, die einzige Staatsgalerie des Landes, wurde 1961 gegründet und hatte Werner Schmalenbach als Gründungsdirektor. 1986 zog das Museum aus dem Rokoko-Schlösschen Jägerhof in den Neubau am Grabbeplatz um. Nachfolger Armin Zweite setzte einen Paukenschlag mit dem Ankauf von »Palazzo Regale« von Joseph Beuys, dem letzten großen Werk des Künstlers.Die Kunstsammlung erhielt 2002 eine Dependance im ehemaligen Ständehaus und nannte ihre Häuser K 20 und K 21. Im Juli 2010 wird das derzeit geschlossene und dann um rund 2000 Quadratmeter erweiterte Hauptgebäude am Grabbeplatz wieder eröffnet. In beiden Häusern stehen künftig rund 10.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche bereit. Außerdem kommt das ehemalige Schmela-Haus hinzu.Marion Ackermann ist seit September Generalintendantin. Sie schafft die Namen K 20 und K 21 ab. Damit musste der Vertrag mit Julian Heynen geändert werden, bis Ende August künstlerischer Leiter von K 21. Er ist nun – auf eigenen Wunsch – künstlerischer Leiter »für besondere Aufgaben«.

K.WEST: Als die Kunstsammlung NRW gegründet wurde, formulierte Nordrhein-Westfalen damit den Anspruch auf einen Gipfel in der Landschaft in der Moderne. Sehen Sie eine Chance, die alte Höhe wiederzugewinnen?

ACKERMANN: Ja, ich sehe eine wirkliche Chance. Allerdings nur innerhalb einer fruchtbaren Kunstlandschaft Nordrhein-Westfalen. Es gibt derzeit viel Neuanfang in den hiesigen Museen, allein schon durch einige jüngst erfolgte oder bevorstehende personelle Wechsel an der Spitze: Bonn, Duisburg, Essen. Ich denke, dass über solche Generationswechsel auch eine neue Belebung der Kunstszene im Rheinland geschehen wird. Denn wir haben alle einen sehr intensiven Dialog über unsere Programme miteinander vor, keiner sieht sich isoliert im Rheinland. Allerdings bin ich kein Freund von Mega-Ausstellungen. Die Idee, sich zusammenzuschließen und gleichzeitig etwas zu einem Thema zu veranstalten, ist sinnvoll für die Quadriennale in Düsseldorf. Ansonsten aber ziehe ich die stimulierende Konkurrenz vor, wo einer auf den andern reagiert.

K.WEST: Wie sehen Sie die Rolle Ihres Hauses im Orchester der anderen Museen im Land: erste Geige, Dirigent?

ACKERMANN: Damit ein Haus in so einem Orchester gut funktioniert, muss jedes für sich umso schärfer herausarbeiten, was sein Profil sein soll. Unsere Position innerhalb dieses gesamten Gefüges ist herausgehoben, Maßstab setzend, aber beruht auf einem Balanceakt: das Gewachsene, den hohen Qualitätsanspruch dieses Hauses, zu bewahren und gleichzeitig die Leichtigkeit und das Risiko zuzulassen. Also sich nicht zurückzuziehen auf das Abgesegnete der Kunstgeschichte, sondern offen zu bleiben für die sich permanent wandelnde Kunst. Letzteres sollte deutlicher als bisher im Programm verankert sein.

K.WEST: Im Magazin der Kunstsammlung NRW vom Frühjahr 2009 schreibt Ministerpräsident Rüttgers von seiner Freude auf eine »vollkommen neu verortete Kunstsammlung NRW«. Kommt also die Marschrichtung, die beiden Häuser K 20 und K 20 zusammenzulegen bzw. neu zu ordnen, gar nicht von Ihnen, sondern aus der Staatskanzlei?

ACKERMANN: Zunächst einmal: Dieses Heft ist vor meiner Zeit entstanden und beschreibt ja recht abstrakt einen Wunsch nach Aufbruch. Weder während der Zeit meiner »Anwerbung« durch die Findungskommission noch nach meiner Berufung habe ich von irgendeinem Politiker Wünsche über bestimmte Veränderungen gehört oder gar Weisungen erhalten. Die Betonung der Einheit der beiden Häuser, die Dynamisierung der Sammlungsteile sowie die entsprechenden strukturellen Veränderungen innerhalb des Teams sind meine eigenen Ansätze, Ergebnisse einer von mir durchgeführten Analyse. Prinzipiell habe ich Inhalt und Programm der Kunstsammlung NRW als nahezu perfekt empfunden, fand allerdings auch, dass Wirksamkeit und Strahlkraft der Häuser entscheidend gesteigert werden könnten.

K.WEST: Ihre erste Ausstellung am Grabbeplatz wird die Ausstellung »Beuys – Parallelprozesse« im September 2010 sein. Nun sind die dafür beiden wichtigsten Personen nicht mehr an Bord: Franz-Joachim Verspohl ist plötzlich verstorben, Pia Müller-Tamm, von der Sie den Titel der Ausstellung übernommen haben, hat das Haus verlassen. Niemand in Ihrem Team hat jemals über Beuys gearbeitet. Wie können Sie diese wichtige Ausstellung retten?

ACKERMANN: Retten? Ich würde eher sagen: bewältigen, meistern. Zwar gab es ein solides Fundament, als ich am Beginn meiner Übergangszeit mit meinem Team in das Projekt einstieg: eine Bezuschussung durch das Bundesforschungsministerium, die es ermöglicht, in der Kooperation mit der Uni Jena u. a. vier Doktoranden zu beschäftigen; sowie Werkslisten und einige von den beiden genannten  Kollegen erwirkte mündliche Zusagen für Leihgaben. Inzwischen ist die Ausstellung eine ganz eigene und durchaus andere geworden. Wir werden auf eine bescheidenere Weise an das Thema herangehen, als die Berliner es gemacht haben …

K.WEST: …  gemeint ist die Beuys-Retrospektive im Hamburger Bahnhof 2008/09.

ACKERMANN: Bescheiden, aber uns durchaus der großen Chance unserer Unvoreingenommenheit bewusst, bahnen wir einen eigenen Weg zum tieferen Verständnis von Beuys.  

K.WEST: Wie wollen Sie Beuys aus dem Klassikergrab holen?

ACKERMANN: Indem ich die Geschichte der Beuys-Ausstellungen analysiere. Indem ich die Fragen nach Beuys’ Aktualität, nach den performativen Aspekten in seinem Werk, nach seiner Ausstellbarkeit im Museum stelle und diese Frage auf einer Metaebene in unsere Ausstellung selbst integriere. Die Fragen der Dokumentation von Performances als flüchtiger Kunstform im Museum sowie des Umgangs mit den materiellen Relikten von Performances werden im Zusammenhang unseres Projektes mit besonderer Dringlichkeit gestellt.

K.WEST: Gibt es denn einen neuen Ansatz, der in der Beuys-Ausstellung verwirklicht werden wird, eine neue Fragestellung?

ACKERMANN: Ja, die gibt es. Aber etwas Geheimnis muss noch bleiben. Der eigene Ansatz wird sichtbar werden, wenn die Ausstellung verwirklicht ist. Noch nie sind mir im Übrigen so weit im Voraus auf teilweise durchaus offensive Weise Fragen nach konkreten Details der Ausstellung, Anzahl und Art der Exponate, Platzierung im Raum, Architektur etc. gestellt worden. Bei mir entstehen Ausstellungen über Bilder im Kopf, die sich nach und nach verdichten und konkretisieren.

K.WEST: Neben dem Ständehaus (K 21) und dem Stammhaus am Grabbeplatz (K 20) wird das diesem benachbarte  Gebäude der ehemaligen Galerie Schmela Teil der Kunstsammlung NRW. Was ist für dort geplant?

ACKERMANN: Nach der Nutzung im Zusammenhang der Beuys-Ausstellung soll es der Kunstsammlung ab Frühjahr 2011 voraussichtlich als eine Art »Probebühne« dienen, möglicherweise eine Art Ventil für uns als Großinstitution bilden, um jenseits der sonst üblichen langen Vorplanungszeiten unmittelbar auf gute Kunst reagieren zu können. Die Konzeption ist allerdings noch nicht ausgereift, daran arbeiten wir gerade.

K.WEST: Sie haben angekündigt, die Installation »Deutschlandgerät« von Reinhard Mucha in der K 21 abbauen zu wollen. Warum? Haben Sie Angst vor diesem Kunstwerk?

ACKERMANN: Das Werk wird zu einem wahren »Deutschlandgerät«, es schlägt zurück! (Lacht.) Ihre Formulierung zeigt schon einen falschen Ansatz. Ich bin ein großer Fan besonders des Frühwerks von Mucha. Das »Deutschlandgerät« halte ich für eine wichtige Arbeit. Der Grund, warum ich mit dem Künstler über die Möglichkeit des Ab- und Aufbaus des »Deutschlandgeräts« gesprochen habe, hat nur indirekt mit dem Werk selbst zu tun. Es geht um museumsstrategische Überlegungen, aber auch um sachliche Statusklärung des Werkes. Wenn wir nächstes Jahr erproben, die kleinen Formate der Klassischen Moderne in die Räume des Ständehauses zu hängen, was hat das dann für Konsequenzen für das »Deutschlandgerät«? Darf es sich als Relikt in einem anders definierten Kontext befinden? Außerdem würde ich gern den Sonderausstellungsbereich vom Kellergeschoss nach oben verlegen. Das ginge aber vermutlich nur unter Einbeziehung des jetzigen Mucha-Raumes. Also habe ich Reinhard Mucha die Frage gestellt, wie wäre es, den Raum für fünf Jahre abzubauen und danach an gleicher Stelle wieder aufzubauen, verbunden mit einer großen Retrospektive. Aber Mucha hat entgegnet, er würde seine Arbeit nicht in identischer Form noch einmal aufbauen. Wenn wir – wozu wir meiner Auffassung nach berechtigt wären – die Arbeit temporär abbauen und der Künstler den geplanten Wiederaufbau boykottiert, hätten wir als Museum dann die Arbeit zerstört? Kann der Künstler sich ewige Präsenz erzwingen? Das ist eine grundsätzliche, juristisch und kunsttheoretisch spannende Frage. Wir reagieren darauf mit einer eigens entwickelten Sammlungspräsentation im K 21, in der unter dem Titel »Raum für Raum« der Künstlerraum thematisiert wird und der Status der Mucha-Arbeit, die bis dahin auf jeden Fall bleibt, im Kontext diskutiert werden kann.

K.WEST: Die Ausstellungen, die Sie angekündigt haben, sind mehr oder weniger Projekte Ihrer Vorgänger. Was ist Ihre große Ausstellung, Ihr Paukenschlag?

ACKERMANN: Da muss ich aber deutlich widersprechen: Bis auf die Struth-Ausstellung, die dem Künstler schon lange versprochen war und die ich mit Freude in meiner Zeit umsetze, habe ich für 2011 nur große neue Projekte angekündigt.

K.WEST: Haben Sie dafür noch Beispiele?

ACKERMANN: Die ganze, in der Sammlung vertretene Klassische Moderne ist durch große Ausstellungen meiner Vorgänger bearbeitet worden, dem kann man eigentlich gar nichts hinzufügen. Also möchte ich mit starken thematischen Ausstellungen reagieren, mit übergreifenden Fragestellungen. Zwei Beispiele für 2011: sich endlich mal mit dem Motiv des blinden Fensters »Fresh Widow / French Window« von Duchamp auseinanderzusetzen. Das ist nie in einer Ausstellung untersucht worden, dieses Spiel an der Grenze von Abbild und Autonomie. Das wird eine große spektakuläre Ausstellung mit Werken u.a. von Magritte, Matisse und Picasso. Ein weiteres Thema ist »Die andere Seite des Mondes«, gemeint sind Surrealistinnen der ersten Stunde. Der dritte konzeptionelle Strang des Gesamtprogramms bezieht sich auf die kuratorische Zusammenarbeit mit Künstlern. Das ist ein ureigenstes Thema von mir, das ich schon lange vorhabe. Mit Rosemarie Trockel oder Neo Rauch werde ich Gespräche führen. Den Auftakt hier macht die Ausstellung Zvi Goldstein 2011, die Julian Heynen betreut. Es ist ein wesentlicher Teil meines Konzepts, dass sich die Vielfalt der kuratorischen Ansätze (wir sind immerhin sieben!) im Programm spiegelt. Doch die Leitlinien sind von mir präzis benannt.  


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Marion Ackermann. Foto: Kunstmuseum Stuttgart © Mellenthin

 www.kunstsammlung.de

Kunst
10 / 2009

»Das sind meine eigenen Ansätze«


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