Otto Mueller: Am Ufer der Moritzburger Seen Sitzende und Kniende, 1912. LehmbruckMuseum, Foto: © LehmbruckMuseum / Jürgen Diemer

DER MALER UND SEIN ZWILLING

Lauter hübsche Schwestern in paradiesischer Natur: Eine Ausstellung in Duisburg überblickt das Schaffen von Otto Mueller. Dabei rückt sie ihn eng neben Wilhelm Lehmbruck, zeigt so Abhängigkeiten und Gemeinsamkeiten zwischen dem Maler und dem Bildhauer.

 

TEXT: STEFANIE STADEL

»Nie sprach er viel. Er war zergrübelt, innerlich hin- und hergerissen, zu subtil für eine Zeit, die auch in der Kunst das Draufgängerische, Herrisch-Brutale glorifizierte«, so erlebte der Kunstschriftsteller Paul Westheim den Maler. »Das Ballen, das Sich-Aufsteilen, wie es in den Werdejahren des Expressionismus gefordert und allein bewundert wurde, lag ihm nicht.« Otto Mueller war Expressionist, drei Jahre lang Mitglied der »Brücke«. Doch gibt es einiges, was ihn von den anderen unterscheidet.

Fremd scheint ihm das Hektische, Impulsive, Ekstatische. Mueller ist selten spontan. Er komponiert, konstruiert seine Bilder. Und er lässt das moderne Leben darin links liegen. Straßenszenen, Kokotten, Tanzpaare in verrauchten Lokalen – all das, was man von den Kollegen kennt, kommt bei ihm nicht vor. Lieber konzentriert sich Mueller auf Frauen und Mädchen, die er nackt im Einklang mit einer paradiesischen Natur präsentiert.

Reichlich davon gibt es nun auch in der Mueller-Schau im Lehmbruck Museum zu sehen. Sie haben wenig Individuelles, schauen mit ihren Katzenaugen alle aus wie hübsche Schwestern. Typisiert und Verallgemeinert. So zeigen sie sich beieinander auf Wiesen und Waldlichtungen oder ruhend zwischen Gräsern und Farn. Kaum ein Künstler wohl verharrte so konsequent in einem Motivkreis.

130 WERKE

Nur selten erweitern Knaben und junge Männer das schmale Repertoire. Oder Liebespaare – Doppelporträts, auf denen der Maler sich und seine häufig wechselnden Gefährtinnen innig in Szene setzt. Jene romantischen Zigeunerbilder, für die der Künstler berühmt wurde, nehmen nur einen kleinen Part im Œuvre ein, spielen deshalb auch in Duisburg eine Nebenrolle.

Mit rund 130 Werken – einigen Gemälde und vielen Druckgrafiken oder Arbeiten auf Papier – führt die Ausstellung durch das Schaffen des 1874 geborenen Schlesiers. Und startet im Jahre 1903 mit einem Knaller aus dem wenig bekannten, da fast komplett zerstörten Frühwerk des Künstlers: Lebensgroß tritt sie uns entgegen, die Schlanke, Schöne. Den Kopf im Nacken, die Augen aufgerissen. Es ist Nacht, doch helles Mondlicht fällt durchs Fenster auf ihren entblößten Körper und lässt den Dolch in Lucretias Hand blitzen. Weit holt sie aus. Im nächsten Moment wird sich die Klinge wohl zwischen ihre Rippen bohren. So zumindest endet die Story bei Titus Livius, dem römischen Autor: Vergewaltigt und daraufhin von Scham gepeinigt, tötet sich die Heldin vor den Augen ihres entehrten Gatten.

LUCRETIA WURDE NICHT ZERSTÖRT

Bei Muellers malerischer Fassung des Themas ist man sich allerdings nicht mehr ganz sicher. Will Lucretia sich wirklich umbringen? Oder setzt sie nicht doch eher zum beherzten Gegenangriff an? In dieser Interpretation steckt noch eine Menge Fin de siècle, Femme fatale, man denkt an Franz von Stuck. Züge, die sich im späteren Werk verflüchtigen.

Ohne die etwas andere Lucretia hätte es diese Ausstellung in Duisburg vielleicht gar nicht gegeben. Denn die Schau ist nicht hausgemacht, sondern konzipiert von der Otto-Mueller-Gesellschaft. Nach Stationen in Zwickau und Heilbronn war Duisburg ein weiteres Wunschziel des Organisators. Doch Raimund Stecker, Leiter des Lehmbruck Museums, winkte nicht nur einmal ab.

Erst die Aussicht auf allerhand schöne Geschenke war es letztlich wohl, die den Direktor des armen, baufälligen Hauses überzeugen konnte. Elf Werke hat der große Mueller-Sammler und Mitbegründer der Otto-Mueller-Gesellschaft Dieter W. Posselt im Vorfeld der Schau bereits nach Duisburg spendiert. Allen voran Lucretia. Jenes Schlüsselwerk, noch dazu mit Seltenheitswert. Hatte Mueller doch das Gros seiner Frühwerke zerstören lassen – Lucretia gehört zu den wenigen, die der Aktion entgangen sind.

MUELLER UND LEHMBRUCK ALS BRÜDER

Prominent platziert hängt sie nun im zentralen Saal. Und gleich neben ihr Wilhelm Lehmbrucks symbolistisches Relief einer schwebenden »Seele« von 1908. Auf Vergleiche und Gegenüberstellungen zwischen dem Maler Mueller und dem Bildhauer Lehmbruck hebt die Ausstellung in ihrer Duisburger Ausgabe ganz besonders ab. Will sie die beiden doch als Zwillingsbrüder verstanden wissen – als siamesische gar. Zwar scheint diese Kennzeichnung etwas übertrieben, doch sind durchaus ähnliche Auffassungen in Wesen und Werk auszumachen. Das Offensive fehlte dem einen wie dem anderen.

Ins Auge fallen vor allem Parallelen in der Figurensprache – jene feingliedrig gestreckten Gestalten, die uns beim Maler wie auch beim Bildhauer begegnen. Bisher hieß es immer, dass Mueller sich bei dieser Formulierung von Lehmbruck anregen ließ. Ausstellung und Katalog nun legen viel Wert darauf, hervorzuheben, dass es umgekehrt war. Dass Mueller sich als Erster mit altdeutschen Meistern wie Lucas Cranach auseinandergesetzt und so zu seinen langen Frauen und Männer gefunden habe – schon in seiner Lucretia deute sich das an. Jahre vor Lehmbruck, der erst 1911 mit der »Knienden« zum Durchbruch gelangte.

FRAUEN UND MODELLE

Neben Cranach fließt das Vorbild von Muellers erster Frau Maschka ein in das zwiespältige Bild der Lucretia. Lange Zeit war sie sein einziges Modell. Später werden andere ihre Rolle übernehmen. Ob Ehefrau oder Geliebte, Mueller hatte genug davon und alle posierten sie für ihn: Hier meint man die langen Haare und das schmale Gesicht von Irene Altmann zu erkennen, dort Elsbeth Lübkes eher üppige Figur oder die beinahe androgyne Gestalt von Elfriede Timm. Es bleiben aber immer nur Andeutungen. Mueller übersetzt die Züge der Damen ins Allgemeingültige, um ein Idealbild zu schaffen.

Es sind nicht die großen Sprünge, die den Rundgang im Lehmbruck-Museum interessant machen. Man muss sich mit kleinen Entdeckungen begnügen. Nuancen. Mit geringen Mitteln und wenigen Veränderungen suchte Mueller, neue Akzente zu setzen, die er immer wieder in Zeichnung und Lithografie erprobte, bevor er sie malerisch formulierte. In seinen Gemälden bevorzugte er recht unübliche Mittel: Leimfarben und als Träger den groben Rupfen. Es ist eine Technik, die keine lauten Töne, keine knalligen Farben hervorbringt. Allenfalls ein zartes Leuchten von innen.

EIN MORD AUF DER RÜCKSEITE

»Feiner Otto Müller. Lyriker aber doch Mensch«, so befand einst Ernst Ludwig Kirchner über den Brücke-Kollegen und lobte die »sinnliche Harmonie seines Lebens mit seinem Werk«. »Romantiker«, »Schöngeist«, so wurde er von anderen genannt. Doch gab es wohl auch eine andere als die innige, feine, friedliche Seite. So entdeckte man bei den Vorbereitungen zur Ausstellung sogar einen echten Mord. Unerwartet auf der Rückseite des harmlosen »Paares am Tisch«, das sich seit 1957 in der Duisburger Sammlung befindet, zwingt ein Mann sein weibliches Opfer nieder.

Vergleichbare Gewaltakte hat das Museum auch im Werk des Hausherrn ausfindig gemacht: »Kampfszene«, »Frau, sich erdolchend«, »Paar (Überfall)« so die Titel. Die beiden Künstler waren sich also nicht nur in ihrer stillen Zurückhaltung und den langgezogenen Figurenbildern nahe. Demnächst könnten sie auf Dauer zusammenfinden. Posselt stellte dem Museum zur Ausstellungseröffnung noch mehr Gaben in Aussicht und wünscht sich dafür zwei oder drei eigene Mueller-Räume unter Lehmbrucks Dach. Auf dass sich die »Zwillinge« nicht mehr so schnell wieder aus den Augen verlieren.

 

Bis 24. Februar 2013. Lehmbruck Museum, Duisburg; Tel.: 0203/283 3294. www.lehmbruckmuseum.de

 

Kunst
12 / 2012

DER MALER UND SEIN ZWILLING

Von: STEFANIE STADEL


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