Die »Lichtfuge« zwischen Alt- und Neubau, Foto: © Peter Hinschläger / Leopold-Hoesch-Museum

DIE KUNST DER FUGE

Drei Jahre Baustelle haben ein Ende. Das Leopold-Hoesch-Museum in Düren feiert die Einweihung des neuen, spektakulären Erweiterungsbaus mit sechs Ausstellungen gleichzeitig. Mit dabei: Gregor Schneider.

TEXT: VOLKER K. BELGHAUS

Das Treppenhaus war das Einzige, was stehen blieb in jener Bombennacht 1944. Darumherum versank das alte Düren, und mit ihm das Leopold-Hoesch-Museum in Schutt und Asche. Der 1905 errichtete Bau des Aachener Architekten Georg Frentzen, einem Vertreter des Historismus, prunkte mit einer Architektur, die Barock und Jugendstil verband, einschließlich Kuppeln und eben jener Treppenhausrotunde. Sie sowie unzerstörte Teile des Eingangsbereichs bildeten die Basis für die Rekonstruktion und den Wiederaufbau des Gebäudes, der 1952 abgeschlossen, aber aus finanziellen Gründen etwas vereinfacht wurde; so verzichtete man beispielsweise auf die Kuppeln.

Düren aber hatte wieder einen Ort, um die Sammlung seines traditionsreichen Museums zu zeigen, das nach dem Dürener Industriellen und Gründer der Dortmunder Westfalenhütte, Leopold Hoesch, benannt ist und zu dem eine Gemäldesammlung des deutschen Expressionismus gehört. In der Nachkriegs-zeit nun konnte durch Neuerwerbungen, Stiftungen und Schenkungen eine Kollektion der Klassischen Moderne aufgebaut werden. Seit 1986 ist das Haus, gemeinsam mit dem benachbarten Papiermuseum, zudem Schauplatz der Internationalen Papierkunst-Biennale »Paper-Art«.

Doch die pompöse Museumsfassade verbarg nur schlecht ein eher sparsames Raumangebot. Daher begannen 2007 Um- und Erweiterungsarbeiten, die nun ihren Abschluss gefunden haben.

Nahe lag, an die Rückseite des Altbaus ein historisierendes Etwas zu kleben; glücklicherweise wurde darauf verzichtet und sich ganz zur Moderne bekannt. Ein schlichter, funktionaler Kubus erweitert das Museum, der Sandsteinfassade des Altbaus wurden helle Backsteinziegel gegenübergestellt. Sie zitieren nebenbei die optische Anmutung der nahen Stadtmauer und der St. Anna-Kirche. Der Entwurf der Kölner Architekten Peter Kulka und Henryk Urbanietz drängt sich nicht auf, sondern nimmt die Kubatur des historischen Gebäudes auf. Die entstandenen Kontraste sind durchaus reizvoll, vor allem, wenn man von der ornamentalen Pracht in den formalen »White-Cube« Kulkas wechselt. Durch eine sogenannte »Lichtfuge« gelangt man von einem Baukörper in den anderen. Kulkas Entwurf verzichtet weitgehend auf große Fensterflächen, dennoch herrscht keine Kunstbunkeratmosphäre. Und es gibt Tageslicht am Ende des Tunnels: Durch ein aus der Fassade herausragendes »Schaufenster« öffnet sich der Blick gen St. Anna und die Umgebung. Diese Art raumhoher Fenster erinnert an Peter Zumthors Kolumba-Museum in Köln und verfehlt auch in Düren seine Wirkung nicht.

Ginge es nach Architekturliebhabern und Puristen, könnten diese hellen, noch leeren Räume eigentlich so bleiben wie sie sind – eine eindrucksvolle, begehbare Skulptur. Das ist natürlich nicht Sinn der Sache, und so feiert das Leopold-Hoesch-Museum seine Wiedereröffnung mit sechs Ausstellungen gleichzei-tig. Unter dem leider etwas uninspirierten Titel »Treffpunkt Düren« werden Künstler unterschiedlichster Ausrichtung gezeigt. Etwa Stipendiaten der Günther-Peill-Stiftung, die ihren Sitz im Leopold-Hoesch-Museum hat: Sven Johne und Michael Sailstorfer. Johnes Bilder und Filme besitzen dokumentarischen Charakter und spielen mit der Wahrnehmung zwischen Realität und medialer Vermittlung. Auch bei Sailstorfer ist die Wahrnehmung zunächst gestört. Seine multimediale Arbeit »Schwarzwald« ist eigens für das Museum entstanden: Ein schwarz gefärbtes Waldstück wird von einer Kamera aufgezeichnet und auf einen Monitor im Museum und gleichzeitig ins Internet übertragen, Sailstorfer spielt mit der Diskrepanz zwischen Monitor und Ausstellungsraum – Black Forest trifft White Cube.

Die Hubertus-Schoeller-Stiftung, ebenfalls langjährige Förderin des Museums, hat zum Neustart des Hauses das »Lichtballett« von Otto Piene erworben: eine Art übergroßer Disco-Kugel und gleichzeitig Raum-Licht-Installation. Ein weiterer Sammler, Peter Thelen, zeigt eine Retrospektive auf das Lebenswerk des Happening-Künstlers Wolf Vostell.

Bleibt ein weiterer, großer Name: Gregor Schneider. Der schweigsame Mystiker, der in Mönchengladbach-Rheydt das »Tote Haus u r« errichtete und Teile davon 2001 in den Deutschen Pavillon der Biennale in Venedig verpflanzte, wird auch in Düren irritieren und für leichtes Unwohlsein sorgen. »Marien-strasse 4« heißt seine Installation, und wieder holt er das Äußere nach Innen. Ein Teil jener Straße des Örtchens Pier in der Gemeinde Indens wird im Museum detailgetreu rekonstru-iert. Straße wie Ort indes gibt es nicht mehr, sie wurden abgerissen, weil sie den Braunkohlebaggern im Weg standen. Schneiders menschenleeres Straßenstück macht das eigentlich Banale museal und versucht, dieses Stück Normalität dem Vergessen zu entreißen. Wenn auch nur für kurze Zeit, denn »Marienstrasse 4« ist nur im Rahmen der Eröffnungsausstellungen »Treffpunkt Düren« bis zum 15. August zu sehen. Bedauerlicherweise.   

»Treffpunkt Düren« 27. Juni bis 15. Aug. 2010 Leopold-Hoesch-Museum, Düren Tel.: 02421/252558 www.leopoldhoeschmuseum.de

Kunst
07 / 2010

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