Marcus Dekiert. Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Haydar Koyupinar

»DIE ORIENTIERUNG AUF EIN MÖGLICHST BREITES PUBLIKUM SOLLTE HEUTE SELBSTVERSTÄNDLICH SEIN.«

In Köln ist er aufgewachsen, in Bonn hat er promoviert, in München war er zehn Jahre an der Alten Pinakothek. Nun kehrt Marcus Dekiert zurück. Im März übernimmt der dann 43-Jährige die Leitung des ältesten Museums seiner Heimatstadt. Mit K.WEST sprach er über das Wallraf-Richartz-Museum und sein künftiges Wirken dort.

 

INTERVIEW: STEFANIE STADEL

K.WEST: Sie haben ihre Kindheit und Jugend in Köln verbracht, haben in Bonn promoviert und weiter in der Kölner Südstadt gewohnt. Der Beruf führte Sie zunächst nach Karlsruhe, dann nach München. Nach zehn Jahren an der Alten Pinakothek kommen Sie nun zurück – als Direktor des ältesten Museums Ihrer Heimatstadt. Was ist das für ein Gefühl?

DEKIERT: Ein sehr schönes, angenehmes. Als Kölner hat man ja bekanntlich immer eine starke Beziehung zu seiner Stadt. In meiner Biografie ist es natürlich ein Weg nach Hause. Aber wichtiger ist mir, an so eine wunderbare Sammlung zu kommen, noch dazu in leitender Funktion. Ich freue mich sehr darauf, die Geschicke dort für die nächsten Jahre gemeinsam mit dem Team gestalten zu können.

K.WEST: Welche Ausstellungen haben Sie zuletzt im Wallraf-Richartz-Museum gesehen?

DEKIERT: Die letzte Ausstellung ist natürlich die gerade laufende, »1912 – Mission Moderne 1912«. Ein wunderbares Projekt, das ich mit großer Freude gesehen habe, auch den Katalog, der dazu entstanden ist. Ich bin in den vergangenen zehn Jahren aber auch immer wieder im Wallraf-Richartz-Museum gewesen, weil ich neben den familiären Verbindungen auch viele Freunde in Köln habe. Dabei konnte ich wohl so ziemlich alles sehen, was an Ausstellungen dort stattgefunden hat.

K.WEST: Gibt es Ausstellungen, die Ihnen besonders gut gefallen haben?

DEKIERT: Ich finde, dass es dort eine interessante Ausstellungstätigkeit gab, die mir im Einzelnen meist gut gefallen hat. Ich denke zum Beispiel an die Schau mit dem holländischen Sammlerpaar Kremer, die man auf besondere Weise inszeniert hat: mit weißen Wänden, weißen Sofas und großen Lüstern. Das fand ich sehr mutig – und sehr gelungen.

K.WEST: Was hat Ihnen an Andreas Blühms Arbeit in den letzten Jahre vielleicht weniger zugesagt ? Möchten Sie etwas anders machen?

DEKIERT: Ein bisschen hat mich gestört, dass die Alten Meister weniger im Zentrum standen, als dies früher am Wallraf-Richartz-Museum der Fall war.

K.WEST: Sie wollen die Schwerpunkte wieder anders setzen?

DEKIERT: Ja, denn ich finde es wichtig, das durch die Sammlung und die Tradition eines Hauses vorgegebene Profil auch in den Ausstellungen erkennbar werden zu lassen.

K.WEST: Was bedeutet dies für das Wallraf-Richartz-Museum?

DEKIERT: Im Programm sollen die verschiedenen Säulen der Sammlung wieder vermehrt aufscheinen, nicht zuletzt die Mittelalter-Sammlung, die ja ganz hervorragend ist und keinen Vergleich zu scheuen braucht. In der großen Schau kommenden Herbst »Die Geheimnisse der Maler. Köln um 1400« wird diese Stärke ja nach langer Zeit erstmals wieder zum Tragen kommen. Aber ich halte es auch für wichtig, dass man im zweiten Obergeschoss, also in der Barockabteilung, wieder mehr unternimmt. Projekte entwickelt, die diesen Teil nach vorne bringen, um auch ihn im Bewusstsein zu halten. Das bedeutet natürlich nicht, dass die wichtige dritte Säule mit der Malerei des 19. Jahrhunderts und der frühen Moderne nicht auch weiter gepflegt werden sollte. Ich möchte mich um Ausgewogenheit bemühen.

K.WEST: Mittelalter und Barock sind bei Andreas Blühm zu kurz gekommen, meinen Sie?

DEKIERT: Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass er selbst – von seiner Ausbildung und seiner bisherigen Arbeit her – stärker dem 19. Jahrhundert verbunden ist. Und was einem selbst am Herzen liegt, das pusht man natürlich etwas weiter und rascher. Mir ist es sehr wichtig, das Bild wieder zu vervollständigen. Zumal es einige Museen in Nordrhein-Westfalen gibt, die auch erfolgreich mit Altmeister-Ausstellungen arbeiten. Und die – das kann ich aus der Ferne sagen – die Aufmerksamkeit absorbieren. Ob dies Düsseldorf ist, ob Wuppertal oder Aachen. Da steht das Wallraf-Richartz-Museum als die große Altmeister-Sammlung im Westen Deutschlands doch auch in der Pflicht.

K.WEST: Andreas Blühm hat ja in seinen Ausstellungen wie in seiner Arbeit überhaupt den Besucher, das breite Publikum sehr fest im Auge gehabt. Hat stark auf Didaktik gesetzt, auf spezielle Themen und auf ausgefallene Inszenierungen. Zum Beispiel beim französischen Salonmaler Alexandre Cabanel, wo ein Modeschöpfer die Ausstellungs-Gestaltung übernommen hat. Könnten Sie sich so etwas auch vorstellen?

DEKIERT: Das muss aus dem Thema erwachsen. Im Einzelfall kann das passen, aber es ist sicher kein Patentrezept. Dass man ungewöhnliche Wege geht, halte ich aber für wichtig. Dabei sollte die Orientierung auf ein möglichst breites Publikum heute selbstverständlich sein. Man muss möglichst viele Türen öffnen.

K.WEST: Abgesehen von der Sammlung und den Ausstellungen stehen ja noch weitere wichtige Dinge an. Ihr Vorgänger war sehr bemüht um größere Unabhängigkeit für sein Haus. Wollen Sie Blühms zum Teil wohl sehr mühsamen Weg weitergehen?

DEKIERT: Ich nehme das Ganze natürlich momentan noch aus einer Außenperspektive wahr. Ein wichtiger Schritt ist Andreas Blühm ja gelungen, 2008, als das Museum übergegangen ist vom traditionellen kommunalen Regiebetrieb in seine jetzige Verfasstheit, einem Eigenbetrieb. Ein gewisses Maß an Selbstständigkeit ist also erreicht.

K.WEST: Aber Blühm wollte viel mehr Eigenverantwortung. Im Gespräch war, das Museum in eine gGmbH zu überführen.

DEKIERT: Ich kann die Stadt als Träger verstehen, dass eine solche Freistellung auch problematisch gesehen wird. Ich will mich in meinen ersten Wochen intensiv vor Ort damit auseinandersetzen, mich mit den Kollegen austauschen. Wenn dieser Weg auch von ihrer Seite weiter empfohlen wird und ich überzeugt bin, dann werde ich am Ball bleiben. Trotz der Widerstände und trotz des hohen Energieverlusts, der damit womöglich verbunden sein wird.

K.WEST: Für wie wichtig halten Sie den fest anvisierten Erweiterungsbau des Museums auf dem Gelände des ehemaligen Kaufhauses Kutz?

DEKIERT: An manchen Ecken ist es ja recht eng im Museum. Deshalb halte ich einen Zuwachs für sehr wünschenswert. Allerdings ist ja vorgesehen, dass dieser Erweiterungsbau eine vielgestaltige Nutzung erfahren soll: Nicht nur dem Museum zur Verfügung steht, sondern auch kommerziellen Zwecken dient. Insofern wird es darauf ankommen, dass man im Zusammenspiel mit Architekten und Gestaltern darauf hinwirkt, dass das Museum sinnvoll integriert wird.

K.WEST: Sie werden in Köln auf einen weiteren Neuling treffen – Philipp Kaiser, der seit Kurzem das Museum Ludwig leitet. Könnten Sie sich vorstellen, in irgendeiner Form zu kooperieren?

DEKIERT: Ja, sehr gut. Auch wenn ich noch nicht mit ihm darüber gesprochen habe. Ich finde, die Tradition in Köln legt das nahe. Ich bin aufgewachsen mit dem Wallraf-Richartz-Museum im Busmann + Haberer-Bau. Als Student habe ich für den Museumsdienst dort viele Führungen gemacht, bei denen man die Besucher vom Mittelalter bis hoch zu Warhol, Jasper Johns und Dalí durch die Kunstgeschichte geleiten konnte. Ich empfand das immer als sehr positiv und lehrreich. Wenn man ein Thema findet, das die Alten Meister, die Kunst des 19. Jahrhunderts und die Moderne betrifft, dann wäre eine Kooperation mit dem Museum Ludwig sicher spannend.

 

Kunst
12 / 2012

»DIE ORIENTIERUNG AUF EIN MÖGLICHST BREITES PUBLIKUM SOLLTE HEUTE SELBSTVERSTÄNDLICH SEIN.«

Von: STEFANIE STADEL


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