Franz Marc: Weidende Pferde IV (Die rote Pferde), 1911. Harvard Art Museum, Busch-Reisinger Museum. Promised Gift froman Anonymous Donor © President and Fellows of Harvard College. Foto: Rick Stafford

DIE VERLORENE MODERNE

Deutschlands »erstes Museum der Moderne« traf es hart: 1937 beschlagnahmten die Nazis rund 1400 Kunstwerke im Museum Folkwang. Für einige Monate holt Essen jetzt über 30 Meisterwerke zurück und rekonstruiert in einer großen Ausstellung die Sammlung von einst.

TEXT: STEFANIE STADEL

Man zitiert ihn gern in Essen – jenen Ausspruch des amerikanischen Kunsthistorikers, der vor bald 80 Jahren durchs Folkwang-Museum streifte. Und es anschließend als »das schönste Museum der Welt« bejubelte. Seit ein paar Wochen geistern diese Worte heftig durch David Chipperfields hoch gelobten Neubau. Ohne Wehmut, die eigentlich mitschwingen müsste. Denn von dem, was Paul Sachs einst im Folkwang bewunderte, ist vieles unwiederbringlich verloren für Essen.

Der Amerikaner besuchte das Haus Jahre vor der natio-nalsozialistischen »Säuberungs«-Kommission, die im Sommer 1937 um die 1400 Kunstwerke in Beschlag nahm. Die Gemäldesammlung traf es besonders hart: Chagall, Heckel, Kirchner, Kokoschka, Marc, Matisse … Weil sich so hochkarätige Stücke auf dem internationalen Markt schon damals gut zu Geld machen ließen, blieb das meiste davon glücklicherweise erhalten und befindet sich heute weit verstreut auf zumeist große Museen diesseits und jenseits des Atlantiks.

Mehr als 30 Meisterwerke dieser verlorenen Moderne sind nun für einige Monate nach Essen zurückgekommen, sie sind die ersten Gäste in Chipperfields neuer Halle für Wechselausstellungen. Mit ihrer Hilfe soll dort »das schönste Museum« rekonstruiert werden – ein bisschen so, wie Sachs es einst gesehen hatte.

Historische Fotos geben einen Eindruck vom Innenleben des Hauses um 1930. Dabei fällt auf, dass sich überall außereuropäische Artefakte zwischen die Werke der klassischen Moderne mischen – Nolde, Modersohn-Becker oder Otto Mueller im Dialog mit fremden Figuren, Masken, Vasen.

Eine für jene Zeit überraschend fortschrittliche Idee. Sie geht zurück auf den Hagener Museumsgründer Karl Ernst Osthaus, der sich durchaus nicht nur für die europäische Avantgarde seiner Zeit begeisterte, als Sammler eher enzyklopädisch dachte, dabei im Laufe seines kurzen Lebens beweglich genug für immer neue Schwerpunkte blieb.

Unter Anleitung der belgischen Jugendstil-Größe Henry van de Velde gelangte Osthaus um 1900 zur malenden Avantgarde nach Frankreich. Und startete sofort zum Groß- einkauf: Monet, Renoir, Seurat, Signac, van Gogh, Gauguin, Rodin.

Van de Velde war überwältigt vom Mut, den Osthaus und dessen Gattin Gertrud an den Tag legten. Wie diese »jungen und unerfahrenen Wesen sich anschickten, das eigene Vermögen zu gebrauchen, um die intimsten Gefühle seiner Mitbürger zu durchkreuzen, die schon den Bau eines Museums als Verschwendung ansahen.« Einige Zeit konzentrierte sich der Sammler weitgehend auf die Franzosen, bis die deutschen Expressionisten seine Leidenschaft weckten. Die Erben hatten weniger übrig für Hagen und die Kunst. So kommt es, dass die sagenhafte Sammlung nach Osthaus’ Tod gegen 15 Millionen Mark nach Essen kam und mit der städtischen Sammlung im neuen Museum Folkwang aufging.

Im »schönsten Museum der Welt« bringt Essen jetzt noch einmal alles zusammen. Allerdings nicht gemischt, wie damals um 1930: Die Ausstellung trennt das Fremde von der europäischen Moderne. Zeigt ozeanische Objekte, Gläser und Textilien aus Ägypten, Schattenspielfiguren aus Java, japanische Masken und Lackarbeiten in eigenen Abteilungen, weil sie keine Vergleiche aufdrängen will. Die außereuropäische Kunst macht den Löwenanteil aus – an die 300 Stücke. Dem stehen in der Schau etwa 20 Zeichnungen, ebenso viele Skulpturen und rund 70 Gemälde von Cézanne über Kirchner und Kokoschka bis de Chirico gegenüber.

Offenbar hatten die Nationalsozialisten sehr bald erkannt, dass im Folkwang jede Menge »volksgefährdendes« Material lauerte. Vielleicht geriet das Haus deshalb bald ins Visier der neuen Machthaber, die schon 1934 einen Mann ihres Vertrauens an seiner Spitze installierten. Klaus Graf von Baudissin ging denn auch gleich an die Arbeit: Die Abbilder »einer Welt im Verfall« wurden verräumt. Im Halbdunkel des Magazins sollten sie, so Baudissin, »ihr gespenstisches Dasein weiterführen, in ihren schrillen Dissonanzen die zerrüttete Welt anklagen«.

Zu dieser Sorte Kunst gehörte in seinen Augen auch Kandinskys »Improvisation 28«, die er kurzerhand verkaufte und dazu in der »National-Zeitung« Stellung nahm, unter der Überschrift »Das Essener Folkwangmuseum stößt einen Fremdkörper ab.« Ein Händler erwarb das Schlüsselwerk damals für das neue Guggenheim-Museum in New York. Schön, dass die Ausstellung das wunderbare Stück jetzt noch einmal zurückholen kann.

Baudissin war auch Teil jener Kommission, die im Sommer 1937 durch Deutschland tourte, um die Museen zu plündern. Die Väter der Moderne blieben damals größtenteils an den Wänden. Van Gogh oder Gauguin fanden Gnade vor den Verfalls-Fahndern. Hier greift die Ausstellung in Essen also weitgehend auf die hauseigenen Bestände zurück. »Entartung« diagnostizierten die »Experten« vor allem unter den Jüngeren im Folkwang. Ihre Werke wurden für die Feme-Ausstellung »Entartete Kunst« eingezogen und zur Beschaffung von Devisen auf den Markt gebracht. Als Leihgabe konnte die Schau jetzt etwa Franz Marcs »Weidende Pferde IV« aus einem Museum in Massachusetts ergattern. Emil Noldes »Masken« kommt aus Kansas City, Paula Modersohn-Beckers »Selbstbildnis mit roter Rose« aus einer Hamburger Privatsammlung. Die »fünf Frauen auf der Straße« von Kirchner schickt das Kölner Museum Ludwig.

Wenn all der hohe Besuch sich verabschiedet hat, werden die Essener Restbestände der Moderne wohl bald in den 60er-Jahre-Bau des Museums einziehen können, wo zur Zeit noch gründliche Renovierungsarbeiten im Gange sind. Chipperfields schöner Neubau ist indes bereits komplett in Betrieb. Links der Foto und Grafik vorbehaltene Trakt: Neben einer Schau mit zeitgenössischer Zeichenkunst präsentiert das Plakatmuseum dort derzeit Werke aus eigenem Bestand. Das Bonbon bietet daneben die erstklassige Foto-Sammlung mit einer Porträt-Ausstellung, die exzellente Serien aus mehr als 150 Jahren auffährt.

Weniger überzeugen kann vis-à-vis die ständige Ausstellung mit Kunst ab 1945. Im Zentrum breiten sich Richter, Rothko, Pollock, Palermo und einige Schwergewichte mehr aus. Doch das Miteinander hakt – zündende Zwiegespräche zwischen den Stars kommen nur selten in Gang. Lieber hält man sich am Rande des prominenten Geschehens, wo die Dauerausstellung mit der großzügigen Präsentation aktueller Neuzugänge auf dem Weg Richtung Gegenwart fortschreitet. Ganz im Sinne von Karl Ernst Osthaus bleibt Essen weiter am Puls der Zeit.

Museum Folkwang, Essen. 20. März bis 25. Juli 2010. Tel.: 0201/8845444; www.museum-folkwang.de

Kunst
03 / 2010

DIE VERLORENE MODERNE


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