DIE WELT IM PRÄPARAT

Carl Strüwe ist als Pionier der künstlerischen Mikrofotografie in die Kunstgeschichte eingegangen. Und dann vergessen worden. Die Kunsthalle und der Kunstverein seiner Geburtsstadt Bielefeld versuchen eine Wiederentdeckung.

 

TEXT: ANDREJ KLAHN

Vielleicht musste Carl Heinrich Jakob Strüwe erst heiraten, um als Fotograf in Erscheinung zu treten. Die nahe liegende Vermutung, dass er sich davon eine gesicherte materielle Basis für sein Schaffen versprach, entbehrt jedoch jeder Grundlage. Am 28. Dezember 1923 gibt Strüwe Hedwig Haase das Jawort. Zu dieser Zeit hatte sich der Lithograf, der über fünf Jahrzehnte, also ein Arbeitsleben lang, in seinem Bielefelder Lehrbetrieb E. Gundlach arbeiten sollte, vor allem als Zeichner versucht. Er fertigte Landschafts- und Naturstudien aus der Bielefelder Umgebung. Nach der Hochzeit aber legt Strüwe Bleistift, Kreide, Kohle und Feder zur Seite, um mit Gattin und Kamera auf Reisen zu gehen, nach Italien, Österreich, Algerien oder Tunesien.

Thematisch bleibt sich Strüwe zunächst treu. Allein die Reichweite hat sich verändert. Landschaften interessieren ihn noch immer, das Gebirgsmassive der Dolomiten etwa. Sein erstes größeres Thema findet der 1898 in Bielefeld Geborene zufällig auf dem Marktplatz in Neapel, wo er den Richtblock sieht, auf dem 1268 Konradin, der letzte legitime Erbe der Staufer-Dynastie, enthauptet wurde. Strüwe beschließt, den Spuren der »Hohenstaufen in Italien« mit dem Fotoapparat zu folgen. Dabei geriet ihm irgendwann das reich illustrierte vogelkundliche Falkenbuch Friedrich II. in die Hände, über das er später schreiben sollte: »Alles atmet solchen Ernst und solche Beobachtungsschärfe, daß es kein Liebhaberwerk, sondern schön gestaltete Wissenschaft ist, was sich hier in sechs Teilbüchern auf Pergamentseiten ausbreitet.«

Der Schauwert naturwissenschaftlicher Erkenntnis hatte es Strüwe angetan. Mit dem Lichtmikroskop und der Balgenkamera, die er wie eine ausgezogene Ziehharmonika über dem Okular montierte, nahm er 1926 seine erste Mikrofotografie auf. Dafür bastelte Strüwe sich eine Blende, mit der er das Sehfeld des Mikroskops zum Tafelbild begradigte. Kunst sollte es sein, was sich auch dem Titel des Bildes leicht ablesen lässt, der nicht den dargestellten Gegenstand – das stark vergrößerte Fischbein eines Wals –, sondern die Bildkomposition beschreibt: »Weiß über Grau schwebend«. Zu sehen ist eine Ansammlung unterschiedlich großer weißer Kreise, um die herum sich dunkelgraue Höhenlinien auszubreiten scheinen. Malerei mit dem Fotoapparat, die abstrakte Formen in der Natur angelegt findet.

Fortan sollte sich der Autodidakt über 30 Jahre lang für die Welt im Präparat interessieren. Mit Auflicht, Durchlicht oder Seitenlicht setzt er seine Stars, die Kieselalgen, Sonnenblumenpollen oder Schlammfliegenfüße in Szene. Lackritzschneckenartig eingerollt zeichnet sich der dunkle Saugrüssel des Kohlweißlings vor hellgrauem Hintergrund ab; und die Schneckenzunge wirkt in 120-facher Vergrößerung bedrohlich wie ein gezacktes Sägeblatt.

Zu sehen sind diese Bilder in der ersten umfassenden Retrospektive, die die Kunsthalle Bielefeld Carl Strüwe zusammen mit dem städtischen Kunstverein unter dem Titel »Reisen in unbekannte Welten« ausrichtet. Eine Wiederentdeckung, wobei auch die Zeichnungen und die späte Malerei genauso wie zeitgenössische fotografische Positionen berücksichtigt werden.

Verfolgt werden kann, wie die mikrofotografischen Aufnahmen zu veritablen Kompositionen raffiniert werden. Mit Hilfe der Mehrfachbelichtung bringt Strüwe in den 1950er Jahren durchscheinende Bücherwanzen gegeneinander in Stellung, er ordnet colaflaschenförmige Kieselalgen neben- und übereinander an, legt ihre gläsernen Schalen zu Mustern aus. Die Bilder tragen sprechende Titel wie »Rhythmische Konturen« oder »Humoreske im Wassertropfen«. Trümmer der Kieselalge arrangiert er zu einer zerbröselnden »Endzeit-Melancholie«.

Strüwes Hauptwerk, »Formen des Mikrokosmos«, erscheint 1955. Spätestens zu diesem Zeitpunkt gilt er als Pionier der künstlerischen Mikrofotografie, der mit seinen Arbeiten zu Lebzeiten in wichtigen Ausstellungen wie etwa der 1956 von György Kepes am Massachusetts Institute of Technology ausgerichteten Schau »The New Landscape in Art and Science« vertreten ist. Was ihn nicht davor bewahrt hat, nach seinem Tod 1988 in Vergessenheit zu geraten. Nach Nahsicht der kleinen Dinge aber ist es kaum zu fassen, dass der Name Carl Strüwe nicht schon längst in einem Atemzug mit Karl Blossfeldt oder Ernst Haeckel genannt wird.


Carl Strüwe, Reisen in unbekannte Welten. Bis 13. Mai 2012 in der Kunsthalle Bielefeld. Tel.: 0521/32999500. www.kunsthalle-bielefeld.de

Carl Strüwe im Kontext zeitgenössischer Fotografie. Bis 29. April 2012 im Bielefelder Kunstverein. Tel.: 0521/178806. www.bielefelder-kunstverein.de

 

 

Kunst
03 / 2012

DIE WELT IM PRÄPARAT

Von: ANDREJ KLAHN


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