Joseph Beuys 1973 bei seiner symbolischen Rückkehr an die Akademie. Im Einbaum des Künstlerkollegen Anatol überquert man feierlich den Rhein. Foto: Brigitte Hellgoth

EIN PARADIESGÄRTLEIN FÜR DEN BOMBER

Am 23. Januar vor 25 Jahren starb Joseph Beuys – was ist übrig geblieben vom großen Schamanen? K.WEST hat sich umgeschaut: Am Niederrhein, wo er vor bald 90 Jahren zur Welt kam. Und in Düsseldorf, wo Beuys die längste Zeit seines Künstlerlebens verbracht hat.

TEXT: STEFANIE STADEL

Hinterm Haus soll er eine Art Paradiesgärtlein angelegt haben. Mit Myrte, Lorbeer und Olive holte der Künstler sich den Süden in seinen kleinen Innenhof. Joseph Beuys liebte Italien, kam allerdings nicht allzu oft dorthin. Denn Urlaub gönnte er sich kaum. Die Kunst – im erweiterten Sinne – hielt das Arbeitstier daheim. In Düsseldorf verbrachte Beuys die längste Zeit seines Künstlerlebens.

Gotthard Graubner hatte dem Kollegen 1961 die Bleibe mit Atelier und Innenhof am  Drakeplatz 4 in Oberkassel besorgt – heute eine recht noble Wohnlage. Beuys lebte dort schlicht möbliert mit seiner Frau und bald mit den beiden gemeinsamen Kindern. Sein Düsseldorfer Berufsleben spielte sich gegenüber, auf der anderen Seite des Rheins ab. Rund um den Grabbeplatz, wo bald die große Beuys-Retrospektive in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zu Ende geht.

Zu den 300 Werken, die sich dort ausgebreitet finden, gehört auch die berühmte, mit Heftpflaster und Mullbinden bearbeitete Kinderbadewanne. In diesem Gefäß sei einst der Säugling Joseph Beuys gewaschen worden, hieß es. Würde das stimmen, hätte sie wohl in Krefeld gestanden, wo Beuys vor bald 90 Jahren zur Welt kam. Oder in Kleve, wo das vielseitig begabte Einzelkind aufwuchs – nicht immer ganz unbeschwert, wie es scheint. »Das Verhältnis zu meinen Eltern«, verriet er, »kann man nicht als eng bezeichnen«.  

Die strenge Mutter tat sich wohl schwer mit den Extravaganzen des Sohnes. Im »Königlichen Gymnasium«, das heute anders heißt, aber noch immer an der Ringstraße in Kleve steht, erwarb Joseph sich sagenhaftes Ansehen mit haarsträubenden Mut- und Geschicklichkeitsproben. »Bomber«, so nannten die Mitschüler den furchtlosen Typen, der sich einen Sport daraus machte, per Fahrrad von der Aula im obersten Stock über die breiten Treppen bis in den Keller hinabzurattern.

Spaß hatte Beuys auch mit seinen vielen Cousins und Cousinen. Er verbrachte viel Zeit im Haus des Onkels in Bedburg-Hau an der Gocher Landstraße. Weil der Fußweg dorthin zu lang war, benutzte der Junge die Straßenbahn, auf die er oft und lang warten musste. Dabei vielleicht versunken auf die Schienen blickend oder auf den »Eisernen Mann« – ein barockes Denkmal aus altem Kriegsgerät, das den Ort gewechselt hat, aber in Kleve blieb.

Die Skulptur hat offenbar nachhaltigen Eindruck gemacht. Denn Jahrzehnte nach den Erlebnissen an der Haltestelle fand das »seltsam rostige, schiefgesackte Gebilde« einen lauten Nachhall: Für die Venedig-Biennale schuf Beuys 1976 ein plastisches Ensemble aus Abgüssen der Denkmalteile, einer Straßenbahnschiene sowie dem Aushub eines Bohrlochs. Auch dieses Schlüsselwerk ist in der Düsseldorfer Werkschau zu bewundern, abgetakelt natürlich.

»Ich kann sagen, dass mich der ›Eiserne Mann‹ mein ganzes Leben beschäftigt hat«, verriet Beuys in einem Interview. »Seine Topographie hat mich außerordentlich stark berührt und wahrscheinlich zur Bildhauerei gebracht.« Doch zwischen die Stunden an der Haltestelle und den Anfängen des Künstlers geriet der Krieg. Gleich nach dem Abitur 1941 meldete Beuys sich freiwillig. Vier Jahre später kehrt er schwer angeschlagen und mehrfach ausgezeichnet zurück nach Kleve und startet ziemlich unverzüglich seine Künstlerkarriere.

Zunächst daheim, dann an der Düsseldorfer Akademie, die für Beuys zum Dreh- und Angelpunkt werden soll. 1953 beendet er hier sein Studium als Meisterschüler von Ewald Mataré, und acht Jahre später wird er am selben Ort gegen einige Widerstände zum Professor für monumentale Bildhauerei berufen: Für die Hochschule der Beginn einer mehr als unruhigen Ära, die auch nach dem Rauswurf des rebellischen Lehrers noch weitergeht. In der Akademie und – äußerst medienwirksam – vor Gericht.

In »Raum 3«, dem heutigen Dozentenzimmer der Hochschule gleich hinter der Pforte, gibt Beuys vor Pressevertretern die Gründung der »freien Hochschule« bekannt und hinterlässt 1982 ein Denkmal aus fünf Kilo Butter. Die Fettecke könnte heute noch an den großen Professor erinnern. Wäre ihr nicht eine übereifrige Putzfrau mit dem Lappen zu Leibe gerückt. Keine Spur ist geblieben.

Und so muss man sich auf Beuys’ Fährte durch die langen Akademieflure selbst um Erinnerungen bemühen. Etwa an die regelmäßigen Ringgespräche in »Raum 20«. An die Besetzung des Akademie-Sekretariats. Oder an die Gründung der »Deutschen Studentenpartei«, die 1967 in »Raum 13« stattfinden soll, nach einem Verbot von allerhöchster Stelle schließlich aber mit mehr als 200 Studenten und Journalisten auf der Wiese vor der Akademie über die Bühne geht. Ganz wichtig auch die Aula als Schauplatz manch denkwürdiger Aktion. Allen voran das Konzert Festum Fluxorum Fluxus, bei dem Beuys 1963 erstmals als Aktionskünstler auftritt.

Beuys ist fast täglich vor Ort. Arbeitet mit seinen Schülern und schätzt es, wenn nach einer längeren Besprechung oder Korrektur einer von ihnen den Anstoß gibt: »Kaffee trinken?« – »Ja, jetzt Kaffee!«, antwortet er dann. Anfangs ist es der »Ohme Jupp« an der Ratinger Straße, wo man zusammensitzt. Drinnen in der Stube erinnert ein Poster an den prominenten Gast: Da posiert Beuys wie üblich mit Hut, was an diesem Ort unfreiwillig komisch wirkt. Denn just über den Hut auf Beuys’ Kopf echauffiert sich 1967 ein sittenstrenger Kunde. Als der Wirt die Beschwerde weitergibt, zahlt Beuys seine Rechnung und kommt nie wieder. Zwar parkt im Oktober 1973 vor der Wirtshaustür jener Einbaum, mit dem der als Professor gekündigte Beuys bei seiner symbolischen Rückkehr an die Akademie feierlich den Rhein überquert hat. Doch sein Stammlokal ist längst ein anderes. Seit jener Geschichte mit dem Hut tagen der Lehrer und seine Schüler in der »Uel« schräg gegenüber. Die gemeinsame Tasse vormittags und nachmittags gehört für den harten Kern der Klasse quasi zum Tagesablauf, eine Art Ritual. In der Runde dreht sich auch hier fast alles um die Kunst – im erweiterten Sinne. Politik gehörte bekanntlich auch dazu.

Für sein ständig wachsendes Engagement auf diesem Terrain mietet Beuys 1970 mitten in Düsseldorfs Altstadt an der Andreasstraße 25 eigens ein Ladenlokal, wo er Bürger über konkrete politische Veränderungsmöglichkeiten wie Volksabstimmung, Wahlverweigerung und Selbstverwaltung unterrichten und befragen will. Die leuchtend blauen Scheiben hinten im Fenster zum Hof sind ein Geschenk von Yves Klein. Beuys lässt sie 1972 einbauen – und heute noch tauchen sie den Raum in ein ganz besonderes Licht. Inzwischen ist ein Geschäft mit Schmuck und Plunder eingezogen – in der Auslage Hüte aus alten Lederfußbällen. Ob der Meister so etwas getragen hätte?

Originell auch die Neunutzung von Konrad Fischers geschichtsträchtiger Galerie, Neubrückstraße 12. Jene Tordurchfahrt, in der sich Beuys zusammen mit der internationalen Avantgarde tummelte, hält heute als schicker Showroom für Damenschuhe her. Und etwas weiter im schmalen Eckhaus am Burgplatz 19, wo ein Thai-Imbiss an den Stehtisch bittet, lud vor vierzig Jahren Daniel Spoerri in seine Eat-Art-Galerie mit angeschlossenem Restaurant. Beuys hatte in diesen Räumen einst »1A gebratene Fischgräten« vom Hering mit Bindfäden an die Bilderleisten gehängt und per Zertifikat zu Kunstwerken erklärt. Auch stand er einmal selbst an Spoerris Herd. Geladenen Gästen servierte der Kochkünstler Krebssuppe, Schweinshaxe, dazu gedämpfte Schlangengurke und Kaffee mit Kokosnuss zum Dessert.

Bei dem inzwischen verzogenen Hans Mayer am Grabbeplatz 2 ließ sich Beuys seinerzeit  zum legendären Treffen mit Andy Warhol blicken. »Wer mit ansah, wie die beiden einander auf dem polierten Marmorboden entgegenschritten, der erlebte ein Ereignis, dessen feierliche Aura einem Treffen zweier rivalisierender Päpste in Avignon in nichts nachstand«, beschrieb ein Kritiker die Begegnung.

Beuys überall – und nirgendwo. Sehr genau ein Vierteljahrhundert nach dem Tod des Schamanen sind seine Spuren verwischt, die Stätten seines Wirkens in der Stadt umgewidmet. Noch allerdings blickt das Riesenbildnis des Meisters von der geschwungenen Fassade der Kunstsammlung auf die Lieblingsorte ringsum – doch mit Ende der Ausstellung Mitte Januar wird auch dieses verschwinden.

Was bleibt, ist ein »Loch« in der Kunsthalle gegenüber. Beinahe hätte man es übersehen. In Form eines unscheinbaren Ofenrohrs tritt das Drinnen und Draußen verbindende Kunstwerk aus der Wand zur Hunsrückenstraße hin und verrät viel: Über die Ziele des Künstlers, seine Methoden, seine Ironie. Nicht zuletzt, dass Beuys etwas hinterlassen hat: eine Lücke eben.

»Joseph Beuys. Parallelprozesse«; bis 16. Jan. 2011; K20 Kunstsammlung NRW, Düsseldorf. Tel. 0211/8381 204. www.kunstsammlung.de

Lektüre-Tipps:
Christiane Hoffmans vereint in ihrem Band »Beuys. Bilder eines Lebens« (Seemann Verlag) Recherchen zur Vita mit vielen Fotos – dabei heraus gekommen ist eine sehr lebendige Lebensbeschreibung mit allerlei neuen Details.
Die Kunstsammlung NRW hat aus Anlass der Beuys-Retrospektive einen Stadtplan herausgegeben, der gewissenhaft all die Düsseldorfer Wirkungsstätten des Künstlers verzeichnet.
»Joseph Beuys am Niederrhein« ist der Titel eines kleinen Büchleins, in dem der Förderverein »Museum Schloss Moyland e.V.« Beuys-Orte in der Gegend um Kleve beschreibt.

Kunst
12 / 2010

EIN PARADIESGÄRTLEIN FÜR DEN BOMBER

Von: STEFANIE STADEL


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