EINE FRAUENSACHE

Seit den späten 90er-Jahren widmet sich der Düsseldorfer Bildhauer Thomas Schütte trotzig dem anachronistischen Sujet Frauenplastik. Angefangen hat es mit Keramikfiguren, die ihm als Vorstudien für die späteren großformatigen Akte dienten. Im Museum Folkwang lässt sich nun überprüfen, wozu das Beharren auf ein »abgestandenes« Kunstgenre gut ist.

 

TEXT: ALEXANDRA WACH

Frauen sehen uns an. Sie sehen uns an, gereiht als unfertig zerlaufende Keramikspielereien auf mitten im Gang stehenden Regalen, die dem Entree den Anstrich einer Werkstatt geben. Sie kauern, liegen auf dem Bauch, verknotet wie ein Schlangenmensch, dann wieder aufbegehrend und mit erhobenem Haupt, als gelte es, das ganze Spektrum weiblicher Befindlichkeiten abzudecken. Gelungene und missglückte Formversuche leben in diesen Studien in friedlicher Nachbarschaft, schließlich wohnt jeder Verirrung auch eine potenzielle Umorientierung inne.

Ein einziger »Mann im Matsch« schaut sich das groteske Frauentheater aus sicherer Distanz an. 1982 leistete die ursprüngliche »Star Wars«-Figur Widerstand gegen ihre Neubestimmung zur Skulptur und fiel immer wieder um. Sie endete dennoch eingebettet in einem Haufen Wachs. Es war die erste Plastik von Thomas Schütte überhaupt, die seitdem in verschiedenen Versionen durch sein Werk geistert.

ÜPPIGE GRAZIEN

Lässt man diesen wie beiläufig inszenierten Atelierraum hinter sich, übernehmen die großen Schwestern der bunten Winzlinge aus den Serien »Ceramic Scetches« und »Es tut mir leid – Es tut mir sehr leid« das Kommando. Sie präsentieren sich im Museum Folkwang auf Rohstahltischen, die den Charme einer improvisierten Sezierunterlage versprühen. Ein Bruch mit den Erwartungen der Besucher, der angenehm irritiert – passt er doch gar nicht zu den konventionell gewählten symmetrischen Sichtachsen, die auch schon vor einem Jahrhundert wohlwollende Zustimmung gefunden hätten.

18 üppige Grazien in zwei langen Gängen. In anderthalb Jahren erwartet die Gruppe nach der Wanderschaft durch die Institutionen ein dauerhaftes Refugium auf der Raketenstation der Museumsinsel Hombroich. Dafür hat der Künstler persönlich mit einem Grundstückskauf gesorgt. Sein tonnenschwerer Harem, der ihm auch als Therapie seiner Frustration über das andere Geschlecht dient, wie er einmal sagte, soll schließlich nicht über den ganzen Globus zerstreut werden.

Nichts erinnert mehr bei diesem imposanten Defilee an das Experimentieren des Anfängers, auch wenn die dezent gehängten Zeichnungen und Aquarelle an den Wänden den Titel »Deprinotes« tragen. Die in Form eines Tagebuchs geführten Selbstporträts machen mitunter auch schon mal den Eingang zur Hölle ausfindig, bitten Gott um mehr Geduld und lassen Selbstzweifel des 58-jährigen Urhebers erahnen. Blumen, Obst und Kaffeetassen, die den Kontrapunkt bilden, können zwar nicht wirklich als schwermütig gelten, aber vielleicht lag es doch an der betulichen Technik des Tuschezeichnens, dass die wie Fremdkörper wirkenden Kommentare schwarze Galle spucken.

DEKLINATION DES GENREVOKABULARS

Provozierte der auf dem Markt und im Museumskontext überaus erfolgreiche Düsseldorfer Bildhauer mit seinen Architekturmodellen der »Ferienhäuser für Terroristen« noch den sorglos unpolitischen Zeitgeist, haftet den nach innen versunkenen Posen seiner »Frauen« auf den ersten Blick eine seltsame Rückwärtsgewandtheit an. Sie dekliniert das klassische Genrevokabular von Rodin über Picasso bis zu Henry Moore durch, wozu etwa auch das Motiv der Liegenden ebenso gehört wie die Bestimmung als Monument im öffentlichen Raum. Manch eine aggressiv lackierte Oberfläche wiederum erinnert an die berühmt-berüchtigten Ballonhunde von Jeff Koons, die regelmäßig Auktionsrekorde brechen und vor allem bei russischen Oligarchen reißenden Absatz finden.

Alles deutet darauf hin, dass sich der mehrfache Documenta-Teilnehmer und Preisträger der Kunstbiennale Venedig von 2005 ungezogen über Vorschriften jeglicher Art hinwegsetzen möchte, was als zeitgenössisch, geschmackvoll oder peinlich zu gelten habe. Zur Not schießt er in seinem Freiheitsdrang übers Ziel hinaus, Zuspruch von der falschen Seite scheint es für dieses postmoderne Enfant terrible ohnehin nicht zu geben. Die zwischen 1998 und 2006 entstandene Serie von Skulpturen bietet immerhin nicht nur eine klare Rangordnung von Nr.1 bis Nr.18, sondern auch gutes altmodisches Handwerk und einen großen Materialreichtum an.

Wirkungsvoll ausgeleuchtet schmeicheln die hingestreckten Namenlosen mit ihren Rundungen dem Auge, gegossen in Bronze, Aluminium und Stahl. Die Details sprechen beim genaueren Hinsehen eine andere Sprache. Spuren von Hassliebe schleichen sich ein. Wenn die Körper nicht zersägt wurden, sorgten Schläge für dekorative Schraffuren. Vor allem die Lockenfrisuren gleichen mit ihren unzähligen Deformationen regelrechten Schlachtfeldern, denen auch eine angesteckte kitschige Bronzeblüte nicht beizukommen weiß.

GNÄDIGE LÄDIERUNGEN

Die dramaturgisch abgestimmten Temperaturwechsel waren dem Abgänger der Düsseldorfer Akademie, der 1984 in Kasper Königs Überblicksschau »von hier aus« auf sich aufmerksam machte, offenbar nicht effektiv genug. Jedes Motiv gibt es in unterschiedlichen Ausprägungen, die man nur zu Gesicht bekommt, wenn man wie ein Groupie den Stationen der Tournee folgt. Der Schau in Essen sind bereits einige vorangegangen, unter anderem waren fünf der Akte 2002 in einer früheren Schütte-Schau des Hauses vertreten.

Warfen die Keramiketüden mit ihren verrenkten Gliedern noch Rätsel auf, scheint sich manch eine der großformatigen Damen ihrer täglichen Yoga-Gymnastik zu widmen. Da gerät schon mal das Gesäß an die Stelle des Kopfes, der ohnehin häufig fehlt oder klare Gesichtszüge vermissen lässt. Eine andere Mitwirkende muss unter eine Plattwalze geraten sein, erdrückt klebt sie auf dem Sockel und erzählt von den Dramen, die sich im Kampf der Geschlechter um Liebe, Eifersucht und Einsamkeit flechten. Nr.4 begnügt sich zur Abwechslung mit abstrakter Stummheit, keine Erzählung weit und breit. Seht her, scheint sie zu sagen, wir können auch anders.

Wer noch »Die großen Geister« aus dem malträtierten Gedächtnis abrufen kann, eine Schar anatomisch dysfunktionaler Michelinmännchen-Klone, die 2009 ihren großen Auftritt in der Retrospektive im Münchner Haus der Kunst hatten, wähnt sich jetzt fast auf festem Boden. Die Lädierungen der zum ersten Mal zusammengeführten Odalisken muten geradezu gnädig an. Die Diskrepanz zwischen dem verehrenden Ernst der kunsthistorischen Vorgänger aber und den ironischen Fallen des Körperkults, in die Schütte seine eitlen Heldinnen tappen lässt, könnte nicht größer sein. Selbst griechisch anmutende Torsi winken um die Ecke und verschmelzen als warnende Schönheitsmahnmale in ihrer erdfarbenen Vergänglichkeit mit dem rostigen Untersatz zu Mensch-Podest-Mutanten.

Schütte mag sich mit der Absage an die Tradition nicht abfinden. Ein humorloser ewig Gestriger ist er trotzdem nicht. Darin folgt er Gerhard Richter, der seit Jahrzehnten den Verlust der alten Malereikultur betrauert und inzwischen seine eigenen abstrakten Gemälde im Computer zu horizontalen Streifenbildern bearbeitet. Man kann diese Delegierung des kreativen Prozess als eine Kapitulation deuten, oder den letzten Versuch, etwas Neues mit den Mitteln des Hier und Jetzt zu erschaffen.

Von diesem Schritt ist sein ehemaliger Schüler weit entfernt. So wie er sich in seinen Modellen und Installationen mit der Utopie des sozialen Wohnungsbaus auseinandersetzt, mit der Selbstmontage-Kultur kokettiert, dem Übervater Mies van der Rohe gegen den Strich huldigt oder den Utopien des Bauhauses zu unverhofften Realisierungen verhilft, so arbeitet er sich bei den Frauenskulpturen mit der Handschrift anderer ab, um sie in einem Akt bulemischer Aneignung einem polyfonen Update zu unterziehen. Dass die Kategorie der Überholtheit danach selbst obsolet wirkt, darf getrost unter Zeitgenossenschaft verbucht werden.


Bis 12. Januar 2014. Tel: 0201/8845160. www.museum-folkwang.de

 

Kunst
11 / 2013

EINE FRAUENSACHE

Von: ALEXANDRA WACH


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